US-Bestseller über Problemviertel Zwei Schwestern im Heroin-Walmart

Eine Polizistin hält zu ihrem trostlosen Heimat-Stadtviertel, obwohl es als "Drogenhölle" gilt: Liz Moores Roman "Long Bright River" ist ein Buch von emotionaler Wucht - und manchmal kaum auszuhalten.
Straßenszene an der Kensington Avenue in Philadelphia

Straßenszene an der Kensington Avenue in Philadelphia

Foto:

NurPhoto/ NurPhoto/ Getty Images

Diese Geschichte beginnt mit dem Tod und endet mit einer Geburt. Am Anfang die Katastrophe, am Ende die Hoffnung? Derart konventionell funktioniert "Long Bright River" von der US-Amerikanerin Liz Moore nicht. Kacey, ein 16-jähriges Mädchen, kann nach einer Überdosis ins Leben zurückgeholt werden. Und das Baby, das am Ende zur Welt kommt, ist die Tochter einer Süchtigen – und muss sofort gegen die Entzugserscheinungen medikamentiert werden. Die Geburt, ein neues Leben, dieses klassische Symbol für eine bessere Zukunft, Moore deutet es um ins Volatile, Unzuverlässige. Eine eigentlich versöhnliche Szene, aber im Kern vergiftet. 

Diese Ambivalenz zieht sich durch den gesamten Roman, es beginnt damit, dass Mickey Fitzpatrick, die Ich-Erzählerin des Romans, uns – ob bewusst oder unbewusst – von Anfang an manipuliert. Sie hält Informationen zurück, geht unangenehmen Wahrheiten über ihre Vergangenheit aus dem Weg. Und sie warnt uns schon früh: Sie sei vielleicht arm und schwach, sagt sie. Aber nicht dumm. Ganz gewiss nicht dumm. 

Mickey, Anfang 30, ist Streifenpolizistin in Kensington, Philadelphia, einem Viertel, das über die Stadtgrenzen hinaus berüchtigt ist für seine heftige Drogenszene. Als "Heroinhölle" gilt das Viertel (sehen Sie hier Bilder des Fotografen Dominick Reuter), die „New York Times“ zitierte eine Seelsorgerin mit "Walmart of Heroin ", in Moores Roman sagen die Cops "Ketamin City" oder "Kackstadt USA". Nur Mickey lässt wenig kommen auf das Viertel, in dem sie aufgewachsen ist und in dem sie seit Jahren auf Streife geht. Kaum jemand versteht Kensington so gut wie die alleinerziehende Mutter Mickey. Die Ramschläden, Suppenküchen, Handyläden, Nagelstudios und billigen Cafés – in ihrer Trostlosigkeit gleichen sich die Straßen des Viertels. Auch die Nutten gehören hier zum gewohnten Bild. Viele von ihnen kennt Mickey mit Namen, mit einigen ist sie zur Schule gegangen – eine von ihnen ist ihre Schwester Kacey. Und die ist seit Wochen verschwunden, während gleichzeitig ein Killer reihenweise Prostituierte umbringt. Bei jeder neuen Toten fürchtet Mickey, dass es ihre Schwester ist. 

Anzeige
Autor: Liz Moore
Titel: Long Bright River
Verlag: C.H. Beck
Seiten: 414
Preis: 24 Euro
Übersetzung: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Für 12,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

26.11.2022 21.48 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Das ist die Ausgangssituation von Liz Moores erstem Polizeiroman (ihrem vierten Roman insgesamt), der in den USA schon im Vorfeld für einen Hype sorgte. In der "New York Times"-Bestsellerliste stieg "Long Bright River" auf Platz sechs, jetzt liegt das Buch fast gleichzeitig in einer soliden Übersetzung vor, der es allerdings nur teilweise gelingt, Moores Gespür für Rhythmus und Sound ins Deutsche zu übertragen. 

Moore, 36, die eine wenig erfolgreiche Zeit als Musikerin in New York hinter sich hat, lebt seit rund zehn Jahren in Philadelphia. Sie kam damals für ein journalistisches Projekt nach Kensington, war erschüttert von dem Ausmaß der Verwahrlosung. Also bleib sie, half, wo sie konnte, versuchte zu verstehen, wie es zu all diesem Elend kommen konnte. Und schrieb dann "Long Bright River", einen Roman, der nicht analysiert oder anklagt, sondern erfahrbar machen will, welche Verwüstungen die Opioidkrise in dem Mikrokosmos Kensington anrichtet. 

Die Suche nach ihrer Schwester führt Mickey in die dunkelsten Ecken des Viertels. In die mit Brettern vernagelten, lange leer stehenden Wohnhäuser, die den Junkies als provisorische Unterkünfte dienen; zu den ehemaligen Fabrikgeländen, wo Industrieruinen von einer Zeit zeugen, in der Kensington eine Boomtown war, und wo sich heute lebende Tote treffen auf der Suche nach dem nächsten Schuss, der nächsten Pille; an die Straßenecken, wo Frauen und Mädchen, oft halbe Kinder, stehen und auf Freier warten, um für ein paar Dollar ihre Körper zu verkaufen. 

Eine schuldlos Schuldige

Mit fiebriger Intensität erzählt Moore parallel zu Mickeys Suche nach Kacey und dem Frauenmörder die Geschichte der beiden Schwestern. Von ihrem Aufwachsen in Armut, dem Drogentod der Mutter, dem Verschwinden des Vaters, der gefühllosen Großmutter. Von Mickey, die sich um ihre kleine Schwester kümmern muss, als sie selbst noch ein Kind ist, von der schleichenden Entfremdung, von den vielen Malen, als sie Kacey halb tot im Drogendelirium findet – und von einem Verrat, der zum finalen Bruch zwischen den beiden führt. 

Je mehr wir über Mickey erfahren, je mehr sie bereit ist, sich selbst einzugestehen und mit uns zu teilen, desto klarer wird es, dass in ihrer Vergangenheit ein Geheimnis verborgen ist, eine düstere Wahrheit, der sich zu stellen sie lange nicht bereit war. Mickey sagt über sich, dass der "Wunsch, anständig zu leben, mein Verhalten sowohl im Beruf wie im Privatleben bestimmt" habe. Doch am Ende entpuppt sie sich als eine schuldlos Schuldige, eines von vielen Dramen in einem Roman von manchmal kaum auszuhaltender emotionaler Wucht. 

Mickey wird herausfinden, was mit ihrer Schwester geschehen ist, und sie wird dazu beitragen, die Prostituiertenmorde aufzuklären. Aber ob sich dadurch irgendetwas zum Besseren verändert, ist zumindest fraglich. Vielleicht in Mickeys Leben, aber eher nicht in Kensington. Mit dem "Long Bright River", dem langen leuchtenden Fluss, ist nicht der Delaware gemeint, der an Philadelphia vorbeifließt, sondern ein unaufhörlicher Strom von Menschen, die in einen sinnlosen Tod treiben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.