"Macbeth"-Premiere Die Mühen des mittleren Managements

William Shakespeares "Macbeth" mit einer nur mittleren Menge Blut über die Distanz zu bringen, erscheint heute schon fast als Regieeinfall. Andreas Kriegenburgs Hamburger Neuinszenierung des klassischen Schlachtfestes offeriert die opulente Banalität des Bösen – erlebt aber eine bös banale Bauchlandung.


Hamburg - Es wird munter gearbeitet in König Duncans Reich. Auch Macbeth, hier ein eher unauffälliger Subalterner mit hässlicher Hornbrille, schafft redlich in seiner Einzelzelle im Großraumbüro. Wir sind in Regisseur Kriegenburgs Jetztzeit-Schlachtfeld angekommen, wo die Krieger und Adligen Schottlands miteinander, gegeneinander, füreinander kämpfen und streiten, mit Computer, Laptop, E-Mail und Telefon.

Arbeitswelt – Schlachtfeld, eine Analogie, die so stringent auch ein Übersetzungscomputer mit Metaphernprogramm hätte liefern können. Rechtwinklig wie die Büroarchitektur, bemüht um Effizienz wie das Schreibtischpersonal. Doch man kennt und neckt sich im Job, der Chef Duncan liebt den strebsamen Macbeth und präsentiert ihn seinem teilnahmslos weggetretenen Sohn Malcolm als Vorbild – ein fast heiteres, boulevardeskes Szenario, ein knalliger Einstieg. Ho! Ho! Welcome to Shakespeare, welcome to "Macbeth"!

Genau so hatten auch die drei obgligaten Hexen, Witches/Bitches, Wicked Sisters verschwörerisch das Publikum begrüßt, natürlich als protoypische Bürobiester ausstaffiert, leicht Fifties-nostalgisch, aber mit dem echten schlechten Biester-Biss, so "foul and fair", wie man als Büroschlampe nur stöckeln und sticheln kann.

Kein Platz für das Dämonische

Klar, dass ein Geduckter und Verdruckster wie Macbeth auf dieses Trio hört, als es ihm und seinem Freund Banquo (schön doppelbödig: Peter Kurth) Königsmacht und gloriose Herrscher-Zukunft verspricht. Umso mehr, als Macbeth sich für seinen Chef wenig später auf dem beruflichen Schlachtfeld bestens bewährt und den Übernahme- respektive Börsendeal unter Dach und Fach bringt. Schlacht – Übernahmeschlacht ... genau.

Zum ersten Mal an diesem dreistündigen Theaterabend klingt es hohl durch die Hallen. Während der anschließenden After-Work-Party im Büro werfen die Angestellten mit jenen Papierschlangen, die zuvor von den Spin-Doctor-Hexen ausgespieen wurden: Das Netz zieht sich zusammen. Dazu die hypnotische und hier ein wenig an Galeerentrommeln erinnernde Bühnenmusik von Michael Verhovec: eine gute Wahl, wie sie auch später das Geschehen stets präzise und verstärkend kommentierte.

In diesem dichten und dennoch kabarettistischen Geflecht schien Regisseur Kriegenburg mit seiner Lady Macbeth (Natali Seelig) eher wenig anfangen zu können. Sie schleicht als schüchterne Geschäftsliebe von Macbeth durch die Glashallen, knuddelt auch Freund Banquo ein wenig und sorgt sich um die Karriere ihres Mannes.

Doch auch ihr scheint das vom intriganten Hexenteam prophezeite Macht-Schicksal eher Stress als Motivation zu bescheren. Schade, denn so wird die eigentlich starke Lady ein eher blasses Opfer, das wie ihr Mann am eigenes Wollen und Tun zu Grunde geht – doch das Dämonische hat in dieser Inszenierung ohnehin wenig Platz. Ebenso wie die Lady sucht auch Macbeth die menschliche Nähe, zumindest zu seinem Banquo, den er in grotesk slapstickhafter Umarmungschoreographie heftig anspringt und sich an seine Brust wirft. Fast beiläufig dann der Königsmord, grell überzeichnet in der allzu lauten Totenklage der Täter, doch eben auch ohne Pathos. Leeres Blabla und Business as usual in der ach so harten Geschäftswelt.

Furioses Finale im Schottenrock

Doch die starke Shakespeare-Handlung holt Kriegenburgs gegen den Strich gebürstete Inszenierung ein. Die in der Thalia-Version verwendete aktuelle Übersetzung von Reinhard Palm steht gradlinig und gar nicht umgangssprachlich anbiedernd neben den eingefügten Comedy-Einlagen der Inszenierung sorgt für – sicher beabsichtigte – Brüche.

Doch je mehr das Schicksal der Vernichtung auf Macbeth und seine Lady zueilt, je mehr sie sich in Blut und Mord verstricken, desto eherner übernimmt Shakespeares Sprache wieder das Ruder. Auch das gewollt? Wenn Macbeth zum bösen Schluss dann doch in (neckisch verlängertem) Plissee-Schottenrock mit Schwert und im Unterhemd sein finales Duell mit dem "nicht von einer Frau geborenen" MacDuff ausficht, bricht die anfängliche Bilderwelt gänzlich weg.

Vom Großraumbüro in die Großraumwohnung ging es zuvor, und dennoch: Shakespeare rules. Da ist die Umformung des sich schicksalhaft bewegenden "Waldes von Birnam" als kräuterdekoriertes Fingerfood auf Macbeths Party schon eher eine Verlegenheit der Regie als eine zwingende Idee. Der Stoff wurde halt – wie die Figuren des Spiels – ein Opfer des diesmal nur mittleren Managements von Regisseur Andreas Kriegenburg, der zuletzt noch mit Lessings "Miss Sara Sampson" am Thalia Theater eine wesentlich ätzendere und dynamischere Klassiker-Runderneuerung vorgelegt hatte. Sonderlob allerdings für die hinreißend schlecht sitzenden und komischen Business-Klamotten des männlichen Personals, von Johanna Pfau entworfen, die auch das kühl-klare Bühnenbild gestaltete.

Wenn der Abend doch noch einen Gewinn hatte, dann dank des Macbeth-Darstellers Jörg Pose, ein vielversprechender Neuzugang, der der zuvor unter anderem beim schauspielfrankfurt und dem Volkstheater Wien Furore machte. Wie er der Figur in ihrem tiefen und steilen Fall mehr und Größe, Profil und Ausstrahlung gab, das war schlicht genial.

Der hohe Bühnenraum seines neureichen Domizils wurde ihm endlich fast zu eng, Pose spielte mit Kraft und Druck gegen alles Comedy-Gestöhn und alle flachen Gags an – ein Riese, und ein vielseitiger dazu. Vom Flüstern und Schleichen zum Schrei und zur großen Geste, er gab den letzten 30 Minuten des Stücks Geschwindigkeit und brachte den Macbeth wie in einem Rausch nach Hause. Freundlicher Beifall fürs Ensemble, mehr Buhs als Bravos für die Regie.



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