Belgiens Literatursensation Lize Spit Unter dem Eis die Jugend

Erwachsenwerden ist brutal: Das ist in Lize Spits Debütroman "Und es schmilzt" wörtlich zu nehmen. Die Geschichte über eine Freundschaft in der belgischen Provinz ist ein Mittel gegen den Horror.
Autorin Lize Spit

Autorin Lize Spit

Foto: Roos Pierson

Der Geruch von Schlaf hängt in den Räumen, als Eva wieder im Kaff ihrer Kindheit eintrifft, zum ersten Mal seit neun Jahren. Obwohl es bereits Mittag ist, die Eltern pennen noch. Dieses Saure, Verschwitzte, wenn der Atem klein wird: Dieser hingeworfene Eindruck reicht der Autorin Lize Spit, um offenbar werden zu lassen, wie immens die emotionale Distanz in jener Familie ist, aus der ihre Erzählerin floh.

Wie gewaltig die Entfernung immer war, reißt auf, als ihre Eva ins Bad schleicht, sie zieht eine Schublade auf, findet ihren alten ungewaschenen Schlafanzug, "in dem noch die Form meines früheren Körpers steckt". Und erinnert sich daran, wie alle - ihre Eltern, sie, ihr älterer Bruder Jolan, die jüngere Schwester Tesje - einen eigenen Kulturbeutel hatten, eigene Seife, eigene Zahnpasta: "Ganz langsam waren wir bereits beim Einpacken, alle hatten wir ein anderes Ziel vor Augen."

Lize Spits "Und es schmilzt", ein Roman über einen Jugendsommer, das Davor und das Danach, ist vollgepackt mit derlei funkelnden Momenten. Eben deswegen ragt die Geschichte weit über die reine Initiationsstory hinaus. Spit erzählt derart eindringlich über die brutale Dynamik von Freundschaften und stummer Familienwelten, dass sich darin Allgemeingültiges spiegelt: von Verlorensein, Schmerz, Sehnsucht, Rettung. Und dabei fängt sie mit munterem Ton das Drama des Erwachsenwerdens ein, das manchmal nur darin besteht, einen heißen Nachmittag lang einen Plan auszubaldowern, um gemeinsam im Garten zelten zu dürfen.

Zwischen Dazugehören und Abgrenzen

Im Zentrum steht das Trio Eva, Pim und Laurens, an der haarigen Pubertätsschwelle: "Die Drei Musketiere", eine Zufallsfreundschaft, entstanden als Mini-Sonderklasse in der Schule, mehr Nachwuchs gab das belgische Dorf nicht her. Und drumherum die Familien der drei: Evas alkoholumnebelte Eltern, ihre wegdriftetenden Geschwister, daneben die Höfe, Häuser, Mütter der anderen, die zum erweiterten Zuhause werden. Bis diese Jugend mit einem Schlag vorbei ist.

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Spit, Lize

Und es schmilzt: Roman

Verlag: S. FISCHER
Seitenzahl: 512
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Preisabfragezeitpunkt

02.12.2022 01.48 Uhr

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Nun gehört es explizit zum narrativen Aufbau von Spits überwältigendem Roman dazu, nie zu wissen, was passiert. Nur langsam zu ahnen, im Tempo eines schmelzenden Eisblocks. In den Takt des Tages, an dem Eva auf eine Feiereinladung von Pim hin zurückkehrt, hängt Lize Spit so leicht wie präzise die Ereignisse des Sommers 2002 ein.

Dazwischen Szenen, die peu à peu erhellen, wie das Trio zueinander fand. Ebenen, die nachzeichnen, wie sich der Aggregatzustand des Zusammenseins verändert: Wie Eva ringt zwischen Dazugehören und Abgrenzen, sich mehrere BHs übereinander anzieht, um im Mädchen-Ranking wahrgenommen zu werden und doch ihren Kumpel Laurens eines Morgens einfach mit dem Rad stehen lässt, weil sie weiß, sie ist besser dran alleine; wie sie über sich hinauswächst und ihre zwangshandlungsgetriebene Schwester schützt als wäre sie der Schaumstoff zwischen ihr und der Welt; wie das Trio sich Höhlen im Heu baut und, Runde für Runde, die testosteronschwangere Grausamkeit der Jungs ins Unerträgliche rutscht. Bis gegen Ende der Geschichte der Abgrund plötzlich unvermittelt im Buchraum steht.

Kurz, es ist für diesen Roman elementar, sich darauf einzulassen, ins Dunkle zu steuern. Doch zugleich ist dies eines jener Bücher, bei dem manche und mancher sich eine Warnung wünscht. Davor, nicht unversehens beim Lesen in Situationen zu schlittern, in denen Kopfbilder entstehen, die Erinnerungen wachrufen. Szenen von Schändung, in denen Körper bluten, verletzt werden. Weil Vergewaltigung, Selbstmord, überhaupt: Gewalt, ein Trauma triggert. Oder wegen der Allgegenwärtigkeit des Bösen nicht mehr auszuhalten sind.

Das Moralbarometer wirkt defekt

Allerdings dient das Verstörende, auf das Spit so gekonnt hinsteuert, in keiner Sekunde der Unterhaltung. Im Gegenteil, "Und es schmilzt" ist ein Mittel gegen den Horror. In ihrem Essay "Das Leiden anderer betrachten" kreiste Susan Sontag um die Frage, ob damit das Böse gedämmt oder forciert werde, wenn Menschen zum Ding degradiert werden. Sie schrieb dabei zwar über Kriegsfotos, analoge Abbilder des Realen, nicht über Fiktion. Dennoch bleibt: Wir müssen durchlässig bleiben für den Horror, um unsere Empathie nicht zu verlieren.

Wir dürfen nicht abstumpfen, sondern brauchen Texte wie die von Lize Spit, die uns hinabführen in das Reich des Bösen. Eine Welt, in der das Moralbarometer auf einmal defekt wirkt, in der Mädchen sich mit Prittstift, Lineal, Besenstiel selbst beschädigen, in der Jungs sie vergewaltigen mit rostigen, dornigen Dingen, reduziert aufs Objekthafte, sodass man schreien mag, Eva jedoch wie im Dämmer hängt. In der ein Vater seiner Tochter die Schlinge zeigt, an der er sich aufknüpfen will. Und in der eine junge Frau einen Block aus Eis in ihren Kofferraum lädt, und zurückfährt ins Dorf, zu einer Feier, um eines toten Jugendfreunds zu gedenken.

Wir brauchen Fiktionen, um vor Augen geführt zu bekommen, was jenseits unserer Vorstellungskraft liegt. Auch um uns hineinzuversetzen, dem Weh auszusetzen, stellvertretend für die anderen. Um sensibilisiert zu sein für Schmerz, der betäubt ist unterm Eis. Damit wir sehen, fühlen - und die Hand ausstrecken können.

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