Fantasyroman von Marlon James Mehr als ein afrikanisches "Game of Thrones"

Ein schwuler Held, der auf der Suche nach einem verschleppten Kind eine Spur der Verwüstung hinter sich herzieht: In seinem neuen Roman "Schwarzer Leopard, roter Wolf" baut Marlon James eine bildgewaltige Fantasywelt mitten in Afrika auf.

Ein schwarzer Leopard, auch Panther genannt: Verliert kaum die Spur
robertharding/ imago images

Ein schwarzer Leopard, auch Panther genannt: Verliert kaum die Spur


Wenn man sich die Rezensionen amerikanischer Leser zu "Schwarzer Leopard, roter Wolf" auf den einschlägigen Shop-Seiten durchliest, fällt rasch eine Divergenz zu den durchweg frenetischen Kritiken der US-Presse auf. Man habe sich dieses Buch, so steht dann da, genau wegen jener begeisterten Besprechungen gekauft und sei nun extrem enttäuscht, vor allem von der Sprache.

Und in der Tat: Marlon James macht da keine Gefangenen. Er arbeitet explizit, nicht nur, was die reichlichen Gewaltdarstellungen angeht - dazu später mehr -, sondern vor allem in Sachen Sex. Das "Fick die Götter", welches sein Protagonist dutzendfach ausstößt, ist damit gar nicht gemeint, sondern eher: tatsächlicher, durchaus explizit geschilderter Geschlechtsverkehr, der dem Buch eine weitere Bedeutungsebene hinzufügt, nämlich eine der Selbstermächtigung.

Der Held des Buchs ist schwul, einige der wichtigsten Co-Charaktere sind es ebenfalls, sie lieben sich ausgiebig, und dabei scheint es ihnen ziemlich egal zu sein, auf welche Vorbehalte das während ihrer Reise stoßen mag. Wobei gleichgeschlechtlicher Sex, das ist eine der beglückenden Facetten dieses Buchs, in der Fabelwelt des jamaikanischen Schriftstellers auf weniger Vorbehalte trifft als in der Realität.

Mit seinem Vorgängerbuch gewann Marlon James den Booker-Preis
Jeffrey Skemp/ Heyne Hardcore

Mit seinem Vorgängerbuch gewann Marlon James den Booker-Preis

Die Reise, von der "Schwarzer Leopard, roter Wolf" erzählt, ist eine, deren Zweck gleich auf den ersten Seiten umrissen wird. Der Held, nur der "Sucher" genannt, soll ein verschlepptes Kind finden, das in einem Königreich in einem Afrika weit vor unserer Zeit die ursprüngliche Reihenfolge auf dem Thron wiederherstellen könnte. Der Sucher ist der richtige Mann für diese Aufgabe, denn er ist nicht nur flink an Speer und Wurfaxt, sondern verfügt über ein zusätzliches Talent: Er kann riechen, selbst über weite Distanzen. Hat er einmal Witterung aufgenommen, verliert er kaum eine Spur.

Auf seiner Suche wird er von verschiedensten Kameraden begleitet. Ein Leopard, der bisweilen zu einem Menschen wird, findet sich darunter, dazu ein Büffel, der stets Büffel bleibt, eine Mondhexe und ein Riese, der sehr darunter leidet, ein Riese genannt zu werden.

Wer ist Freund? Wer ist Feind?

Ebenso groß ist die Zahl der Feinde, gegen die er antritt. Da finden sich Zogbanu-Trolle aus dem Blutsumpf - ebenso wie ein Ibeji. Das ist ein missgebildeter Zwilling, der es schafft, bei einem Verhör durch eine Gruppe von Folteralchemisten in seinen Kopf einzudringen. Gegen die Söldner der Sieben Schwingen hat er ebenso zu kämpfen wie gegen Geister, Nachtdämonen und vampirische Blitzvögel.

Es ist also eine breit angelegte Heldensaga, in der reichlich Blut fließt: Auch der Sucher zieht auf seinem Weg, der durch geheimnisvolle Städte, durch tiefe Wälder und an den verschiedensten Gefahren vorbeiführt, eine Spur der Verwüstung hinter sich her. Und doch ist ihm diese Spur nicht ganz egal, denn er hat Kinder: keine biologischen, aber welche, denen er sich verbunden führt; eine Gruppe sogenannter Mingi, deformierte Wesen aus seiner Heimat, die er einst vor dem Tod rettete und die nun erneut in Gefahr sind.

Preisabfragezeitpunkt:
15.10.2019, 13:07 Uhr
Ohne Gewähr

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Marlon James
Schwarzer Leopard, roter Wolf: Dark Star 1. Roman

Verlag:
Heyne Verlag
Seiten:
832
Preis:
EUR 28,00
Übersetzt von:
Stephan Kleiner

800 Seiten benötigt Marlon James, um diese Geschichte zu erzählen. Der Vorgängerroman, das vor gut vier Jahren erschienene "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" war ähnlich breit angelegt, dennoch haben wir es hier mit einer anderen Art des Erzählens zu tun. Wo James in dem mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Roman über einen Mordversuch an Bob Marley 1976 perspektivreich und vielschichtig erzählte, benötigt er den Platz nun, um eine ganz eigene Welt aufzubauen und sehr akkurat zu beschreiben.

Er nutzt dabei bekannte Sagen wie jene der in Benin und Nigeria beheimateten Yoruba-Religion oder der alten Stämme rund um den Sambesi-Fluss ebenso wie eigene Gedankenwelten; auch Parallelen zur griechischen Mythologie lassen sich zahlreich finden. Man braucht als Leser eine Weile, um da reinzukommen. Auch wenn James Hilfestellungen gibt, ein ausführliches Personenregister voranstellt, in dem bisweilen nachzuschlagen man gut beraten ist, und alle Schauplätze fein säuberlich kartografiert, verliert man manchmal das Wissen um Gut und Böse, um Freund und Feind. Dennoch bleibt man gern dran.

Afrikanisches "Game of Thrones"

Das hat einerseits handfeste Action-Gründe: Wenn der Sucher kämpft, dann raucht und stinkt und kracht es, kommen die Beteiligten von oben unten, vorne, hinten, rechts, links. Als "afrikanisches 'Game of Thrones'" bezeichnete der Autor selbst das Buch einmal - und traf mit dieser nicht ganz ernst gemeinten Aussage offenbar einen Nerv. Nicht nur taucht der Begriff seitdem in beinahe jeder Kritik auf, auch George R.R. Martin selbst segnete ihn ab.

Der Vergleich greift aber zu kurz, denn James versieht seine Variante des Fantasyromans mit allerhand Querverweisen in andere Genres und Kunstgattungen: Man kann hier die Freude an Pulp-Fiction-Romanen amerikanischer Bauart ebenso herauslesen wie an Shakespeare-Dramen und den Gemälden von Hieronymus Bosch. Wenn die "New York Times" Marvel-Comics ins Spiel bringt, hat sie auch nicht unrecht.

Vor allem lassen sich einige von James' Gedanken durchaus als Kommentar zur Zeit sehen, als Aufforderung, tradierte Abläufe in der Gesellschaft zu hinterfragen, auch als Abhandlung zum Thema "Fake News": Denn die Geschichte, die der Sucher ausbreitet, ist nicht an den Leser, sondern einen Gefängniswächter adressiert. "Die Wahrheit hat sich gewandelt, als ein Mann dieselbe Sache zweimal erzählte", heißt es einmal.

Es passt gut zu diesem Satz, dass "Schwarzer Leopard, roter Wolf" der Beginn einer Trilogie ist. Wir werden von ihm, so sagt Marlon James, noch zwei völlig andere Varianten der Geschichte zu lesen bekommen. Die Filmrechte sind schon verkauft.



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