Kampfzone Literaturbetrieb Die schöne Debütantin

Eifersucht, Neid, Verstellung. Marlene Streeruwitz schickt eine Debütantin mit Modelmaßen in die Abgründe des Literaturbetriebs: zum Deutschen Buchpreis. Sie muss es wissen - war sie doch selbst nominiert.
Von Thomas Andre
Preisgekrönte Jungautorin (hier Eleanor Catton beim Booker Prize): Überall Konkurrenz

Preisgekrönte Jungautorin (hier Eleanor Catton beim Booker Prize): Überall Konkurrenz

Foto: Anthony Devlin/ AP/dpa

Mit der Literatur geht es zu Ende in "Nachkommen", dem neuen Roman von Marlene Streeruwitz. Zwar ist einerseits alles wie immer: Kultureliten nutzen den Renommierraum, den der gute, alte Literaturbetrieb bereitstellt, zur Profilierung geistigen Kapitals. Aber verdient wird in der Branche, die Nelia Fehn im Jahr 2013 betritt, noch weniger als früher. Der Lack ist ab, die Kasse leer: Schlafen muss die Autorin in einer Billigpension mit senfgelben Wänden. Ihr etwas derangierter, aber immer noch parkettsicherer Verleger schleppt sie zu Essensverabredungen mit Teilhabern und ins 3sat-Fernsehstudio. Glamour? Fehlanzeige. Nur Zumutungen und überall Konkurrenz, Eifersucht, Neid und Falschheit.

Nelia Fehn ist die Hauptfigur in diesem mit erstaunlichem Sarkasmus und entschieden unromantischem Blick geschriebenen Roman, der die junge Frau als Debütantinnen-Hascherl auf die Buchmesse nach Frankfurt führt. Sie soll dort ihr erstes Buch promoten, das von ihrem griechischen Lover Marios handelt, vor allem aber von ihrer Mutter, die auch Schriftstellerin war. Die fiktive Nelia Fehn ist, wie ihre Erfinderin Streeruwitz im Jahr 2011, für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Und so eine Nominierung ist ein Stresstest, man weiß das von vielen kritischen Äußerungen der scheuen Dichter. Die Österreicherin Streeruwitz, Jahrgang 1950, gilt als eine der wichtigen Autorinnen ihrer Generation. Ihr Roman ist eine Art Shortlist-Exorzismus, ein Anti-Literaturbetriebsroman, ein Werk aus der Sparte der Abwehr- und Vorwurfs-, aber auch der satirischen Literatur - und dabei höchst unterhaltsam.

Die eigenen Schuhspitzen

Das liegt an der Versuchsanordnung, denn Streeruwitz, deren Vorgängerwerk "Die Schmerzmacherin" von einer jungen Heldin in der Sicherheitsbranche handelte, wählt erneut eine drastische Ausgangssituation - auch wenn die Kampfzone diesmal zwischen den Fronten der Literatur-Egos liegt. Die 20-jährige Nelia Fehn ist dabei die Bannerträgerin der supersensiblen Künstlerfiguren, ein Seelchen, das beim Leser schnell Beschützerinstinkte weckt. Als vaterlos aufgewachsenes und von der Familie argwöhnisch beäugtes Wesen ist sie eine Unbehauste. Phänotypisch macht die Nachwuchskünstlerin aber einiges her: Sie hat eine Modelfigur, die sie sich mit vegetarischer Lebensweise erhält.

Sie friert ständig. Hübsche Idee von Streeruwitz, sie mit zu leichtem Gepäck reisen zu lassen; das Roman-Frankfurt ist ein Reich der Kälte - und verfügt noch nicht einmal über ordentliche Secondhand-Läden, in dem arme Poetinnen shoppen können. Es wird schon dick aufgetragen, klar: Ganz offensichtlich leidet Nelia an einem Mami-Komplex, und dann wird sie auch noch von ihrem Erzeuger gestalkt. Der ist Romanist und hat eine große weibliche Entourage: Um ihn, das Zentralgestirn, kreisen satellitengleich Frauenfiguren mit Hang zur Anhänglichkeit. Auf seine alten Tagen erinnert er sich an Nelia, die als überbewusstes Mutterkind aber deren Geschichte ausagiert. Heißt: Der Erzeuger ist böse. Man darf ihn nicht mögen.

Überhaupt ist die junge Frau eine angestrengte Person, die sich nicht nur den Regeln der Selbstvermarktung nicht beugen will und jeden, der sich ihr auf der Buchmesse nähert, ins Messer laufen lässt. Männern begegnet sie grundsätzlich mit Skepsis, es sind die eigenen Schuhspitzen, zu denen sie schaut, wenn sie von sendungsbewussten Literaturmenschen behelligt wird.

Pointe im Herbst

Aber was soll sie auch anderes tun? Der Mann ist bei Streeruwitz selten unsympathisch, aber in moralischer Hinsicht nicht ernst zu nehmen und grundsätzlich jämmerlich in seiner angemaßten Macht, die längst innen hohl ist. Über die selbstgerechten Spreizungen des alten Mannes, der Nelias Vater ist, und die der Literaturwissenschaftler, die zu seiner peer group gehören, kann man tatsächlich lachen. Aufklärerisch ist der Roman natürlich nie - und wenn doch, dann ist es um sowohl um die alte Generation und die Literaturszene schlecht bestellt. Schlimme Welt, in der der einzige Mann, der erträglich ist, weit weg in Athen krank darniederliegt, und gegen das zwar bröckelnde, aber immer noch nicht abgesetzte Patriarchat nur die tränenreiche Verschwesterung mit dem gleichen Geschlecht hilft. Den Feminismus desavouiert Streeruwitz in "Nachkommen" durchaus konsequent, weil es eine hilflose, kaum erwachsene Heldin ist, die hier in einer als feindlich wahrgenommenen Umgebung die Verweigerung als Grundsatzhaltung entdeckt .

Das Hauptmittel von Streeruwitz' Prosa ist die Ellipse. Ihr Ingrimm-Stakkato ("Der Opi war im Krieg gewesen, und sein lieber Gott. Der musste wissen, was er da getan hatte. Im Krieg da. Als Soldat. Als Soldat der deutschen Wehrmacht. Und in diesem einen Augenblick. In diesem Augenblick vor dem letzten Richter") zerhackt die Realität, es klingt ein bisschen hysterisch, aber der seelischen Notlage der Protagonistin angemessen: Der Literaturbetrieb hat bisher noch jeden geschafft.

Und er ermöglicht Spiele mit der eigenen Identität. Für den Herbst kündigt der S. Fischer Verlag, der Streeruwitz' Bücher veröffentlicht, einen Roman mit dem Titel "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland" an. Dessen Autorin ist keine andere als Nelia Fehn und das Buch dasjenige, mit dem diese in "Nachkommen" für den Buchpreis nominiert ist. Man stelle sich vor, beide Bücher landeten auf der Longlist für den wirklichen Buchpreis - das wäre dann: ein Zirkelschluss der literarischen Art.