Büchner-Preis für Lukas Bärfuss Schweizer Wut

Er bescheinigt der Schweiz eine "psychotische Störung" und wettert gegen die Macht des Geldes. Jetzt hat der Autor Lukas Bärfuss den Georg-Büchner-Preis erhalten. Eine Würdigung.

Lukas Bärfuss' Furor imponiert selbst jenen Menschen, die mit seinen Befunden nicht übereinstimmen
Jan Woitas/ DPA

Lukas Bärfuss' Furor imponiert selbst jenen Menschen, die mit seinen Befunden nicht übereinstimmen

Von


"Fragen Sie mich gern, ob Peter Handke den Nobelpreis meiner Meinung nach verdient hat", sagte Lukas Bärfuss, als ich ihm vor zwei Wochen auf dem Interviewpodium des SPIEGEL-Stands auf der Frankfurter Buchmesse gegenübersaß. Als ich das dann folgsam wissen wollte, antwortete er mit einem Gedankenspiel: Was denn passieren würde, wenn wir auf die Idee kämen, unsere Bücherregale von allen Werken zu säubern, deren Autoren irgendwann in ihrem Leben politisch fehlerhafte oder gar abstoßende Dinge geäußert hätten? "Da würden nur wenige Bücher übrig bleiben, die mir etwas bedeuten." Bestechend argumentiert. An diesem Samstag hat der Schweizer den Georg-Büchner-Preis der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung erhalten - und damit selbst einen der tollsten Literaturpreise weit und breit.

Der 1971 geborene Bärfuss wird für ein literarisches Werk aus Romanen, Theaterstücken und Essays ausgezeichnet, doch in seinem Fall heißt das insbesondere: für seine Lust am Denken, für seine Bereitschaft zur Zuspitzung - und vielleicht sogar für seinen Mut zum Irrtum. In der Begründung der Büchner-Preis-Juroren ist das lustig verschraubt ausgedrückt: Dort heißt es, Bärfuss sei ein Autor mit "nervösem politischen Krisenbewusstsein".

Ein "Warnruf" als Kampfschrift

Wenn Bärfuss spricht, dann lächelt er häufig. Man weiß oft nicht genau, ob es von seiner eigenen Begeisterung für ein Thema zeugt - oder vom Amüsement über die Schlichtheit der Fragen, die ihm von Leuten gestellt werden, die im Kopf weniger wach sind als er. "Die Schweiz ist des Wahnsinns" lautete die Überschrift eines berühmten und berüchtigten Bärfuss-Textes, der im Oktober 2015 in der "Frankfurter Allgemeinen" erschien. Bärfuss hat ihn selbst als "Warnruf" deklariert.

Im Text bescheinigte er dem Land, in dem er lebt, eine "psychotische Störung". Er berichtete von einem "jüdischen Mitbürger, der in Zürich am helllichten Tage von einem braunen Mob angegangen wurde". Er beklagte die Verkommenheit der politischen Argumente in einem Land, deren Bewohner sich als ein "Volk von Zwergen" verstünden. Er wetterte gegen die Okkupation von Medien und Kulturinstitutionen durch rechtsgerichtete Politiker und gegen die Macht des Geldes. "Was die Schweiz von Ländern wie Frankreich und Österreich unterscheidet", heißt es in Bärfuss' Kampfschrift, "sind die 3,6 Milliarden Privatvermögen, über die der Extremismus hierzulande verfügt."

Bärfuss zeichnet sich durch einen Furor aus, der selbst jenen Menschen imponiert, die mit seinen Befunden nicht völlig übereinstimmen. Er besitzt - und sein bedächtiger Schweizer Dialekt täuscht nur kurz darüber hinweg - einen kämpferischen Geist, wie er nur wenige Dichter seit Georg Büchner auszeichnete, unter den Schweizer Schriftstellern vielleicht nur Max Frisch.

"Ich war ein unausstehliches Miststück, ohne elterliche Kontrolle, verwildert, aufsässig und allergisch gegen jede Autorität", hat Bärfuss über die Zeit geschrieben, in der er nach der Schulausbildung in der schweizerischen Kleinstadt Thun als Sechzehnjähriger auf der Straße landete. Ein paar Jahre schlug er sich als Arbeiter auf dem Bau und mit anderen Hilfsjobs durch. Er verbrachte die Zeit mit Drogen und das Leben mit im Rinnstein ausgezehrten Freunden, die entweder im Knast oder in der Nervenanstalt landeten, "je nachdem, ob sie für kriminell oder nur für verrückt gehalten wurden".

Gerettet hat ihn das Lesen

Gewissermaßen gerettet habe ihn das Lesen, so berichtet Bärfuss in seiner 2015 erschienenen Textsammlung "Stil und Moral", und so erzählte er es auch auf der Buchmesse in diesem Jahr: "Mit achtzehn machte ich mich an Hegels Phänomenologie des Geistes und an Eschenbachs Parzival." Mit zwanzig bekam Bärfuss eine Stelle in der Comicabteilung einer Buchhandlung und begann zu schreiben.

Das Theaterstück "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" war Anfang der Nullerjahre der erste große Erfolg. Es erzählt von der körperlichen Lust einer geistig behinderten Achtzehnjährigen, die sich zum Entsetzen ihrer Lieben zu einem zwielichtigen älteren Mann hingezogen fühlt. Ein paar Jahre später beschrieb der Autor im Stück "Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)" die Verstörung, die eine junge Frau durch ihre religiöse Begeisterung in einer finsteren Reisegesellschaft auslöst.

In "Zwanzigtausend Seiten" kritisierte er 2012 die Verdrängung der Schuld, die die Schweizer während des Holocausts durch ihre Abschottungspolitik auf sich luden. Im Stück "Elefantengeist", das im vergangenen Jahr im Nationaltheater Mannheim uraufgeführt wurde, schickte er ein Archäologenteam in ferner Zukunft auf die Spurensuche im "Kanzlerbungalow" am Bonner Rheinufer, wo die Forscher in den Hinterlassenschaften von Helmut Kohl wühlen - Belege für das "falsche Denken einer primitiven Kultur".

"Gesellschaftliche Selbstbilder infrage stellen"

Die Romane von Bärfuss sind womöglich noch genauer im Blick, hartnäckiger, beunruhigender als seine Theaterstücke. In "Hundert Tage" (2008) schreibt Bärfuss über den Völkermord in Ruanda aus der Sicht eines Schweizer Entwicklungshelfers, der sich in einem Haus in Kigali versteckt und hilfloser Zeuge des Menschenschlachtens wird. In "Koala" (2014) erzählt er vom Selbstmord seines Halbbruders, der seinem fast zeitlebens unzufriedenen Dasein mit Mitte vierzig ein Ende machte.

In "Hagard" (2017) schildert Bärfuss die Flucht eines Mannes aus seinem scheinbar wohlgeordneten Bürgerleben, lässt ihn auf alltägliche, märchengruselige Weise auf den Hund kommen und verschwinden. Er wolle "gesellschaftliche Selbstbilder infrage stellen", hat Bärfuss mal über seine Arbeit fürs Theater gesagt. Der gleiche Impuls ist in all seinen Prosatexten am Werk. In einem Vortrag hat er es mal so formuliert: "Die Weltlage, also alles, was in diesem Augenblick geschieht oder nicht geschieht, ist, man kann es leider nicht anders sagen, zum Kotzen."

Der Anlass für Bärfuss' Wut sind wir alle, unsere Schwerfälligkeit, unsere Wurstigkeit. Vor ein paar Wochen ist sein neuer Erzählungsband "Malinois" im Wallstein Verlag erschienen, im Nachwort berichtete Bärfuss, dass eine der Geschichten der Rest eines Riesenbuchs ist. Er hat es nach langer Arbeit aufgegeben.

Bärfuss schreibt über die Verzweiflung, die ihn monatelang verfolgt habe, angesichts der "schmerzhaften Erkenntnis", dass es für einen großen Gesellschaftsroman über unsere mitteleuropäische Gegenwart leider "keine Notwendigkeit gibt".

Wieso genau ist so ein Roman - angesichts der Zerstrittenheit, Sinnkrisen und Weltzerstörungsängste der Menschen - nicht im Gegenteil zurzeit dringend nötig, habe ich Bärfuss jetzt am SPIEGEL-Buchmessenstand gefragt. Seine Antwort klang wie ein Versprechen: "Inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher. Vielleicht braucht es diesen Gesellschaftsroman jetzt doch."



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ambulans 02.11.2019
1. o.k.,
z.zt. werden literatur-preise offensichtlich ziemlich gerne an autoren verliehen, die wirklich an-ecken (können). beispiele? gerne - stanisic, handke, jetzt bärfuss (das sind die jungs); jetzt die mädels: herta müller (nicht jedem - bekannt), elfriede jelinek (nicht bei jedem - beliebt), usw. also - alles ganz genau so, wie es sich gehört ... dr. ambulans (alle kassen)
caronaborealis 02.11.2019
2. Na ja
Der Vergleich mit Frisch ist irrwitzig. Frisch und Bärfuss trennen Welten. Frisch hat berechtigte Kritik an der Schweiz geübt, aber immer sachlich und in gewissem Sinne aufbauend. Barfuss ist eine ideologische Abrissbirne. Diese Person mit diesem Preis auszuzeichnen ist eine Groteske.
j.c.nolte 02.11.2019
3. Herzlichen Glückwunsch
Zunächst herzlichen Glückwunsch an Lukas Bärfuss. Nach so einem Fehlstart ins Leben eine Aufgabe zu finden, mit man dann auch noch große Erfolge feiern kann, finde ich immer sehr bewundernswert. Ob es heute wirklich einen Gesellschaftsroman braucht? Erleben wir ihn mit Trump & Co., den Rechten, Linksextremen, Ökofanatikern und all den anderen nicht gerade täglich in den Medien? Ein Gesellschaftsroman in Echtzeit, erzählt von den Hauptdarstellern selber? Mal mindestens genauso interessant fände ich ein Buch über die Ursachen, auch nicht als Roman oder Sachbuch, sondern als eine Art Essay oder wahre Erzählung. Und ja, die Schweiz ist psychotisch, schön diagnostiziert. Ein Geschwister von mir hat dort länger gelebt, bei Luzern, ist dort leider auch viel zu früh verstorben So schön die Natur ist, so undurchsichtig die ihrer Bewohner. Warum eigentlich? Spätfolgen des Bankgeheimnisses oder der 'Sonderstellung' als 'neutrales' Land, um sich schön aus allem heraushalten zu können, sich immer nur die Filets zu gönnen? Für mich wäre die Schweiz kein Land zum Leben, zu aseptisch; auch wenn sie die besten Tunnels überhaupt bauen und ich den Dialekt auch gern höre.
wie_immer_oder 02.11.2019
4. #2...
dann werde ich ihn dringend lesen müssen. danke für die Empfehlung
j.c.nolte 02.11.2019
5. Nehmen statt geben
Zitat von caronaborealisDer Vergleich mit Frisch ist irrwitzig. Frisch und Bärfuss trennen Welten. Frisch hat berechtigte Kritik an der Schweiz geübt, aber immer sachlich und in gewissem Sinne aufbauend. Barfuss ist eine ideologische Abrissbirne. Diese Person mit diesem Preis auszuzeichnen ist eine Groteske.
Ich habe von Frisch die Klassiker in der Schule lesen müssen und danach, auf Empfehlung eines guten Freundes, Stiller. Das Buch war für mich, gelinde gesagt, echt ein Alptraum. Ich habe es dann nur aus Höflichkeit dem Empfehlenden gegenüber zu Ende gelesen. Welch ein Hochgenuss dagegen beispielsweise Das Glasperlenspiel von Hesse. Auch wenn ich ihn als Mensch eher unsympathisch fand, aber das Buch war und ist einer der wenigen Lichtblicke, die Literatur für meinen Geschmack zu bieten hat. Zum Thema Schweiz: Wie wäre es für den Anfang mit ein bisschen Rüschlikon? Also das Dorf, was dem Rohstoff-Giganten Glenncore so hübsch beheimtet hat, weil dessen Gründer, Mark Rich, lange Zeit auf der FBI-Liste der meistgesuchte Verbrecher war (200 Mio. Steuer hinterzogen in den USA) und dann von Billyboy Clinton in seinen letzten Amtstagen so nett begnadigt wurde? Ob da wohl eine kleine Spende an Bill geflossen ist? Afrika - Der ausgeraubte Kontinent (Sambia und der Rohstoff-Riese 'Glencore') (Doku 2012) - https://www.youtube.com/watch?v=I2KPA2ayI_k&t=300s
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.