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Marihuana-Sachbuch "High": Ehrenrettung für Kiffer

Neue Cannabis-Fibel Lieber druff als Suff

Ein neues Marihuana-Buch will die Ehre der uralten Nutzpflanze retten. Mit guten Argumenten erklärt der Autor, warum das jetzige Verbot großer Unsinn ist. Und auch, wer es angezettelt hat: ein Ex-Alkoholfahnder aus Amerika, der einfach Schauermärchen aus der Boulevardpresse übernahm.

Dass Drogen eine schlimme Sache sind, beweist das alljährliche Kalangiwurzelfest in der Westafrikanischen Republik. Es kommt "zu Hunderten von Vergewaltigungen, sexuelle Belästigungen sind an der Tagesordnung. Viele Besucher enden in Notaufnahmen". So berichtet es Schriftsteller und Fotograf Sebastián Marincolo. Doch damit längst nicht genug.

"Die Auswirkung von Tetralin", dem Wirkstoff der Kalangiwurzel, "auf die Wahrnehmung und die motorische Koordination ist bei starkem Konsum so verheerend, dass jährlich Tausende von Menschen in der Westafrikanischen Republik im Straßenverkehr sterben und Zehntausende verletzt werden. Weitere Zehntausende sterben an Überdosierung oder an den Folgen andauernder Überdosierung und Sucht."

Wie ist es möglich, fragt der Autor, "dass die Westafrikaner eine solch gefährliche Droge legal machen und sogar zelebrieren"? Es ist nicht möglich, denn eine Westafrikanische Republik gibt es genauso wenig wie eine Kalangiwurzel oder ein Kalangifest.

Ach so, ein Buch für Kiffer!

Wohl aber gibt es Deutschland Hopfen, Alkohol und das Oktoberfest. Und darauf trifft alles zu, was Marincolo über die schädliche Wirkung des frei erfundenen Tetralin schreibt. Der rhetorische Trick zeigt, wie effektiv eine seit Jahrzehnten andauernde Gehirnwäsche dazu geführt hat, Alkohol für etwas anderes als eine Droge zu halten - im Gegensatz zum bösen, kriminalisierten Marihuana.

Genau darum geht es Marincolo in seinem Buch "High. Das positive Potential von Marihuana", um die Ehrenrettung einer uralten Nutzpflanze. Tatsächlich sei ihr ökonomischer, ökologischer, medizinischer und vielleicht sogar gesellschaftlicher Nutzen so groß, dass wir es uns kaum mehr leisten könnten, ihn aus ideologischen Gründen weiter zu ignorieren.

Nun ist das Problem solcher Anti-Prohibitions-Bücher weder ihr aufklärerischer Gestus noch die Tatsache, dass sie inzwischen Bibliotheken füllen. Sondern der Umstand, dass sie in der Regel den Bekehrten etwas predigen, was die schon wissen - und allen anderen lediglich ein süffisantes Lächeln entlocken. Zumal dieses Buch auch noch von einem niederländischen Großversand für Hanfpflanzen gesponsort ist. "Ach so, ein Buch für Kiffer!" Nicht unwahrscheinlich, dass der Autor selbst einer ist.

Feuchte Träume in Chlorophyll

Aber erstens nutzen nach vorsichtigen Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation derzeit 150 Millionen Menschen weltweit in irgendeiner Form Marihuana. Und zweitens sollte, wer über das Surfen schreibt, einmal in seinem Leben auch eine Welle geritten haben.

Dass Marincolo sich als Student der Philosophie auf Kognitionswissenschaften spezialisiert hat, kommt seinen Argumenten an vielen Stellen entgegen. Sehenswert auch Marincolos liebevolle Fotos der Pflanzen selbst; zauberhafte florale Details, feuchte Träume in Chlorophyll.

Daneben führt,der Autor prominente Fürsprecher wie Carl Sagan oder Lester Grinspoon ins Feld, um die wirtschaftlichen Möglichkeiten und psychotropen Wirkungen der Hanfpflanze auszubreiten. So untersucht er die Frage, ob der meist als märchenhaft empfundene Kreativschub unter Einfluss der Pflanze einer wissenschaftlichen Prüfung standhält; er hält, weil die Substanz neuronale Routinen unterbindet und Probanden in Experimenten auf andere, eben kreative Weise zum Ziel kommen. Erwähnt wird auch das vor ein paar Jahren erst entdeckte Endocannabinoid-System im Gehirn - Rezeptoren für den Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC), die den Schluss zulassen, dass der Körper selbst ähnliche Stoffe produziert.

Der Anti-Gras-Fanatiker

Zuletzt wird resümiert, wie wir überhaupt auf den fatalen Holzweg eines Cannabis-Verbots kommen konnten: Nach Aufhebung der Alkoholprohibition musste die zuständige US-Behörde 1933 schlagartig 8000 Mitarbeiter entlassen, von denen viele im "Federal Bureau of Narcotics" unterkamen. Deren Chef, Harry Anslinger, startete eine beispiellose und rassistisch gefärbte Kampagne zur Kriminalisierung von Marihuana.

Vor dem US-Kongress erzählte er blühenden Unsinn: "Marihuana ist eine Suchtdroge, die bei Gebrauch zu Wahnsinn, Kriminalität und Tod führt. Rauchen Sie einen Joint, werden Sie wahrscheinlich Ihren Bruder töten. Marihuana ist diejenige Droge in der Geschichte der Menschheit, die am meisten Gewalt verursacht."

Der Fanatiker wurde nach dem Krieg zur Uno versetzt, wo er mit einem weltweiten "Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel" die Ächtung des Cannabis auf internationaler Ebene durchsetzte. "Das weltweite Verbot des Cannabisanbaus", schreibt Marincolo, "geht somit im Wesentlichen direkt auf das Wirken eines Mannes zurück, dessen Quellen hauptsächlich aus Zeitungsmeldungen der Boulevardpresse bestanden, wie eine posthume Sichtung seines Aktennachlasses zeigte."

Nun werden seit Jahren immer wieder wissenschaftliche und publizistische Anläufe unternommen, die irrationale Prohibition von Marihuana zu beenden, das kulturelle Tabu aufzuweichen. Allmählich kommt auch politisch Bewegung in die Sache, und sei es einstweilen nur die Genehmigung, Dope zu medizinischen Zwecken zu verwenden.

Ein Ende der Prohibition könnte schließlich auch den unseligen "Krieg gegen Drogen" entscheiden. Gefragt, ob er im Falle einer Legalisierung selbst Hanf anbauen würde, erklärte erst neulich Mexikos Ex-Präsident Vicente Fox: "Wenn es legal wäre, klar. Ich bin Landwirt."