Marlene Streeruwitz' Österreich-Abrechnung Ein feministisches Zurechtschütteln

Im Anhang haut Marlene Streeruwitz der ÖVP-FPÖ-Regierung ihre Politik um die Ohren, im Roman selbst befreit sich eine Frau mühsam von Rollenbildern: "Flammenwand" ist eine Zumutung - wie es die Welt für viele Frauen ist.

Protagonisten der ÖVP-FPÖ-Regierung: Heinz-Christian Strache (l.) und Sebastian Kurz
Hans Klaus Techt/ APA/ DPA

Protagonisten der ÖVP-FPÖ-Regierung: Heinz-Christian Strache (l.) und Sebastian Kurz

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Die Autorin sitzt hinterm Schreibtisch, Papierstapel, Büchertürme ringsum. Es ist Anfang Mai 2018, es ist die erste YouTube-Folge von "Frag Marlene - Feministische Gebrauchsanleitungen". Marlene Streeruwitz setzt sich die Brille auf und liest einen Satz aus dem damals frischen Regierungsprogramm von ÖVP und FPÖ vor: "Die Verschiedenheit von Mann und Frau zu kennen und anzuerkennen ist ein Bestandteil menschlichen Lebens und damit unantastbar mit der Würde des Menschen verbunden." Der Satz diene als "Leseanleitung für das gesamte Regierungsprogramm", schiebt sie hinterher, ein Zurück "ins 14. Jahrhundert".

Jede der kurzen Folgen dreht sich um diesen Satz, fiktionale Leserinnenbriefe und Postfachadresse inklusive. Um zu demonstrieren, wie das Große das Kleine beeinflusst. Wie es das Leben einzelner Frauen prägt, wenn Politik ihre Arbeit auf die Grenze zwischen den Geschlechtern ausrichtet statt auf die Menschen. Also auf alle - ohne Unterschied.

Man kann sagen, dieses YouTube-Projekt ist so etwas wie das heitere, verspielte Pendant zu "Flammenwand", dem neuen Roman der österreichischen Schriftstellerin. Dass er ausgerechnet jetzt erscheint, nun, da sich die ÖVP-FPÖ-Regierung zerlegt, wirkt geradezu irre.

Das Buch ist auch ein Frontalangriff auf die aktuelle österreichische Politik. Es gehört zu Streeruwitz' Haltung als Autorin, Geschichten über den Nahkampf von Figuren so zu erzählen, dass sie den gesellschaftspolitischen Makrokosmos spiegeln, hinterfragen, demontieren. Und zugleich mit herrlich überraschenden doppelten Böden zu arbeiten. Egal, ob sie sich als Rahmen die Finanzbranche oder Terrorattentate oder die Kulturindustrie sucht. Nun also die Regierungspolitik von Türkis-Blau - und die Wienerin Adele, geboren Mitte der Sechzigerjahre.

Keine Wohlfühlliteratur, nirgends

Diese lange Vorrede ist nötig. Weil jene Eindrücke nicht für lau zu haben sind. Denn Streeruwitz' Schreiben ist eine Zumutung. Wir wollen es gerne einfach, Lesen ist Konsumieren, aber: Nein, sagt dieses Buch, sorry, so leicht bin ich nicht zu haben,keine Wohlfühlliteratur nirgends.

Wenn man zwischen all dem Romanmaterial da draußen mal wieder eine Seite Streeruwitz aufschlägt, besteht kein Zweifel: Es ist elementar, sich dieses Stakkato, diese Lichtblitze aus Ein-, Zwei-, Dreiwortsätzen, die doppelten Böden zuzumuten. So wie das Leben von so vielen Frauen auf dieser Welt eben eine Zumutung ist. Kein Fragen, kein Ausrufen, stets ein Schlusspunkt, als würde damit jedes Wort bekräftigt.

Marlene Streeruwitz
Marija Kanizaj

Marlene Streeruwitz

Streeruwitz erzählt also einen Tag von Adele. Die lebt gerade in Stockholm, mit einem Gustav aus Berlin, er ist neu, sie haben sich eine kleine Wohnung gemietet. Sie haben ihre Rituale, morgens befriedigt er sie fingernd, beim Kaffee lächeln sie sich zu, dann gehen sie ihrer Wege. In der Früh sieht sie Gustav gerade noch verschwinden, geht ihm nach, entdeckt ihn von Ferne in einem Café, er schreibt eine SMS - bis Adele merkt: nicht an sie.

Also läuft sie weiter: "Sie ging so schnell wie möglich. Das schnelle Gehen. So konnte sie das Einsacken des Körpers in der Mitte einfangen. Das Einsacken ins Gehen schieben. Vorgebeugt das Elend weiterzerren." So wie sie stockend auf Rollsplit durch die Straßen rutscht, so lesen wir, und so schliddert ihr unterwegs alles in den Kopf: ihre Familie, in der Adele als Mädchen so egal war, dass sie nicht einmal Schläge bekam; die Gustav-Geschichte; die Familien an der Grenze Mexiko-USA. Ein wahnsinniger, teils witziger Rhythmus, Adele folgend, wie sie flaniert und grübelt und von ihrer Autorin in verblüffende Situationen geworfen wird, bis -, ja, bis sie den Notruf wählt.

83 Anmerkungen

Es ist eine Nacherzählung in Schichten, wie Tagebucheinträge zwischen März und Oktober 2018. Als würde die Erzählerin Momente mehrfach abspulen und die Lügen aufdröseln in der "Gustavschaft". Und damit auch Adeles Position: dabei, sich zu ermächtigen, den Quatsch der Rollenprägung wegzuwerfen, ein feministisches Zurechtschütteln. Schön auch der subtile Verweis auf die alte Scheherazade-Frage: Laut Ortsmarke sitzt die Schreiberin meist in Wien, zwei Mal ist sie jedoch ein paar Tage in Berlin, wo Gustav ein Haus hat. Wie also ging es weiter, nachdem alles ins Rutschen geriet?

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:31 Uhr
Ohne Gewähr

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Marlene Streeruwitz
Flammenwand.: Roman mit Anmerkungen.

Verlag:
S. FISCHER
Seiten:
416
Preis:
EUR 22,00

Aber vor allem der doppelte Boden, was für ein Einfall: Fast jeder Tagebucheintrag verweist auf einen im Anhang - Streeruwitz nutzt diesen Fußnotentrick, um die Tür zum großen Ganzen aufzustoßen. Für eine Chronik der österreichischen Jetzt-Zeit, als Liste mit politischen Meldungen. Einem Iraker wird kein Asyl gewährt, weil er sich "mädchenhaft" benommen habe, Frauenpolitik bedeutet vor allem Gebärendenpolitik, die UN prüft, wie Österreich Migranten schützt.

Eine Atmosphäre, suggeriert dieses Verkoppeln, die sich dem Damals annähert: als Männer so sozialisiert wurden, dass sie heute wie Gustav wie ein wandelnder Welt-Mittelpunkt mit machistischen, rassistischen, homophoben Sprüchen davonkommen; in der man Frauen wie Adele "beigebracht hatte, ihren Körper als schuldbeladenen Gegenstand männlicher Begierde zu sehen. [...] Ein dämonischer Vorgang war da entworfen worden".

In diesen 83 Anmerkungen lässt Streeruwitz Raum für Zweifel, für Zurechtgeschobenes. Weil Bundeskanzler Kurz ein Kopftuchverbot für Schulen eben nicht am 16. April 2018, sondern bereits Anfang April angekündigt hat. Weil die Hitlerbüste nicht am 1. April 2018 im Parlament entdeckt wurde, sondern im September 2017. Und was noch?

"Die Aufträge der Großeltern lebten in den Enkeln weiter", heißt es. "Und es schien, dass es die Nazis gut geschafft hatten. Vom Großvater zum Enkel. Zumindest Zustimmung durch Unterlassung." Nichts sagen, hinnehmen, es macht das Überholte wieder normal, es ist keine Option, da ist Streeruwitz unmissverständlich. Dann doch am besten gleich eine Flammenwand zünden. Ein Ferienhaus auf Ibiza tut's auch.



insgesamt 2 Beiträge
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AttaTroll 29.05.2019
1. Adis Odelgrube
Der Satz aus dem damals frischen Regierungsprogramm von ÖVP und FPÖ: "Die Verschiedenheit von Mann und Frau zu kennen und anzuerkennen ist ein Bestandteil menschlichen Lebens und damit unantastbar mit der Würde des Menschen verbunden." ist ja schon ein Kracherchen. Unmissverständlich und diskriminierend. Vor diesem Hintergrund erhält das Video des Rechtsaußen Strache die ganz besondere Duftnote 'Adis Odelgrube'.
mark.muc 29.05.2019
2. Das ist nicht diskriminierend aber dennoch bedenklich...
Zitat von AttaTrollDer Satz aus dem damals frischen Regierungsprogramm von ÖVP und FPÖ: "Die Verschiedenheit von Mann und Frau zu kennen und anzuerkennen ist ein Bestandteil menschlichen Lebens und damit unantastbar mit der Würde des Menschen verbunden." ist ja schon ein Kracherchen. Unmissverständlich und diskriminierend. Vor diesem Hintergrund erhält das Video des Rechtsaußen Strache die ganz besondere Duftnote 'Adis Odelgrube'.
Natürlich sind Männer und Frauen verschieden. Das ist eine offensichtliche Tatsache. Dies festzustellen ist zunächst einmal einfach nur banal und nicht diskriminierend, selbst dann, wenn es aus der rechten Ecke kommt. Bedenklich ist aber die Formulierung "Verschiedenheit von Mann und Frau", das erinnert an, "Wählerwille" oder noch schlimmer "Wille des Volkes". So etwas gibt es nicht. Es gibt nur Wähler (ich benutze bewusst das generische Maskulinum, alles andere führt zu sprach-logischen Aporien) , die alle eine ihnen eigene Meinung haben, diese lassen sich zwar statistisch auswerten, fügen sich aber dennoch nicht zu einem Wählerwillen zusammen. Analog ist es mit Frauen und Männern. Dies wird häufig übersehen, auch von vermeintlich linker Seite ( Grüne & SPD) aber neuerdings auch in der CDU (Merkel: Parität ist logisch). Solche Inkarnationen abstrakter Begriffe sind gefährlich. So sollte es auch keine Frauenrechte (außer in speziellen Zusammenhängen z.B. in Sachen Schwangerschaft), sondern immer nur Menschenrechte geben. Ein solches Vorgehen wäre auch im Einklang mit der Einsicht, dass es Übergänge zwischen männlich und weiblich gibt. Die richtige Forderung wäre das Geschlecht als juristische Kategorie schlichtweg abzuschaffen. Einen Satz wie: ...ist eine Zumutung - wie es die Welt für viele Frauen ist... empfinde ich als unerträglich, weil er das Leid von Männern zumindest relativiert. Das ist der linke Sexismus und der ist nicht besser als der rechte Sexismus..
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