London-Krimi von Parker Bilal Allianzen zum Ausplündern der Stadt

Ein Bauboom hat London zuletzt stark geprägt. Was er für die Bewohner der Stadt bedeutet, thematisiert die neue Krimireihe von Parker Bilal. Der Auftaktroman "London Burning" ist jetzt erschienen.
Die Stadt der Kräne: Großbauprojekt in London

Die Stadt der Kräne: Großbauprojekt in London

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Henry Nicholls / REUTERS

"Troubleville" nennen Londoner die fiktive Siedlung Freetown aus Parker Bilals neuem Kriminalroman "London Burning", weil es zwischen den heruntergekommenen Brutalismus-Bauten immer wieder zu Gewalt und Unruhen kommt. Wer hier lebt, tut das, weil er sich nichts anderes leisten kann - und einige würden vieles tun, um hier rauszukommen.

Der ideale Nährboden für Verbrechen aller Art. Aber für viele auch das einzig mögliche Zuhause: "Die Siedlung hier ist nicht direkt der tollste Ort auf der Welt", sagt eine Bewohnerin, "aber trotzdem was Besonderes." Einer dieser Orte, die von der Öffentlichkeit erst dann wahrgenommen werden, wenn sie wieder einmal in Flammen aufgehen. Oder wenn Immobilienspekulanten einen begehrlichen Blick darauf werfen.

Aus Freetown stammt auch Calil Drake, Bilals Protagonist. In Armut wuchs er hier auf, als Sohn einer alleinerziehenden Alkoholikerin, wurde früh islamistisch radikalisiert, fand aber den Absprung, ging als Soldat in den Irak, später zur Polizei. Ein scheinbarer Mustercop, der schnell Karriere machte und Freetown hinter sich ließ. Doch ähnlich wie Chinatown im gleichnamigen Neo-Noir-Klassiker für Jack Gittes nicht nur ein konkreter Ort, sondern auch ein Geisteszustand ist, eine Erinnerung an vergangenes Versagen, dient Freetown Bilal als Chiffre für Drakes frühere Verfehlungen.

Vom Irakkrieg geprägt

Die Dämonen der Vergangenheit warten immer schon in der Zukunft. Drake wird sie in Freetown treffen, denn dorthin zurück führen ihn seine aktuellen Ermittlungen. Für ihn ist es eine Bewährungsprobe. Nachdem zwei Jahre zuvor ein wichtiger Belastungszeuge, der in seiner Obhut war, ums Leben kam, wurde er degradiert, Gerüchte über Bestechlichkeit machten die Runde.

Drake braucht dringend einen Erfolg, um seinen Ruf wiederherzustellen. Und der Doppelmord auf dem Baugelände eines künftigen Luxushochhauses ist spektakulär genug dafür: Die Frau des millionenschweren Bauherren und ein japanischer Kunstsammler werden tot unter einem Haufen Bauschutt gefunden.

Eine Bestrafung im Sinne der Scharia, vermutet Rayhana Crane, eine freiberufliche Psychologin, die Drake von seinen Vorgesetzten zur Seite gestellt wird. Ob als Aufpasserin oder Helferin, bleibt zunächst unklar. Wie der Polizist ist auch Crane immer noch stark von ihrer Zeit im Irak geprägt. Damals erstellte sie Gutachten über die Belastungsstörungen von Soldaten - ein von ihr als unbedenklich eingestufter Patient sprengte sich später in die Luft.

Mal gemeinsam, mal parallel ermitteln die beiden, kommen bald auf eine Spur, die zu einer Entführung im Irak vor zehn Jahren führt. Und zu den dubiosen Geschäften rund um die zahllosen großen Bauprojekte im heutigen London. Ein Multimillionengeschäft, um das sich Geldgeber aus aller Welt rangeln, längst nicht alle mit ausschließlich legalen Mitteln.

Was der Bauboom für die Londoner bedeutet

London, die Stadt der Kräne, hat sich in den vergangenen Jahren so radikal verändert wie wenige andere westeuropäische Großstädte. "Londons Skyline ist außer Kontrolle" schrieb der SPIEGEL schon 2014.

Jeder neue Wolkenkratzer ein Denkmal für die Eitelkeit und Profitgier ihrer Erbauer, in den Fundamenten die Leichen der Konkurrenz - so zeigt die TV-Serie "Gangs of London", aktuell bei Sky im Programm, die britische Metropole. Während die Serie den Bauboom als Anlass für ein spektakuläres Gangsterdrama nimmt und vor allem die Perspektive der Profiteure zeigt, interessiert sich Bilal dafür, was die Veränderungen für die Stadt und die Menschen, die in ihr leben, bedeuten.

Die Immigranten etwa, die nach London kommen, um sich hier ein neues, besseres Leben aufzubauen und die zu Opfern eines gnadenlosen Turbokapitalismus werden. Als billige Arbeitskräfte ausgebeutet und auf die Straße gesetzt, wenn sie nicht mehr benötigt werden.

"Inzwischen zog sich ein Wirrwarr an Luxusimmobilien am Flussufer entlang", und die Superreichen "verwandelten die Stadt beängstigend schnell in eine Art Todeszone, in der für Normalsterbliche kein Platz mehr war". Bilal beschreibt eine Welt, in der die Demokratie längst nur noch Fassade ist, eine Fassade, die immer mehr Risse bekommt, und durch diese Risse sehen wir Schnipsel von dem, was wirklich passiert.

Was wir dort zu sehen bekommen, sind unverstellte Gier, die Bereitschaft, sich zum gemeinsamen Ausplündern der Stadt zusammenzuschließen; Allianzen, die jederzeit in Gewalt umschlagen können. Auf der anderen Seite zeigt Bilal, wie der soziale Frieden im melting pot London zunehmend brüchig wird - dass hier ein direkter Zusammenhang besteht, daran lässt er keinen Zweifel.

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Titel: London Burning: Crane und Drake ermitteln
Herausgeber: Rowohlt Taschenbuch
Seitenzahl: 496
Autor: Parker Bilal
Übersetzt von: Ulrike Thiesmeyer
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Parker Bilal ist das Pseudonym des 1960 in London geborenen Schriftstellers Jamal Mahjoub, der mit historischen Romanen bekannt wurde. Als Bilal hat er ab 2012 ein Sextett von Krimis geschrieben, die in Kairo spielen, "London Burning" ist der Auftakt einer neuen Reihe.

Bilal sei ein Pragmatiker, hat Mahjoub in einem Interview  gesagt, sowohl was seine Weltsicht als auch seine Art zu schreiben betreffe. Er wolle seine Leser nicht durch eine zu literarische Herangehensweise entfremden. Und vielleicht bezeichnet er so das Problem des Romans: "London Burning" funktioniert zwar hervorragend als beißender Kommentar auf aktuelle soziale Verwerfungen und die ökonomischen und politischen Verhältnisse, die sie bedingen.

Hingegen erzählt Bilal seinen Krimiplot strukturell wie sprachlich recht konventionell, bricht zu selten das bekannte Schema von Mord-Ermittlung-Aufklärung auf. Was nicht heißen soll, dass "London Burning" misslungen wäre, es ist ein solides police procedural mit zwei abgründigen ProtagonistInnen, die Lust auf mehr machen - es hätte nur ein sehr viel besserer Roman daraus werden können, wenn Bilal seinen Lesern ein wenig mehr zugetraut hätte.

Parker Bilal: "London Burning". rororo; 488 Seiten; 12 Euro; aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer.