SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

05. Februar 2014, 15:05 Uhr

Martin Mosebachs "Blutbuchenfest"

Die Sauerei der Reichen

Von Thomas Andre

Martin Mosebach, Vorzeige-Großbürger der deutschen Literatur, begibt sich in seinem neuen Roman "Das Blutbuchenfest" ins selbstzufriedene Milieu Frankfurter Geldmenschen - und konfrontiert es mit einer bosnischen Putzfrau.

Während sich die hessischen Großbürger - seien sie top-seriös oder das glatte Gegenteil - auf einer dekadent gemeinten, aber doch recht armselig verlaufenden Party vergnügen, erreicht der jugoslawische Bürgerkrieg Bosnien. Frankfurter Snobs pinkeln in den Garten, eine Familie läuft um ihr Leben: Das ist der erzählerische Höhepunkt in Martin Mosebachs neuem Roman "Das Blutbuchenfest", in dem die Putzfrau Ivana die bemerkenswerteste Figur abgibt. Sie ist als Arbeitsmigrantin in die Bankenmetropole gekommen, um die Gemächer all derer vom Schmutz des Wohlstandslebens zu befreien, die hier als Banker und Werber, als Gesellschaftsdamen reüssiert haben - oder sich als verschnarchte Randexistenz mit Doktor in Kunstgeschichte durchschlagen.

Wohlstand an sich ist nichts Schlechtes in diesem eigenwillig konstruierten Roman, sondern auch ein potentieller Kulturträger: Nur muss man erst einmal Geld besitzen, um kunstsinnigerweise und humanistisch befeuert etwas auf die Beine zu stellen. Das Geld haben also nunmal, wie immer, die Falschen.

Der Möchtegern-Impresario Wereschnikow, der sich für einen Mann mit Verbindungen hält, ist so oder so ein pekuniär Benachteiligter mit eingebautem Geiz-Syndrom - weshalb sein geplanter Kongress für das notleidende Jugoslawien ein Rohrkrepierer wird. In einer Art Parallelaktion wird gleichzeitig das Blutbuchenfest vorbereitet, mit dessen Gewinn der versoffene Womanizer Rotzoff die Schulden in seiner Stammwirtschaft begleichen will.

An allen Unternehmungen irgendwie beteiligt ist der Ich-Erzähler, den Mosebach als Mann mit vielen Eigenschaften auftreten lässt, von denen leider keine ihm in Liebesdingen hilft. Diese Hauptfigur mag geistvoll sein und integer, ein intellektuelles Gegengewicht zu den Frankfurter Geldmenschen - aber sie ist doch seltsam kraftlos und vermag selbst schwache Herzen wie das der todkranken Winnie nicht zu gewinnen. Sie lenkt, auf manchmal penetrante Weise, von Ivana ab, der als Alien in deutsche Nichtigkeiten eintauchenden Dienstleisterin vom Balkan.

Alltagsbewältigung in Zeiten der Katastrophe

Büchner-Preisträger Mosebach, Jahrgang 1951, gehört zu den profiliertesten Autoren seiner Generation. Unumstritten ist er nicht, was auch an seiner publicityinteressierten Attitüde des katholischen Hardliners liegt, der gerne mal eine Blasphemiedebatte anstößt. Literarisch versteht sich Mosebach, wie etwa auch Sybille Lewitscharoff und Brigitte Kronauer, darauf, Heiterkeit dann zu beschreiben, wenn sie ins Tragische kippt. Mosebachs Milieubeschreibungen und Charakterzeichnungen sind delikat, er ist ein kleiner Meister der Abschweifung, und er kann gut sein, wenn er komisch ist. Was die Stelle beweist, in der eine Figur der Edelgeliebten Maruscha die Lösung für eine verfahrene Situation diktiert: "Wenn du mit zwei Liebhabern nicht zurechtkommst, gibt es nur einen Ausweg - einen dritten Liebhaber. In diese Richtung wollte sie weiterdenken".

Leider ist der grundgediegene Humor Mosebachs nicht immer so treffend: Ein wieder auferstandener Immobilienhai zum Beispiel kann sich immer noch nicht selbst die Schuhe zubinden und das schon gar nicht im Schrank, in dem er sich vor dem Rivalen verstecken muss. Das ist so schal wie ein abgestandener Äbbelwoi. Das gewichtigste Argument gegen diesen Roman ist jedoch sein luftiger Bau. In dem kann zwar der fundamentale Ernst der wunderbar gelungenen Bosnien-Episode durchaus neben dem abgeschmackten Getue des juste milieu einer mitteleuropäischen Großstadt stehen - die tragischen Todesfälle im "Blutbuchenfest" aber sind derart zwischen den Polen skurril und existentiell angesiedelt, dass sie beliebig wirken: Eingriffe eines allzu freien Schöpfers, der am Ende für eine wirklich abgefahrene Geschichte doch viel zu wohltemperiert bleibt. Denn eigentlich hätte Mosebach die wegen des ewigen Geweses um das Geld vor allem auch widerwärtigen Großbürger noch härter anpacken können, wo ihm doch so viel an deren Originalität liegt. Vielleicht erschien ihm in den Neunzigern, dem Spaßjahrzehnt, aber auch einfach die Fallhöhe noch zu niedrig: Der Bankster erblickte erst später das Licht der Welt.

Als die Party vorbei ist, macht die Putzfrau Ivana, die im Pragmatischen den Trotz der Alltagsbewältigung auch in Zeiten der Katastrophe entdeckt hat, die Sauerei der Reichen klaglos weg; es nützt ja nichts. Das wiederum ist ein angemessener Schluss für einen gefälligen Roman, der im Großgedenkjahr 2014 an einen Krieg erinnert, der zu den weniger beachteten zählt.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Roberto Savianos "Zero Zero Zero", Ryad Assani-Razakis "Iman", Horst Bredekamps "Der schwimmende Souverän", Alexander Schimmelbuschs "Die Murnau Identität", Don Winslows "Vergeltung", Zadie Smiths "London NW" und Haruki Murakamis "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki"

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung