Literaturthema Alltag Wirklichkeit, echt jetzt

Richard Ford hat mit "Die Lage des Landes" mal wieder einen Riesenroman vorgelegt. Da könnte man neidisch werden: Wie wirklichkeitsnah die Amerikaner doch erzählen! Dabei versuchen das auch die Deutschen - vor allem jüngere Autoren entdecken den Alltag als Thema.

Von Dirk Knipphals


Die Amerikaner wollen erzählen, die deutschen Schriftsteller kümmern sich um die Kunst – das ist eine Unterscheidung, die im Bereich der Literatur immer mal gerne getroffen wird. Wie wenig sie die besonderen Qualitäten der neuen US-amerikanischen Romane trifft, kann man in diesen Tagen gut sehen, da Richard Fords Werk "Die Lage des Landes" in die Buchhandlungen geliefert wird.

Autor Ford: Erstklassige Texte mit Mittelklasse-Themen
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Autor Ford: Erstklassige Texte mit Mittelklasse-Themen

Auf 720 Seiten erzählt der 62-Jährige von einigen Tagen im Leben seines Helden Frank Bascombe, der bereits im Mittelpunkt seiner Romane "Der Sportreporter" und "Unabhängigkeitstag" stand. Autofahrten durch die Viertel der amerikanischen Mittelklasse, Prostataleiden, Probleme mit den Frauen in der "Permanenzphase" des Lebens mit Mitte Fünfzig – und das alles so kunstvoll, so eingehend und in den Darstellungsmitteln so reflektiert, dass dieses Buch keinen Vergleich mit der großen europäischen Romankunst zu scheuen braucht.

Aber natürlich existieren signifikante Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Literatur, man kommt ihnen nur nicht auf die Spur, wenn man den Amerikanern die Kunstreflexion und den Deutschen den Erzählwillen abspricht. Interessanter ist es, sich anzusehen, mit welcher Haltung in den jeweiligen Büchern der Alltag geschildert wird. Der Hauptunterschied zwischen amerikanischen und deutschen Erzählern liegt darin, wie sie sich erzählend zur gesellschaftlichen Gegenwart verhalten.

Intimität und Trivialität

Wer Fords "Lage des Landes" gelesen hat, wird überzeugt sein, sich im Denken eines mittelalten Mannes der amerikanischen Mittelschicht gut auszukennen. Bis auf die Toilette folgt der Autor seinem Helden. Nichts wird beschönigt, nichts ausgelassen. Damit erweist sich Ford wie schon in seinen vorangegangenen Büchern als würdiger Vertreter der amerikanischen Erzähltradition, wie sie auch John Updike und Philip Roth repräsentieren. Nichts Menschliches ist diesen Autoren fremd.

Das Besondere dabei: Das ganz normale Leben wird nicht nur analysiert, kritisiert, ausgeleuchtet und ernst genommen. Es wird zugleich auch gefeiert. Viel Mühe verwenden diese Autoren darauf, gerade auch die Individualität und innere Komplexität ihrer Alltagshelden zu beschreiben. Gerade von ihnen erhoffen sie sich Aufschlüsse über die Gegenwart. Gesellschaftsbeschreibung funktioniert in der amerikanischen Literatur der Gegenwart nicht vom großen Ganzen, sondern vom individuellen Besonderen her.

In seiner Autobiografie "Selbst-Bewusstsein" beschreibt John Updike sein literarisches Selbstverständnis mit den Worten: "Ich betrachtete mich als literarischer Spion im Amerika des Durchschnitts, der öffentlichen Schulen, der Supermärkte. Dort fühlte ich mich wohl, dort gab es die wirklichen Neuigkeiten für mich." Darin liegt die besondere Feier des Alltags in den amerikanischen Romanen begründet: Gerade im Alltäglichen wollen sie die "wirklichen Neuigkeiten" über das Leben aufspüren.

Distanziert dabei

Das ist in vielen aktuellen deutschen Romanen anders. Ein gutes Beispiel sind die Bücher von Wilhelm Genazino. Der Frankfurter Erzähler und Büchnerpreisträger des Jahres 2004 ist auch sehr nah am Alltag seiner Figuren dran, die wesentlichen Tätigkeiten seiner Helden bestehen im Beobachten, im Nachdenken über sich selbst und im Treffen anderer Menschen.

Aber die Haltung ist grundverschieden. Bei Genazino hat das Erzählen vom Alltag stets etwas ironisch Gebrochenes, Distanziertes. Anstatt den Alltag als das große Abenteuer der Gegenwart zu begreifen, so wie Richard Ford das tut, scheint sich Genazino über das Leben ständig ein bisschen zu wundern. Das emphatische Hineinwühlen ins Leben der Figuren, das den Erzählwillen vieler Amerikaner antreibt, geht ihm ab.

Hier wirken langfristige literarische Traditionen nach. So sehr sich die amerikanischen Autoren bei europäischen Klassikern wie Proust oder Kafka geschult haben, bei ihnen ist immer noch die pantheistische Tradition etwa eines Ralph Waldo Emerson lebendig. Ihr zufolge gilt es, die Schöpfung Gottes gerade in den Details des Lebens aufzuspüren – ein Antrieb, der sich auf die eher agnostisch denkenden amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart überträgt, den deutschen Schriftstellern aber fremd ist.

Eher hält man es hierzulande mit der Ästhetik eines Klassikers wie Friedrich Schiller, der den gesellschaftlichen Alltag dem Zwang und der Zweckrationalität zuordnete und folgenschwer dichtete: "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Wer so denkt, wird im Supermarkt nur Konsum und Entfremdung finden, keineswegs aber – wie Updike und auch Richard Ford – zentrale Einblicke in das Leben heute.

Außerdem schreiben amerikanische Autoren in der Nachfolge einer langen liberalen und individualistischen Tradition. In Deutschland dagegen sind die Folgen der Nazizeit kaum zu überschätzen. Noch vor ein, zwei Generationen gehörte es zum selbstverständlichen deutschen Lebensgefühl, dass, so wie der Philosoph Theodor W. Adorno es in einem berühmten Brief an Thomas Mann formulierte, "der Nachbar in der Trambahn ein Henker gewesen sein kann". Der Alltag hatte etwas Unheimliches, und viele Schriftsteller hielten es mit Hamlet: Es war etwas faul im Staate Deutschland. In so einer Situation ist es kaum möglich, seinen Erzählwillen aus der Beschreibung und gleichzeitigen Feier des Alltags zu gewinnen.



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