Martin Suters Bestseller "Montecristo" "Die Männerfantasie würde ich ihm nicht mal vorwerfen"

Eine schöne Frau im Mittelpunkt schmutziger Geschäfte: Martin Suters "Montecristo" steht in der SPIEGEL-Bestsellerliste auf Platz zwei. Wir beantworten die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen?
Martin Suters Typ der Hauptfigur: "Großgewachsene Zürcherin mit langem Haar"

Martin Suters Typ der Hauptfigur: "Großgewachsene Zürcherin mit langem Haar"

Foto: Corbis

An dieser Stelle nehmen wir uns jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor - im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal Martin Suters "Montecristo", die Geschichte eines Journalisten, der Schweizer Bankern auf die Spur kommt.

Keller: Bevor wir über Seriennummern auf Geldscheinen und Auftragskiller und Finanzmärkte und Bankenkrisen reden - zunächst mal eine ganz andere Frage: Warum hat Martin Suter sein neues Buch nach einer Zigarre betitelt?

Hammelehle: Maren, wer hätte gedacht, dass du dich auch noch mit Zigarren auskennst? Ich hatte mein Zigarren-Halbwissen verdrängt, seit Schröder nicht mehr im Amt ist. Andererseits passt der ja ganz gut als Referenzgröße für Deregulierung und marktgeleitete Allmachtsfantasien - um die geht's bei Suter auch. Sein Titel ist aber eher eine Anspielung auf den "Grafen von Monte Christo". Die Hauptfigur plant eine Neuverfilmung von Dumas' berühmtem Roman.

Keller: Das habe ich natürlich ergoogelt, schließlich heißt der Roman nicht gerade "Marlboro" oder "Camel". Und dann habe ich gleich auch noch nach dem "Grafen von Monte Christo" gegoogelt. Warum hat sich Martin Suter ausgerechnet einen Abenteuerroman als intertextuellen Verweis ausgesucht, der auf den ersten Blick nichts mit dem Finanzsektor zu tun hat?

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Hammelehle: Es taucht ja das eine oder andere Motiv aus dem Original auf in "Montecristo". Die Intrige, der Verrat, das Gefängnis, die schöne Frau. Wobei sich an deren Beispiel eigentlich der ganze Roman diskutieren lässt. Marina heißt sie, großgewachsen, attraktiv, ihr Vater ist Philippino, ihre Mutter Schweizerin. Sie selbst ist in der Eventbranche tätig, trinkt Champagner, trägt High Heels.

Keller: Klingt nach Männerfantasie.

Hammelehle: Die Männerfantasie würde ich ihm noch nicht mal vorwerfen. Sondern, dass er nichts draus macht.

Keller: Um dann jetzt endlich zu den Seriennummern auf Geldscheinen zu kommen: Bleibt es bei den Bankern ebenfalls beim Klischee?

Hammelehle: Ein Bekannter meinte kürzlich über das Buch: "Die Schweiz ist so". Ich würde sagen: Selbst wenn die Schweiz so ist, möchte ich keinen Roman darüber lesen.

Keller: Aha. Ich habe mich ja schon bei der Männerfantasie gefragt: Und das soll ich lesen? Was finden dann wohl die vielen treuen Suter-Fans an dem Buch? Oder anders gefragt: Hat dir daran gar nichts gefallen?

Hammelehle: Die Männerfantasie fand ich zu harmlos. Wenn Suter schon eine derartige Frau in den Mittelpunkt eines Romans stellt, dann erwarte ich eine abgründige, doppelbödige Figur und nicht bloß ein Mädchen, das es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nimmt. Aber wahrscheinlich gilt auch da: Die Schweiz ist so. Warum die Suter-Fans das Buch lesen? Vielleicht ja, weil nicht nur die Schweiz so ist?

Keller: Zum Schluss noch mal zu den Zigarren - wird im Buch überhaupt geraucht?

Hammelehle: Derartige Fragen werden sonst nur Helmut Schmidt gestellt. Wenn du lieber ein Buch lesen möchtest, in dem geraucht wird, empfehle ich dir Christian Krachts "Faserland". Da steht in jedem dritten Satz "Ich zündete mir eine Zigarette an."

Maren Keller ist Redakteurin beim Kulturspiegel. Sie hat bei ihrer Recherche zu "Montecristo" gelernt, dass es in kubanischen Zigarrenmanufakturen Brauch ist, dass an einem Tag der Woche einer der Arbeiter seinen Kollegen aus einem Buch vorliest. Sie ist sehr dafür, diesen Brauch auch hier einzuführen.

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er ist Nichtraucher .

Vergangene Woche in Und das soll ich lesen: Jan Wagners "Regentonnenvariationen", momentan auf Platz 6 der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Und das soll ich lesen? Aus der Top 10 der SPIEGEL-Bestsellerliste
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Martin Suter
Montecristo

Diogenes; 320 Seiten; 23,90 Euro.

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