Marina Keegan: Zweifel und Hoffungen der 20-Jährigen
Lebensgefühl der Mittzwanziger "Herzlichen Glückwunsch, aber ihr kotzt mich an"
Es ist nicht einfach, über junge Menschen zu schreiben. Zu oft sind solche Abhandlungen blutleer und vermessen, reduziert auf vermeintliche Oberflächlichkeit der Porträtierten, aufs Apolitische, auf einen Mangel an Entscheidungsfreude.
Die Schriftstellerin Marina Keegan, Jahrgang 1989, wurde als "Ikone ihrer Generation" bezeichnet. Schnell fragt man sich, was mit "Generation" gemeint ist. Soll Keegan eine Ikone für alle sein, die ein gewisses Alter eint, die sich aber durch Millionen an Merkmalen und Einflüssen unterscheiden? Für den jungen Mann, der sein Bein durch eine Mine verloren hat, und für die junge Frau, die abwägt, ob sie heute die Stilettos von Louboutin oder die von Gucci tragen soll?
Für manch einen ist die Yale-Absolventin Keegan wohl eine Ikone; sie sollte aber vor allem ein Vorbild für diejenigen sein, die über junge Menschen schreiben wollen. Ihr ist ein Text gelungen, der sich durch Authentizität vom Gros des Generationsgeschreibes absetzt.
Autorin beim "New Yorker"
Dieser Text hat den zauberhaft schlichten Titel "Das Gegenteil von Einsamkeit" ("The Opposite of Loneliness"). Er ist das Gegenteil von Vermessenheit und Blutleere. Darin beschreibt Keegan ein Gefühl, von dem man sich vorstellen kann, dass es einige der privilegierten Twentysomethings teilen.
"An die, die ihren Weg schon gefunden haben", schreibt Keegan, "Euch sage ich: Herzlichen Glückwunsch, aber ihr kotzt mich an." Ihr Text ist ein Plädoyer fürs Experiment, fürs Scheitern.
"Unsere heimlichen Unsicherheiten folgen uns und werden uns immer folgen." Das Unwägbare als Antrieb. Keegan endet mit den Worten "Bewegen wir etwas in der Welt". Kurz, nachdem Keegan diesen Text geschrieben hatte, war sie tot. Während einer Autofahrt schlief ihr Freund am Steuer ein, der Wagen fuhr gegen eine Leitplanke und überschlug sich.
Keegan starb mit 22, ihr Freund überlebte. Einen Job als Autorin beim renommierten Magazin "New Yorker" hatte sie sicher, eine Karriere als beachtete Schriftstellerin wäre nur logisch gewesen.
Hummer to go
Jetzt ist ein Band mit einer Auswahl der Geschichten und Essays erschienen, die Keegan in ihrem kurzen Leben verfassen konnte.
Texte, an denen sie wahrscheinlich noch lange feilen würde, hätte sie die Gelegenheit, denn "ES GEHT IMMER (NOCH) BESSER!" war ihr Motto. Aber auch so lesen sich Keegans Texte klug und humorvoll. Sie zeugen von einer erzählerischen Reife, die manche mit 50 nicht erreichen, und strotzen vor jugendlicher Neugierde.
Keegans Geschichten handeln oft von gut situierten Studenten, Lichtjahre entfernt vom Ernst des Lebens, weit weg von Gehaltsvorstellungen, Heiratsplanungen, Hypothekenzahlungen, mitten in den Zweifeln und Hoffnungen, die man mit Anfang 20 hat. Einige ihrer Protagonisten sind Jugendliche, die sich gern Wes-Anderson-Filme ansehen, in Cape Cod Urlaub machen und sich Hummer zum Mitnehmen bestellen. Keegans Texte fußen auf den Beobachtungen einer jungen Frau, der es wohl möglich war, inmitten einer unverbrauchten Elite zu kiffen und über die Zukunft zu sinnieren.
Die Texte im Band namens "Das Gegenteil von Einsamkeit" kreisen vor allem um Affären, Lust, Eifersucht, Beklemmungen. Um das, was vielleicht Liebe sein könnte. Vielleicht ist die Liebe ja das Gegenteil von Einsamkeit; jedenfalls hält sie dieses posthum veröffentlichte Buch zusammen.
Einen Crêpe und ein eiskaltes Bier
Der Tod kommt in Keegans Geschichten und Aufsätzen nur in dem Maße vor, in dem man ihm als lebensmutige Studentin einer Elite-Uni wohl begegnet: selten. Dabei beeindruckt Keegan mit Empathie. Zum Beispiel, als sie beschreibt, wie sie das Sterben der Wale in Cape Cod erlebt habe: "Ich stellte mir vor, wie ich langsam neben meiner Mutter oder einem Lover sterbe, hilflos und unfähig, meine Abschiedsbotschaft zu übermitteln."
Manchmal spielt der Tod eine tragikomische Rolle bei Keegan. In "Aufs Korn genommen", einem Essay über ihre Glutenunverträglichkeit, listet Keegan auf, was sie sich gern ans Sterbebett bringen lassen würde: "Eine Rolle gefüllte Kekse, eine Tüte Goldfischchen, einen Hamburger von McDonald's, eine Auswahl von Dunkin' Donuts, Hühnerpastete, eine gefüllte Teigtasche, eine große Salamipizza, einen Crêpe und ein eiskaltes Bier." Sie wolle das alles "langsam und genüsslich verzehren", schreibt sie - bevor alles sich dem Ende neige.
Marina Keegan:
Das Gegenteil von Einsamkeit
S. FISCHER; 288 Seiten; 18,99 Euro.