Lustig Reisen als Sachbuch-Phänomen Doofe Ausländer, wie drollig

Kakerlaken, Kreditkartenbetrüger und bissige Affen: Mag man sich hierzulande auch noch so über die Grenzkontrollen der Dänen mokieren, im Segment humoriger Reise-Sachbücher ist der Schlagbaum nie hochgegangen. Kein Klischee ist zu ausgelutscht - nur lustig muss es sein.
Touristin in Ägypten: Warum ist der Neger schwarz?

Touristin in Ägypten: Warum ist der Neger schwarz?

Foto: PETER ANDREWS/ REUTERS

Auch im Zeitalter von Google gibt es Fragen, die kann man nur persönlich beantworten - so schickte der NDR einen Reporter los, um in bester Journalistentradition vor Ort zu ergründen, was die Zuschauer zu Hause schon immer hatten wissen wollen. Und da wir uns im Norddeutschen befinden, wo fast jeder das bekannte Ballin-Zitat "Mein Feld ist die Welt" im Kopfe hat, wenn draußen auf dem Kanal mal ein Frachtschiff vorbeituckert, beschränkte sich der NDR-Mann nicht auf Mecklenburg, Holstein und das Kehdinger Land - er reiste um den Erdball.

Natürlich hat er ein Buch daraus gemacht: "Mit 80.000 Fragen um die Welt" heißt es. Im Eingangskapitel schildert der Autor Dennis Gastmann am Beispiel eines Besuchs bei Wilma Brunckhorst, einer 87-jährigen Kohlbäuerin aus Wremen bei Bremerhaven, wie sein Fragekatalog zu Stande kam - dass Brunckhorst aufgrund Alter und Herkunft kaum Inbegriff der niederdeutschen Kosmopolitin sein dürfte, nimmt Gastmann dabei nicht nur billigend in Kauf, er legt es geradezu darauf an.

Brunckhorsts Fragen sind von rührender Borniertheit: "Warum ist der Neger schwarz?", "Warum lieben sich immer mehr Männer?", "Sind Franzosen wirklich so schmutzig?" - das allerdings wäre kaum NDR-kompatibel. Gastmann entschied sich für etwas unverfängliches: "Wie schmeckt Kängurufleisch?"

Was gibt es lustigeres, als eine Oma vorzuführen? Vermutlich hätte Gastmann mehr über die Welt gelernt, hätte er sich mit der naiven Neugier der Wilma Brunckhorst auf Erkundungsfahrt begeben. Doch Gastmann macht es sich leicht - wohin er auch immer kommt: Das Klischee im Kopf war schon vor ihm da. So sehr sich Gastmann auch über die Oma aus Wremen erheben mag, er ist nichts anderes als die zeitgemäße, Facebook- und Twitter-taugliche Inkarnation des vorurteilsbeladenen Durchschnittstouristen: Aus Fremdenhass wird Fremdenspaß.

Durst trinken Seele auf

"Was macht eigentlich Frau Antje?" will er in den Niederlanden wissen, "Warum wird man Torero?" in Spanien, "Sind alle Latinos Machos?" in Buenos Aires und selbst in einem der ernsteren Kapitel des Buchs fragt er: "Wie stirbt es sich in Texas?" - ja, die blutrünstigen Südstaatler, haben seit G.W. Bush nichts dazu gelernt. Dieser Weltreporter sieht mit seinem Tunnelblick eben nur das, was er schon kennt. Dass Frau Antje eine bloße Marketingerfindung der holländischen Käseindustrie für den deutschen Markt war, wird bei Gastmann durchaus klar. Viel mehr über die wirklichen Niederlande erfährt man trotzdem nicht.

So ist "Mit 80.000 Fragen um die Welt" zum Inbegriff des unterhaltsamen Reisesachbuchs geworden: geschrieben für ein Publikum, das fast jedes Ziel in ein paar Stunden erreichen kann, dabei aber jede Aufgeschlossenheit, sich auf die Rätsel von etwas ganz anderem einzulassen, verloren hat.

Mag man sich hierzulande auch noch so sehr über die Dänen empören, die wieder Grenzkontrollen eingeführt haben; auf dem Markt humoriger Reisebücher ist der Schlagbaum nie hoch gegangen - und so wiederholt sich das ewige Grundmuster: Hier wir, dort die anderen, die Fremden, die sich allein aufgrund ihres Nationalcharakters definieren lassen. Kein Fußballreporter würde sich mehr trauen, was bei den Neuerscheinungen des Frühjahrs 2011 noch immer selbstverständlich ist: Italiener sind exaltiert und unberechenbar ("Pizza alla famiglia - Ein turbulentes Familienleben zwischen Deutschland und Italien" von Michael Weirether und Andrea Falceri), Neuseeländer herrlich entspannte Typen vom anderen Ende der Welt ("Was scheren mich die Schafe - Unter Neuseeländern" von Anke Richter), Engländer haben ein Faible für alkoholische Getränke, denn "Ale ist mehr als ein Getränk, Ale ist englische Seele pur". Durst trinken Seele auf, hätte Fassbinder da wohl gesagt - Matthias Politycki, der "größte lebende Sprachkulinariker unter den deutschen Dichtern" (so zitiert sein Verlag die Tageszeitung "Die Welt") nennt seine "tour de pubs" schlicht "London für Helden - The Ale Trail."

Afrika ohne Afrikaner

Die Launigkeit der meisten Buchveröffentlichungen kaschiert nur notdürftig, dass uns in der Fremde doch stets Unbill erwartet. Das wird besonders deutlich in Clemens Dreyers "Touristisch für Anfänger", in dem der Autor anhand von Gerichtsurteilen ein 200-seitiges Worst-Case-Szenario entwirft: Jenseits der Grenzen ist die Welt voll Kakerlaken und bissiger Affen. An den Badestränden wird Müll verbrannt und gierige Rezeptionisten warten nur darauf, sich die Kreditkartendaten ihrer Gäste zu erschleichen.

Auf die globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts übertragen, entspricht diese Sicht in etwa der von Gustav Freytags "Soll und Haben": Hier die wackeren Deutschen, dort die kulturlosen Slawen - "Soll und Haben" allerdings ist ein Roman, er erschien Mitte des 19. Jahrhunderts und gilt heute als Inbegriff völkischen Überheblichkeitsdenkens.

Dass der herablassende Blick auf Fremde kein deutsches Privileg ist, zeigt Martha Gellhorns "Reisen mit mir und einem Anderen - Fünf Höllenfahrten". Gellhorn (1908-1998) war Reisegefährtin und Geliebte Ernest Hemingways, der in diesem Buch als unter dem Kürzel "UB", unwilliger Begleiter, auftritt. Mit ihm war sie unter anderem 1941 in den fernen Osten unterwegs, später reiste sie allein nach Rußland und zu den Hippies nach Israel. In "Reisen mit mir und einem Anderen" sind ihre Berichte gesammelt - wirken sie zu Beginn mitunter prätentiös und auf den Effekt hin geschrieben, so wird das ursprünglich 1978 veröffentlichte Buch auf Dauer ausgesprochen stimmungsvoll. Als hätte sich Gellhorn erst warmschreiben müssen. Dabei wird offensichtlich, dass das zugrunde liegende Konstruktionsprinzip der "Höllenfahrt" eigentlich unnötig ist - wenn nicht sogar ärgerlich. Denn Gellhorns Bemühen, die Zustände schlimm zu finden, macht vor den Menschen kaum einmal Halt.

In ihrem Nachwort schreibt Sigrid Löffler: "Hält man sich ihre ständigen Klagen über Hitze, Dreck, Ungeziefer und Gestank vor Augen, die mitunter bedenklich rassistisch klingen ('Ich bin buchstäblich angeekelt vom Geruch der Schwarzen'), läßt sich ein Verdacht kaum abweisen: Was sich diese unerschrockene, aber zickige und unwirsche Dame eigentlich erträumt, ist ein Afrika ohne Afrikaner."

Das allerdings würde heute sich kein Reisebuchautor mehr wünschen - es reichte völlig, die Afrikaner wären einfach so normal wie wir.

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