"London NW" von Zadie Smith Muskeln zeigen

Rassismus, Klassensystem und Coolness: In "London NW" fügt Literaturstar Zadie Smith ein faszinierendes Mosaik urbaner Biografien zusammen. Ihr bestes Buch.

Zadie Smith: Maximale Wirkung
Dominique Nabokov

Zadie Smith: Maximale Wirkung

Von


Zadie Smith heißt nicht Zadie Smith, jedenfalls nicht exakt so. Ihre Eltern hatten sie Sadie genannt, als Teenager tauschte sie selbst das S gegen ein Z ein. Eine winzige kleine Änderung, die trotzdem als Schlüssel zu Smiths neuem Buch "London NW" taugt. Auch in dem ändert eine der Hauptfiguren ihren Namen. Als Keisha geboren, nimmt eine schwarze angehende Anwältin während des Studiums den Namen Natalie an. Weil das womöglich "weißer", in jedem Fall aber mehr nach Mittelschicht klingt als nach der Sozialbausiedlung im Londoner Nordwesten, in der sie aufgewachsen ist.

Natalies beste Freundin, die weiße, bei einer Wohltätigkeitsorganisation beschäftigte Leah, verfolgt deren Neuerfindung als Karrierefrau mit Schwäche für hochpreisige Konsumartikel durchaus wohlwollend. Trotzdem fragt sie sich, stellvertretend für die Leser, wie viel Keisha in Natalie steckt. Wie viel hat die Frau noch mit dem Mädchen zu tun, mit dem Leah einst Kressesamen auf dem Balkon pflanzte, über die erste Verliebtheit kicherte und sich schließlich zum Ende der Schulzeit über ein dummes Geburtstagsgeschenk zerstritt?

Von Herkunft, Migration, sozialem Aufstieg und Exklusion, sowie der Rolle, die Bildung dabei spielt, handelten bislang eigentlich alle Romane von Zadie Smith. Wichtige, zeitgemäße Themen allesamt, die in Smiths bisherigen Büchern (so "Zähne zeigen", "Der Autogrammhändler") immer etwas zu deutlich erkennbar waren. Getragen vom Willen der Autorin, ihre extensive Auseinandersetzung mit dem literarischen Kanon sichtbar zu machen, wirkten sie oft bedeutsamer, als sie es letztlich waren. Statt mit einzelnen Figuren oder Szenen beeindruckten sie eher durch Smiths Intelligenz und Bildung.

Umso größer ist die Überraschung, dass Smith ausgerechnet mit dem Buch, dem die radikalste Kritik an der eigenen literarischen Form zugrunde liegt, ihr bestes, weil analytisch präzisestes und gleichzeitig berührendstes Werk gelingt. Von den Konventionen des klassischen Romans des 19. Jahrhunderts endgültig losgelöst, fügt Smith in "London NW" über 200 Abschnitte und Kapitel unterschiedlichster Länge zu einem faszinierenden Mosaik urbaner Biografien zusammen.

Hustler trifft Hipster

Neben Natalie und Leah nimmt sie dafür noch die zwei schwarzen Männer Felix und Nathan in den Fokus. In der gleichen Hochhaussiedlung groß geworden wie die beiden Frauen, haben sie, anders als diese, kaum etwas aus ihrem Leben gemacht. Zumindest Felix will das ändern. Ihn begleitet das Buch an dem Tag, an dem er all seine guten Vorsätze in die Tat umsetzen will. Dazu besucht er seine Geliebte Annie, mit der er Schluss machen will, damit er sich endlich auf seine wirkliche Beziehung konzentrieren kann. Und dazu gehört auch der Verkauf eines Oldtimers an den verkaterten weißen Tom.

Gerade letztere Szene gelingt Smith nahezu virtuos. Auf knapp zwanzig Seiten verdichtet sie die Begegnung zwischen dem abgeklärten Hustler Felix und dem verunsicherten Hipster Tom zu einem hochnotkomischen Einakter über Rassismus, Klassensystem und Coolness. Wie einen wohltrainierten Muskel scheint Smith hier ihr literarisches Können für maximale Wirkung anzuspannen. Gleichzeitig lässt ihr der Wechsel von ausführlichen Szenen zu Abschnitten, die nur aus einem einzigen Satz bestehen, und wieder zurück zu mehrseitigen Kapiteln genug Raum, um diesen Muskel zu entspannen und Kraft für die entscheidenden Szenen zu sammeln.

Diese drehen sich vor allem um Leah und Natalie, für die Smith eine aufrichtige Sympathie erkennen lässt, die ihren bisherigen Protagonisten kaum gewährt war. Ausgerechnet Leah gelingt ihr dabei am eindringlichsten, obwohl sie von allen Figuren die wenigsten Probleme zu haben scheint. Sie ist mit ihrem Job und ihrem Gehalt zufrieden, ihren Ehemann liebt sie wie am ersten Tag, überhaupt möchte sie eigentlich nichts in ihrem Leben ändern und schon gar nicht Kinder kriegen.

In Leahs Garten beginnt der Roman, als sie aufspringt und einer Trickbetrügerin die Tür öffnet, die Leahs Mitleid für Benachteiligte geschickt auszunutzen weiß und sie um einiges Geld erleichtert. Nach dieser desillusionierenden Begegnung fängt Leah an, an ihrer Menschenkenntnis und ihrem Vertrauen in das Viertel zu zweifeln, in dem sie seit ihrer Geburt wohnt. Was weiß sie überhaupt von den Menschen, die mit ihr in NW wohnen?

Antworten darauf finden zumindest die Leser in den Perspektiven, die Smith von Leahs Haus aus auf das Viertel und die Stadt entwickelt. Kurz vor Schluss wird eine der Figuren das Viertel noch einmal sehr konzentriert zu Fuß durchschreiten, gewissermaßen wie ein Resümee des zuvor Angedeuteten und Erzählten. Wenn diese Figur ganz am Ende in Leahs Garten ankommt, dann findet Smith einen Abschluss für ihre Geschichte, der so unangespannt und stimmig wie das ganze Buch ist.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
potenz 10.01.2014
1. Ich grüble ...
... darüber: "Getragen vom Willen der Autorin, ihre extensive Auseinandersetzung mit dem literarischen Kanon sichtbar zu machen, wirkten sie oft bedeutsamer, als sie es letztlich waren." War die Aussage nun so beabsichtigt, wie sie dasteht - oder enthüllt sie gewisse sprachliche Defizite, die dann beim Schreiben über Literatur doch ziemlich peinlich wären.
JKStiller 10.01.2014
2.
Zitat von potenz... darüber: "Getragen vom Willen der Autorin, ihre extensive Auseinandersetzung mit dem literarischen Kanon sichtbar zu machen, wirkten sie oft bedeutsamer, als sie es letztlich waren." War die Aussage nun so beabsichtigt, wie sie dasteht - oder enthüllt sie gewisse sprachliche Defizite, die dann beim Schreiben über Literatur doch ziemlich peinlich wären.
Die Aussage war so beabsichtigt und ist sowohl in Syntax als auch Kontext völlig korrekt. Denn, so steht es im Artikel, "von Herkunft, Migration, sozialem Aufstieg und Exklusion, sowie der Rolle, die Bildung dabei spielt, handelten bislang eigentlich alle Romane von Zadie Smith". Nur, und das möchte Frau Pilarczyk hier feststellen, kam das etwas zu kokettiert und zu bildungsbeflissen ohne größeren Mehrwert für den Text daher. Im neuen Buch soll dies anders sein, weshalb es als Smith bestes Buch gelobt wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.