Fotostrecke

Hexi Kiki: Bringdienst auf Besen

Foto: ddp images/Jadis

Manga-Workshop in Berlin Hexe Kiki hilft Japanern beim Weiterleben

Spagat im Zeichen der Katastrophe: In Berlin trafen sich japanische Manga-Autoren, um trotz Erdbeben und Fukushima die Frage zu erörtern, ob die Comics aus Fernost Literatur sind. Das klingt pietätlos, doch dank einer sympathischen kleinen Hexe vermengten sich Spaß, Trauer, Haltung - und Stolz.
Von Barbara Bollwahn

Auf der Wiese vor dem Eingang hat jemand ein Körbchen mit Schneeglöckchen abgestellt. Sie muten an wie eine stumme Beileidsbekundung. Das Japanisch-Deutsche Zentrum (DJZ), untergebracht in einem einstöckigen Klinkerbau in Berlin-Zehlendorf, wagte am Donnerstag einen nicht ganz leichten Spagat.

"Die Mitarbeiter des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin gedenken mit großer Trauer der Opfer der furchtbaren Natur- und Umweltkatastrophe in Japan", heißt es auf der Internetpräsenz des DJZ. "Unsere Sorge und unser Mitgefühl gilt allen Betroffenen, ihren Angehörigen und Freunden. Wir bangen mit ihnen und wir hoffen mit ihnen auf Hilfe und schnelle Besserung ihrer Lage."

Doch während Japan von der größten nationalen Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg heimgesucht wird und das japanische Generalkonsulat in Frankfurt eine Reihe von Veranstaltungen als "unpassend" abgesagt hat, wird im DJZ der Workshop eröffnet, der die derzeit so belanglos erscheinende Frage stellt: "Ist Manga Literatur?"

Die zweitägige Veranstaltung findet im Rahmen des Jubiläumsjahres "150 Jahre Deutschland und Japan" statt. Etwa 80 Deutsche und Japaner sind dann doch gekommen, viele von ihnen mit ihren Kindern, um etwas über den "Stellenwert von Manga in der japanischen Kinder- und Jugendliteratur" zu erfahren und den Anime-Film "Kikis kleiner Lieferservice" anzuschauen, einen japanischen Animationsfilm über eine kleine Hexe, die erwachsen wird.

"Wir haben uns gefragt, ob es nicht pietätlos ist"

Der Leiter der Kulturabteilung des DJZ, Ikuta Chiaki, entschuldigt den stellvertretenden Generalsekretär, der die Gäste persönlich begrüßen wollte. "Er hat einen unerwarteten Außentermin." Ikuta Chiaki stockt einen Moment, er spricht den Opfern in Japan sein "tiefstes Mitgefühl" aus und bittet die Anwesenden, sich zu einer Schweigeminute zu erheben. Dann bedankt er sich bei den Gästen aus Japan, deren Reise "sehr umständlich und kompliziert" gewesen ist - und beantwortet nahtlos die Frage, ob Manga Literatur sei. "Selbstverständlich", sagt er. Genauso gut könne man fragen, ob Spaghetti Nudeln seien. Ikuta Chiaki bittet das Publikum, das "als Diskussionsmaterial im Kopf zu behalten", und nennt es "ein bisschen unpassend", die Veranstaltung angesichts der schwierigen Lage in Japan durchzuführen. "Aber", sagt er, "wenn wir seriös über die Kultur in Japan diskutieren, dann nützt das allen".

Dieser Meinung sind viele im Japanisch-Deutschen Zentrum. Hiroomi Fukuzawa, Lehrbeauftragter am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität Berlin, Übersetzer, Autor und Moderator der Veranstaltung, erzählt, dass überlegt wurde, den Workshop abzusagen. "Aber die japanische Seite hat uns signalisiert, die Veranstaltung durchzuführen. Das Leben geht weiter und wir können die Geschehnisse nicht beeinflussen."

Fotostrecke

Japaner und die Atomenergie: Wie sie lernten, die Technik zu lieben

Foto: CARLSEN

Hiroomi Fukuzawa, der seit 1971 in Berlin lebt, ist überzeugt, dass man aus Mangas und Animationsfilmen "Kraft schöpfen kann zum Weiterleben". Wenn eine Geschichte "sehr gekonnt erzählt" werde, sei es möglich, die Katastrophe für eine Weile zu vergessen. "Und das ist gut so." Deshalb wäre es sein "größtes Glück", wenn das Publikum den Nachmittag genießen könne.

Natalie, 24, Physiotherapeutin, und Yuya, 22, Azubi, die beide mit Mangas groß geworden sind, erzählen, dass sie sich am morgen per SMS darüber verständigt hätten, ob sie zu der Veranstaltung gehen. "Wir haben uns gefragt, ob es nicht pietätlos ist", erzählt Natalie. "Aber es muss weiter gehen."

"'Spirit of Freedom' droht abzustürzen"

Yuya, der mit zehn Jahren aus Japan nach Deutschland kam, sieht das ebenso und zeigt sich erstaunt über die Gelassenheit seiner Verwandten in Japan. "Sie nehmen das ziemlich auf die leichte Schulter. Das wundert mich." Ein deutsch-japanisches Ehepaar begrüßt das Festhalten am Programm des Jubiläumsjahres der deutsch-japanischen Beziehungen als "Ausdruck der Wertschätzung". Angesichts der Katastrophe beiße es sich vielleicht, Unterhaltung zu machen, gibt der deutsche Ehemann zu bedenken. Aber es sei eine "große Eigenschaft der Japaner, nach vorne zu schauen". Seine japanische Frau fügt hinzu: "Es ist leicht, panisch zu sein. Es ist besser, ruhig zu bleiben."

Nicht alle der geladenen Gäste konnten aus Japan anreisen. Die Autorin Sachiko Kashiwaba wohnt im Norden des Landes und hat deshalb die Reise abgesagt. Eiko Kadono, Autorin des Kinderbuches "Kikis kleiner Lieferservice", ist 75 Jahre alt und konnte wegen gesundheitlicher Probleme nicht kommen. Sie hat einen Brief an das Publikum in Berlin geschrieben, der verlesen wird. "Gerade in so einem Moment halte ich es für sehr wichtig", teilt sie mit, "gerade auch über Kinderbücher zu sprechen". Die Japaner seien ein Volk, "dessen Augen die unsichtbare Welt gut beobachten können". Deshalb hätten japanische Anime-Filme so eine große Anerkennung in der Welt.

Dann wird es dunkel im Saal und 103 Minuten lang zeigt die sympathische kleine Hexe Kiki, wie sie mit ihrem fliegenden Besen einen Lieferservice auf die Beine stellt. Gebannt verfolgt das Publikum, wie sie ihren Freund rettet, der mit dem Luftschiff "Spirit of Freedom" abzustürzen droht.

Als es wieder hell wird im Saal, sprechen die Autorin Hiroko Reijo und die Autoren Akira Nogami und Jun Nasuda in gelöster Stimmung über ihre Inspirationen zum Schreiben, die Adaptation von Romanstoffen für Anime-Filme und die japanische und abendländische Mythologie. Und die Frage einer Frau, ob das aktuelle Unglück in Japan später in Mangas zu finden sein wird, bleibt unbeantwortet.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.