"Lulu" am Thalia Göre, Girlie, Biest und Hure

Mehr Nacktheit gab es selten auf der Bühne des Thalia Theaters: Michael Thalheimer inszenierte die Urfassung von Frank Wedekinds "Lulu". Im Zentrum: Fritzi Haberlandt, die für die Rolle förmlich brannte.


Fritzi Haberlandt als Lulu mit Hans Loew in der Rolle des Eduard Schwarz: Ungeheuer männlichen Geschlechts
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Fritzi Haberlandt als Lulu mit Hans Loew in der Rolle des Eduard Schwarz: Ungeheuer männlichen Geschlechts

Es ist kalt in Hamburg an diesem Februar-Abend. Kälter noch erscheint im Thalia Theater die nackte Bühne: bildlos, nur eine weiße, leere Kinoleinwand begrenzt den Blick. Dahinter, darüber, links und rechts kahle Theater-Technik.

Regisseur Michael Thalheimer, bekannt für Reduktion (er schaffte "Kabale und Liebe" in weniger als 90 Minuten) bereitet den Boden für einen Parforce-Ritt durch Frank Wedekinds "Lulu". Die vom Autor "Monstretragödie" genannte Geschichte vom Untergang des gefährlichen Überweibs Lulu präsentiert dann eine ganze Reihe von Ungeheuern, die sämtlich männlichen Geschlechtes sind.

Zunächst regiert Ruhe vor dem Sturm. Lulu steht hinten, in starrer Model-Pose, mit kurzem Kleidchen, wehrlos, stumm und starr. Ein Bild von einer Frau. Das belebt sich mit dem Aufmarsch der Männer, die schwadronieren, debattieren, dominieren. Schon ist Lulu angeknipst. Und eh sie sich versieht, hat sie Sex. Verehren, begehren, vernaschen: Mehr Interaktion ist nicht möglich.

Erdrückt von der Leere

Wer Lulu sieht, muss aus den Hosen, Sex aus Reflex. Mehr nackte, unbeholfene Männer gab es wohl selten auf der Thalia-Bühne, lustlosere Kopulation auch nicht. Diese blutleere Lust mit Lulu ist obendrein tödlich. Der ältliche Dr. Goll, der Maler Schwarz - sie sterben unschön. Nicht hingestreckt, sondern sitzend wie Puppen, die ausgespielt haben.

Haberlandt mit Felix Knopp als Alwa: Ausgenutzt, erpresst
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Haberlandt mit Felix Knopp als Alwa: Ausgenutzt, erpresst

Der eitle Schöning wollte Lulu zum Selbstmord bringen - doch er stirbt an ihrer Kugel. Flucht nach Paris, Erpressung zu käuflicher Liebe, Abstieg in die Gosse. Verraten von ihrem angeblichen Vater Schigolch, ausgenutzt von Alwa, dem Sohn des Malers, bleibt Lulu nur die rückhaltlose Zuneigung der lesbischen Gräfin von Geschwitz, die von Lulu sexuell verschmäht wird. Scheitern auch hier.

Die große Fläche hinter den Akteuren bleibt gnadenlos leer. Lulu, traditionell Projektsfläche für Männerphantasien, ist hier das Gegenteil. Diese Männer haben keine Phantasie, können nichts projizieren, sehen Lulu nicht einmal an. Je mehr die Zerstörung fortschreitet, um so mehr drängt die Leinwand die Schauspieler an den Bühnenrand. Die Leere erdrückt sie. Eine effiziente Metapher.

Frau der vielen Farben

Es war der Abend von Fritzi Haberlandt, die hier und da noch immer zum "Nachwuchstalent" verkleinert wird. Sie spielte eine Lulu von grausamer Komik und zerrender Trauer. Ihr gelang der schnelle Wechsel von Freude zu Entsetzen, von Hysterie zu Furcht. Göre, Girlie, Biest und Hure.

Als sie am Schluss auf dem Londoner Straßenstrich Freier aufgabelt, trägt sie schwarz, ein Bild des Jammers. Der scheinbar freundlichste Freier ist Jack the Ripper. Er tötet Lulu, als sie sich fast geliebt glaubt. Endlich ein Bild der Leinwand: Ganz langsam gerinnt die Unschärfe zu einem überdimensioniertem Auge, schließlich ein Portrait der lächelnden Lulu.

Regisseur Michael Thalheimer verließ sich zu Recht auf das Ensemble bei diesem Drahtseilakt des Minimalismus (Bühne: Olaf Altmann). Die Rollen waren glänzend besetzt, vom coolen Dr. Schöning (Norman Hacker) über seinen Sohn Alwa (Felix Knopp) bis zu Schigolch (Markus Graf) und dem unheimlichen Jack the Ripper (Michael Benthin).

Maren Eggert gab Gräfin von Geschwitz verzweifelte Größe, gekonnt unterspielte sie ihren Part. Hervorragend auch die akzentuierten Kostüme von Barbara Drosihn. Großer Beifall am Schluss für Ensemble und Regie - und Jubel für die Hauptdarstellerin, die nach "Woyzeck" wieder gemeinsam mit Michael Thalheimer erfolgreich war.



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