Literaturnobelpreis 2020 Zur Abwechslung ohne Skandal

Belästigungsvorwürfe, Indiskretionen, die Debatte über Peter Handke: Nach von Affären geprägten Jahren ruft die Schwedische Akademie am Donnerstag den Gewinner des Literaturnobelpreises aus. Wer gilt als Favorit?
Literaturnobelpreisträger Olga Tokarczuk, Peter Handke 2019 in Stockholm

Literaturnobelpreisträger Olga Tokarczuk, Peter Handke 2019 in Stockholm

Foto: Henrik MONTGOMERY/ TT NEWS AGENCY/ AFP

Wer am Donnerstagmittag in Stockholm von Mats Malm, dem Ständigen Sekretär der Schwedischen Akademie, als Gewinner des diesjährigen Literaturnobelpreises ausgerufen wird, ist ungewiss. Gewiss ist erst mal nur dies: Die traditionelle prunkvolle Verleihungszeremonie im Dezember fällt dieses Jahr aus. Eine Diskretion, die manche für übertrieben halten werden, andere aber vielleicht auch willkommen heißen. Denn die Schwedische Akademie, die den Preis vergibt, hat skandalträchtige Jahre hinter sich, in denen es um die Mitglieder und ihr Umfeld sowie die Wahl der Preisträger ging.

Ein Rückblick: Die Krise begann mit einem Skandal um das mittlerweile ausgetretene Akademiemitglied Katarina Frostenson und ihren Ehemann Jean-Claude Arnault. Im Zuge der #MeToo-Debatte hatten 18 Frauen öffentlich Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung und Übergriffen gegen Arnault vorgebracht. Ende 2018 wurde er dann wegen Vergewaltigung zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Außerdem warf die Akademie Frostenson vor, die Preisträger vorab verraten und so gegen ihre Geheimhaltungspflicht verstoßen zu haben. Weil wegen des Skandals einige Akademie-Mitglieder ihre Mitarbeit aufkündigten, war die Vergabe der Auszeichnung 2018 ausgefallen.

2019 sollte dann mit der Vergabe von zwei Nobelpreisen und einem reformierten Auswahlprozess der Weg aus der Krise beginnen. Zum fünfköpfigen Auswahlkomitee der Akademie stießen fünf externe Gutachter aus Literatur und Literaturkritik hinzu. Zum Jahresende verließen allerdings zwei Gutachter gleich schon wieder das Komitee: Zwar war die Auszeichnung der polnischen Autorin Olga Tokarczuk, die erst die 15. Frau ist, die den Preis erhielt, positiv aufgenommen worden. Überschattet wurde sie jedoch von dem Nobelpreis für den umstrittenen österreichischen Schriftsteller Peter Handke, der weltweit für Aufsehen sorgte.

Handke hatte sich während der Jugoslawienkriege mit Serbien solidarisiert und 2006 auf der Beerdigung des sechs Jahre zuvor gestürzten serbischen Ex-Diktators Slobodan Milošević eine Rede gehalten. Der Autor Saša Stanišić, der 1992 aus Bosnien nach Deutschland fliehen musste, kritisierte Handkes proserbische Haltung bei seiner Dankesrede für den Deutschen Buchpreis.

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"International betrachtet ist das eine mindestens mittelgroße Krise gewesen", sagt der Kulturchef der schwedischen Tageszeitung "Dagens Nyheter", Björn Wiman, über Handkes Auszeichnung. Deshalb gehen viele Beobachter nun davon aus, dass die Wahl in diesem Jahr anders wird: weniger politisch aufgeladen, weniger europäisch, weniger männlich. "Ich glaube, dass sie eine sichere Wahl treffen werden", sagte Wiman der Deutschen Presse-Agentur.

Murakami oder Atwood?

Bei dem Wettbüro Ladbrokes in London ist die kanadische Dichterin Anne Carson Favoritin, gefolgt von der Russin Ljudmila Ulizkaja, der Kanadierin Margaret Atwood und Maryse Condé aus Guadeloupe, die bereits 2018 den alternativen Literaturnobelpreis erhielt. Auch die Dauerkandidaten Haruki Murakami aus Japan und Ngũgĩ wa Thiong’o aus Kenia sind wie so oft bei den Buchmachern mit im Wettrennen um den mit zehn Millionen Kronen (rund 950.000 Euro) dotierten Preis.

Natürlich ist das Rennen noch völlig offen. Immerhin eines steht aber schon fest: der Ort der Preisvergabe. Urkunde und Medaille werden dem Gewinner oder der Gewinnerin in ihren Heimatländern übergeben -  in einer schwedischen Botschaft oder in ihrer jeweiligen Universität.

lag/dpa