Ann Cottens Spätmoderne-Parabeln Ananas im Champagner

Sie erzählt von Klonen und Zeitreisen und kritisiert damit doch unsere Gegenwart: Die Schriftstellerin Ann Cotten findet in "Lyophilia" wundervolle Metaphern, anderes verrätselt sie aber zu arg.

Ananas und Champagner
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Ananas und Champagner


Man liest sie zum ersten Mal und ist begeistert ob ihres Elans und ihrer Verspieltheit. Man liest sie ein zweites Mal und ist ein wenig ernüchtert. Spätestens beim dritten Buch stellt sich die Erkenntnis ein, dass man es hier mit einer Avantgarde im Leerlauf zu tun hat. Einer, die so tut, als würde sie sich ständig überbieten, und doch nur immer dasselbe Einerlei in neuen Farben präsentiert.

Ann Cottens Bücher sind stets Parabeln auf unsere allzu entfremdete und dehumanisierte Spätmoderne, wo abstrakte Systeme wie Kapitalismus und Technik längst die Steuerung von Gesellschaft und Individuum übernommen haben. So auch in ihrem neuen Werk, das von der Zukunft erzählt. In insgesamt zwölf Prosastücken fliegen "Straftrupps" aus Langzeitarbeitslosen staubsaugend durchs All, verbringen Menschen ihren Alltag vor "Feedback-Bildschirmen" oder treffen auf ihre Klone. Und wenn sie nicht gerade in schwebenden Shuttle-Bars durch das All vagabundieren, reisen sie mitunter via Lyophilisationsmaschinen, per Gefriertrocknung des Geistes also, vor allem in die Vergangenheit.

Autorin Ann Cotten
Markus Kirchgessner/ laif

Autorin Ann Cotten

Wie alle U- und Dystopien wirft auch dieser Text sein eigentliches Schlaglicht nicht auf ein Morgen, sondern indirekt auf das Hier und Heute. Was wir nunmehr im Frühstadium beobachten, buchstabiert Cotten mit radikaler Ironie durch. So etwa den blinden Fortschrittsoptimismus, die zunehmende Konkurrenz zwischen Androiden und Menschen oder die Pervertierung der Leib-Seele-Problematik.

Körper lassen sich in Cottens fernen Universen einfach einfrieren und wieder auftauen. Und die Seelen? Die sind in "Netzwerke(n) im Gehirn gespeichert" und "bestehen jetzt hauptsächlich aus Patches". Alles unterliegt in dieser Welt dem Materialismus, der es jedoch nicht vermag, ein fundamentales Sinnvakuum zu füllen: "Irgendwas in uns hat doch trotz aller Ratio gehofft, dass in den Brocken, die genommen wurden, um den neuen Planeten zu schaffen, (...…) Zeichen irgendwessen detaillierter Weisheit zu finden sein würden. Wir bohrten und buddelten an allen Ecken unserer vier Hektar. Wir wollten etwas finden, was mit uns kämpfte, (...…) um unser Leben eine Bedeutung spannte. Aber wir fanden nichts als frischen, sauberen Lavahumus."

"Trotz ist die Tropfsteinhöhle der Sehnsucht"

Vor allem mangelt es den hier beschriebenen Gefilden am Besonderen, Widerständigen oder gar Geheimnisvollen. Es ist eine Kritik an unserer Gegenwart, die Cotten im Zeichen von Ökonomisierung, Transparenzdiktat und adornoscher Kulturindustrie sieht. Dem steht der ästhetische Entwurf der 1982 in Iowa geborenen Autorin entgegen. Denn Ann Cottens Sprache zielt permanent auf Verrätselung und Verfremdung. Ein Bild legt sich über das nächste. Konturen und Aussagegehalte verschwimmen, wodurch ihre Texte einen höchst subjektiven Charakter annehmen.

Preisabfragezeitpunkt:
22.04.2019, 02:50 Uhr
Ohne Gewähr

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Ann Cotten
Lyophilia

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
463
Preis:
EUR 24,00

Als Leser kann man sich dabei an nichts festhalten. Übercodierung und dialektische Sprunghaftigkeit werfen einen unentwegt aus der Bahn. Wer sich in Cottens literarischem Universum bewegt, erleidet das Schicksal eines in der Flut Ertrinkenden.

Neben zweifelsohne wundervollen Metaphern wie "Trotz ist die Tropfsteinhöhle der Sehnsucht, das Negativ der Wünsche" finden sich unzählige zusammengekleisterte Gedankenversatzstücke. "Und so ging auch diese Nacht langsam, blubbernd unter, wie ein blutiges Schiff in einen Meer von Öl. Oder Ananas in Champagner, wenn man an das Schicksale scheffelnde Rad eines Paddeldampfers denkt" - was uns solcherlei Wendungen sagen wollen, bleibt wohl auch schlaueren Köpfen der Zukunft vorbehalten.

Doch die Unschärfen und Abschweifungen sind nicht das wesentliche Problem. Beklagenswert erscheint vielmehr der Gestus dahinter. Literarisch sozialisiert durch die Wiener Avantgarde, allen voran das Werk Friederike Mayröckers, hat die Autorin das poststrukturalistische Denken aufgesogen. Ob Geschlechterbilder ("Der schaudernde Fächer", 2013) oder Gattungskonventionen ("Verbannt!", 2016) - sämtliches wird mit Ach und Krach dekonstruiert.

Diese Strategie mag hip und ingeniös erscheinen und ist doch nur das immer wieder aufgewärmte Allerlei von vorgestern. Mit ihrer verkrampften Ausstellung vermeintlicher politischer und ästhetischer Avanciertheit verkauft sich eine eigentlich talentierte Autorin letztlich unter Wert.



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