Literaturnobelpreisträger Tranströmer Jedes Wort ein Schwergewicht

Er schrieb nur knapp 400 Seiten in 60 Jahren: Der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer ist ein Meister der Reduktion, seine Texte entfalten größte Wirkung mit geringsten Mitteln. Der Literaturnobelpreis für ihn ist auch ein Signal gegen die groteske Überproduktion des Buchbetriebs.
Tomas Tranströmer: Arbeit am Kondensat der Poesie

Tomas Tranströmer: Arbeit am Kondensat der Poesie

Foto: TT NEWS AGENCY/ REUTERS

Als Reporter des schwedischen Fernsehens Tomas Tranströmer anlässlich seines 80. Geburtstags im April 2011 besuchten, setzte sich der Dichter, nachdem man mit Champagner angestoßen hatte, ans Klavier. Er spielte ein Stück des russischen Komponisten Reinhold Glière - einhändig.

Man kann in diesem Auftritt durchaus ein Symbol für den Stil des Lyrikers sehen, der nun mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird. Nicht etwa, weil er, wie wohl fast alle Dichter, seine Verse neben dem eigentlichen Brotberuf verfasst hat. Sondern weil das Reduzierte, Sparsame für Tranströmers Arbeit typisch ist - und weil er sich sein Werk seit 20 Jahren trotz einer Behinderung nach einem Schlaganfall abringt.

Tranströmers Gesamtwerk ist übersichtlich: Seit der damals 23-Jährige vor fast sechs Jahrzehnten mit dem programmatisch betitelten, schmalen Band "17 Gedichte" debütierte, ist es auf nicht einmal 400 Seiten angewachsen. Zuletzt erschien 2004 "Das große Rätsel", ein Band mit fünf Gedichten und einer Handvoll Haikus, über den der schwedische Schriftsteller Aris Fioretos schrieb: "Es ist, als würde jeder Dreizeiler das Himmelsgewölbe neu erfinden."

Geboren wurde Tranströmer am 15. April 1931 als Sohn einer Lehrerin und eines Journalisten. Er studierte in Stockholm Literaturgeschichte, Religionsgeschichte und Psychologie. Von 1960 bis 1966 arbeitete er als Psychologe im Jugendstrafvollzug. Einen Besuch im Jugendgefängnis von Hällby fasst er damals in einem Haiku in äußert zurückhaltende Worte: "Der Junge trinkt Milch, und schläft geborgen in seiner Zelle, eine Mutter aus Stein." Es ist ein Gedicht mit doppeltem Boden. Mag der Glaube an die Fürsorglichkeit nicht nur des schwedischen Sozialstaats, die in diesen Zeilen evoziert wird, den Leser auch zuerst einlullen - beim zweiten Lesen bleibt ihm, wie auch dem Jungen in seiner Zelle, nur eines: der Stein.

Schreibstube nicht geschlossen

In den achtziger Jahren war Tranströmer beim Arbeitsmarktinstitut in Västerås tätig. Einschneidendes Ereignis jener Lebensphase war der Schlaganfall, den der Dichter 1990 erlitt. Nicht nur sein gesamtes Sprachzentrum, sondern auch die Fähigkeit, die rechte Hand zu bewegen, sind seitdem eingeschränkt. Stetig weitergearbeitet hat er trotzdem - bis heute. Kurz nachdem ihm die Meldung überbracht wurde, dass er der nächste Träger des Literaturnobelpreises sei, sagte er dem "Svenska Dagbladet": "Ich habe die Schreibstube nicht geschlossen."

Die Auszeichnung für Tomas Tranströmer ist die erste für einen Lyriker seit 1996. Damals war die Polin Wislawa Szymborska geehrt worden. Man kann die Wahl Tranströmers als Entscheidung einer Jury betrachten, die sich ihres Tuns, auch wenn man das manchmal nicht glauben mag, sehr wohl bewusst ist: Anders als im Falle des erfolgreichen Romanciers Mario Vargas Llosa 2010, setzt sich die Schwedische Akademie nicht dem Verdacht aus, aus populistischen Motiven gehandelt zu haben; anders als bei den Ehrungen für Harold Pinter (2005) oder Dario Fo (1997) dürfte kaum jemand vermuten, hier werde die politische Gesinnung mitprämiert. Anders als Gao Xingjian (2000) ist Tranströmer kein Exot, dessen literarische Leistung schwer einzuschätzen ist.

Die Ehrung für Tomas Tranströmer ist eine Ehrung für die Arbeit am Kondensat der Poesie. Immer wieder beschäftigt sich Tranströmer mit der Vergänglichkeit des Menschen, ein klassisches Thema der Dichtung - und kommt dabei mitunter zu überraschenden Pointen: "Ein Begräbnis war es, und ich spürte, dass der Tote meine Gedanken besser las, als ich selber", stellt er in dem Gedicht "Aus dem Juli '90" fest. In einem Haiku heißt es: "Die Sonne steht tief jetzt. Unsere Schatten sind Riesen. Bald ist alles Schatten."

Durch den Nachthimmel davon

In "Der vergessene Kapitän" schreibt er: "Und über die Toten zu schreiben, ist auch ein Spiel, das schwer ist von dem, was einst kommt." Es sind auch derartige, bis ins Letzte mit Ernst aufgeladenen Zeilen, die Tranströmer zu einem bedeutenden Gegenwartslyriker werden ließen - abstrakt allerdings wirken seine Gedichte nie. Sie bleiben anschaulich und lebendig.

In seinem Meisterwerk, dem sagenhaften Gedicht "Schubertiana", schafft es Tranströmer, Ortsbeschreibung, Musik, Metaphysik und Pantheismus miteinander zu verbinden. Es gipfelt in der Ahnung des Erzählers, plötzlich spüre er, "dass die Pflanzen Gedanken haben".

Dem deutschsprachigen Publikum wurde Tomas Tranströmer Mitte der Sechziger von Nelly Sachs vorgestellt, die 1966 selbst Trägerin des Literaturnobelpreises war. 1974 veröffentlichte Tranströmer das mit Familiengeschichte und Naturbildern gesättigte "Ostseen" - für seine Verhältnisse geradezu ein Langgedicht. Es umfasst elf Seiten. Über den Anblick einer alten Fotografie schreibt Tranströmer dort: "Ein Mann um die dreißig: die kräftigen Augenbrauen, das Gesicht, das mir geradezu in die Augen blickt und flüstert: 'Hier bin ich.' Aber es gibt niemand, der sich erinnert, wer 'ich' ist."

Zeilen, bei denen es einem kalt den Rücken hinunter läuft. Und mag Lyrik auch eine Gattung sein, die sich der Wertschätzung des emotional leicht überkandidelten Teils der Menschheit erfreut: Tomas Tranströmer spart nicht nur mit Wörtern, er erzielt auch seine Wirkung mit knappsten Mitteln.

Für den internationalen Literaturbetrieb mit seiner grotesken Überproduktion kann man sich kaum ein revolutionäreres Gegenbeispiel vorstellen als das von Tomas Tranströmer: In fast 60 Jahren kaum ein Buchstabe zu viel. "Ich habe so kärglich an euch geschrieben. Doch was ich nicht schreiben konnte, schwoll und schwoll an wie ein altmodisches Luftschiff und glitt schließlich durch den Nachthimmel davon", hatte der Dichter schon 1973 resümiert. Besser hätte er seine eigene Poetik nicht zusammenfassen können.