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Späte Väter Narr im Norwegerpulli

Der Kabarettist und Schriftsteller Dirk Stermann schreibt über einen alternden weißen Mann, seine junge Frau und ihren Kampf um kleinfamiliäres Glück. Es ist ein Buch zum Gruseln.
aus DER SPIEGEL 28/2022
Autor Stermann

Autor Stermann

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K. Piles / IMAGO

Tolles Fallbeispiel für die Anfängerstunde beim Paartherapeuten. Klagt die Frau, dass sie über ihre berufliche Situation nicht glücklich sei, antwortet der Mann: »Du hattest doch keinen Schlaganfall. Du hast ein Kind bekommen.«

Es ist ein Buch zum Gruseln, das der in Wien lebende deutsche Kabarettist und Schriftsteller Dirk Stermann über einen alternden weißen Mann, seine junge Frau und ihren Kampf um kleinfamiliäres Glück und berufliche Erfüllung geschrieben hat. Es gibt auch eine Menge zu lachen.

Aus: DER SPIEGEL 28/2022

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Der Held des Romans ist ein in Wien lebender deutscher Kabarettist und Schriftsteller namens Dirk Stermann. Er erzählt von seiner Beziehung zu einer deutlich jüngeren Künstlerin und von Erziehungsversuchen am gemeinsamen vierjährigen Sohn. Von Eifersucht, Haushaltsstress, Dreikäsehoch-Sprüchen, Streit um die Kinderbetreuung. »Nenn mich nicht Banksy. Sag Papa«, fordert der Held von seinem Sohn. Doch das Kind spricht seinen Vater beharrlich weiter mit dem Namen eines anderen Mannes an, »der immer weg ist«.

Als Autor bekannt geworden ist Stermann, 56, durch einen phänomenalen Bestsellererfolg. »6 Österreicher unter den ersten 5« erschien 2010. Das Buch erzählt von der Begeisterung des in Düsseldorf aufgewachsenen Deutschen Stermann für seine Wahlheimat Wien. Gemeinsam mit dem Kollegen Christoph Grissemann betreibt er im ORF-Fernsehen seit vielen Jahren die Satiresendung »Willkommen Österreich«.

Der Held bestaunt darin allerlei komische austriakische Eigenheiten und den Zauber der Wiener Medien- und Kleinkunstwelt, vor allem aber das eigene Leben: wie ein humoristisch halbwegs begabter junger Mensch aus dem Rheinland es in Wien zu einem in Radio und TV beliebten, bei Liveauftritten bejubelten und für politische Frechheiten berüchtigten Kabarettstar schaffen konnte. Und was ihm dabei nebenher im Privaten an Glück und Abstürzen widerfuhr.

Für die Fortsetzung des Erfolgsbuchs, von dem über zweihunderttausend Exemplare verkauft wurden, hält sich Stermann an eine ähnliche Mixtur. »Du bist nicht Knausgård«, wird der Held im neuen Werk zwar von einer Ex-Ehefrau angeschrien. »Du hast nur einen von Motten zerfressenen Norwegerpulli.«

Trotzdem wirkt es nah am Autobiografischen, was Stermann berichtet: wie er tagein, tagaus von Auftritten in kleinen und größeren österreichischen Städten, in denen ihn auch mal ein Marder attackiert, zu Fernsehterminen ins Studio hetzt. Wie er sich mit seiner Künstlergattin Nina um die Betreuung des Sohnes zofft, als sie für ein paar Monate einen Job in einem österreichischen Kulturinstitut in New York annimmt und er sich in Wien allein um den Kleinen kümmern soll. Wie er sich mit seinem besten Freund Robert, einem erfolglosen Schriftsteller, betrinkt, während sie über Glanz und Elend später Vaterschaft diskutieren. Und wie ihm die Verlagsleute aus Hamburg während aller Kalamitäten stets im Genick sitzen und endlich die Ablieferung eines neuen Romans fordern.

Lange existiert vom Buchmanuskript keine Seite. Dann wird Stermann geraten, über sich zu schreiben.

Der Rat kommt von einem aus der Ukraine stammender Babysitter namens Maksym. Er ist der Joker dieses grandios komischen Buchs. »Maksym« ist auch der Titel von Stermanns Roman. Der ukrainische Kinderbetreuer mit abgeschlossenem Jurastudium wird nach einer absurden Suche unter diversen Kandidatinnen und Kandidaten ausgewählt und zieht, weil er auch kochen und den Haushalt besorgen soll, bei Vater und Sohn ein.

Er bildet den Kleinen unter anderem zum Meisterdieb und zum Boxkönig aus. Er schafft es, die Katze einer Nachbarin, die mit ihren Klageschreien seit Monaten den Wohnblock terrorisiert, sanft zum Schweigen zu bringen. Und er teilt Weisheiten, die den Vater seines Schützlings verblüffen: »Wenn du nicht trainierst, wird dein Körper schlaff wie ein Regenwurm«, zum Beispiel.

Zu den Eigentümlichkeiten des Erzählers wie des Kabarettisten Stermann gehört es, dass er zwar mit schönen Pointen jongliert, aber stilistisch zu einer freundlichen Betulichkeit neigt. Da wird dann behauptet, Deutsche seien von Wiens Prachtbauten so verzückt, weil ihre Städte im Zweiten Weltkrieg so übel zerstört wurden. »Weil die Alliierten sichergehen wollten, dass da niemals wieder etwas Hausähnliches stehen kann. Sie behielten recht.«

Oder ein Szenelokal am Naschmarkt wird so angepriesen: »Vielversprechende junge Schriftsteller waren zu viel trinkenden alten Schriftstellern geworden, Nachwuchsschauspieler zu vertragslosen arbeitslosen Schauspielern und bildende Künstler, die es geschafft hatten, zu eingebildeten Künstlern. Über allen Tischen schwebte ein Ablaufdatum.«

Der Charme dieses Buchs entsteht aus einer Grundstimmung der amüsierten Erschöpfung, mit der hier ein Held die Geschichte seines Niedergangs beschreibt. Seine Begeisterung fürs Vatersein, sein Selbstmitleid fürs erlittene Liebesunglück – und schon auch die Zuneigung für die Menschen, die er mal geliebt hat. Unterm Strich: eine absolut wienerische Mischung. In einem Anfall von Poesie dichtet Stermann einen Blues: »Allein kommen wir auf diese Welt, alleine gehen wir. Allein kommen wir nach Wien, allein bleiben wir.«

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