Martin Walsers "Mädchenleben" Grotesk aus der Zeit gefallen

Wenn ein Rabe Kirchenlieder krächzt: In seinem neuem Buch erzählt der 92-jährige Martin Walser eine Legende - die verstörende Geschichte einer in eine religiöse Parallelwelt abdriftenden Frau.

Junge Frau mit Rabe (Symbolbild): "Meine Sätze sind Seile über Abgründen"
iStockphoto/ Getty Images

Junge Frau mit Rabe (Symbolbild): "Meine Sätze sind Seile über Abgründen"

Von Stephan Lohr


Schon in seinen jüngsten Titeln thematisierte Martin Walser Fragen von Religiosität und Theologie. Sein neues Buch, eine Legende, berichtet von einem Fall: Die Entwicklung von Sirte Zürn zur fanatischen und wundersamen jungen Frau, die einem Raben das Sprechen und Singen (von Kirchenliedern) beibringt, ein Martyrium durchlebt und nach Überzeugung ihres Vaters und eines Lehrers die Kriterien einer Heiligsprechung erfüllt.

Zürn? Walser-Leser erinnern sich: Gottlieb Zürn ist bekannt aus seinen früheren Romanen "Die Jagd" (1968), "Das Schwanenhaus" (1980) und "Augenblick der Liebe" (2004). Der Immobilienmakler und Ingenieur in der Rüstungsindustrie vergöttert seine in eine religiöse Parallelwelt abdriftende Tochter und findet in seinem Untermieter, dem Lehrer Anton Schweiger, den Protokollanten der wunderlichen Merkwürdigkeiten.

Schweiger wird - im Gegensatz zu seinem Namen - zum redseligen Erzähler, er ist dem Mädchen von zunächst 13, am Ende des Buches gut 20 Jahren, verfallen, ja, hörig, durchaus nicht frei von alterserotischen Andeutungen, gesteht er doch, er habe "Sehnsucht nach diesem Mädchen wie nach nichts sonst".

Autor Walser
Ulf Mauder/ DPA

Autor Walser

Und Sirte, die dem "sogenannten Zimmerherrn" Anton Schweiger eher schreibt als dass sie mit ihm redet, formuliert: "Je weniger Sie von mir verlangen, desto weniger lebe ich. Ich träume davon, alles für Sie tun zu dürfen".

Doch Schweiger bleibt Beobachter und wird Zeuge unappetitlicher Szenen im Haushalt Zürn. Der Vater vergewaltigt und schlägt seine Frau, Sirtes Schwester Karla spielt eine Nebenrolle, und von Sirte, die immer mal wieder verschwindet und wieder auftaucht, heißt es, ihr fehle der Geruchssinn.

Sie will Jesus begegnet sein, der ihr einen goldenen Ring auf den kleinen Finger gesteckt habe. Während Fachärzte eine "Anoxeria mentalis et nervosa", gar eine schizophrene Psychose diagnostizieren, versteigen sich Schweiger und Vater Zürn in das Projekt Heiligsprechung.

Es bleibt der Legende vorbehalten, sich auf Eigenheiten und vermeintliche besondere Wirkungen der Heldin beziehungsweise Heiligen zu fokussieren, ihr Umfeld im Nebel des Ungefähren zu belassen, die Leserinnen und Leser auf Holz- und Nebenwege zu führen.

Preisabfragezeitpunkt:
05.12.2019, 20:03 Uhr
Ohne Gewähr

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Walser, Martin
Mädchenleben: oder Die Heiligsprechung.

Verlag:
Rowohlt Buchverlag
Seiten:
96
Preis:
20,00 €

Es mangelt dem schmalen Bändchen von gerade einmal 90 Seiten nicht an Anekdoten und ironischen Pointen. Doch die Sirte-Erzählung gerät zu einer grotesk aus der Zeit gefallenen Story, bei der es Walser vor allem auf die Briefe und Sentenzen seiner Titelfigur anzukommen scheint, liefern diese doch Sätze, die sich bekenntnishaft lesen lassen: "Meine Sätze sind Seile über Abgründen. Beziehungsweise, sie sind auch Seiltänzer, die auf den Seilen über dem Abgrund ihre Kunst vorführen". Oder: "Jeder Tänzer hinkt, wenn er nicht tanzt" und "Die Sprache führt ganz von selbst zur Erschaffung von so etwas wie Gott... Das höchste Wesen, das wir haben, ist also aus Sprache".

Schreibt Sirte. Verrät aber auch die fundamentale Poetologie des sich treu bleibenden Autors Martin Walser. Der scheut den Abgrund so wenig wie die Theologisierung der und also seiner eigenen - nicht selten ironischen - Sprachartistik.

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
annie.one 19.11.2019
1. Ein Protagonist der neu/alten Rechten
Veröffentlicht mal wieder ein schmales Büchlein. Seit seinem Gerede von "der Keule" wird da nichts mehr gelesen.
marlow66 19.11.2019
2. @annie.one
Ihr Beitrag ist ein schönes Beispiel gesinnungsethischer Ignoranz. Autor hat sich mal nicht gem. etablierter Meinung geäußert, wird daher nicht mehr gelesen. Auch diese Einstellung führt zu kultureller Verarmung...
Neustädter_02 19.11.2019
3. Oh weh!
Zitat von annie.oneVeröffentlicht mal wieder ein schmales Büchlein. Seit seinem Gerede von "der Keule" wird da nichts mehr gelesen.
Gerade ist die Aufregung um Peter Handke ein bisschen verraucht, da wird wieder ein neues uraltes Fass aufgemacht und Walser auf den Satz mit der Keule reduziert. Als würde der Mann nicht schon seit siebzig Jahren schreiben, und das meist sogar auf sehr hohem Niveau ... Aber Moral geht natürlich allemal vor Kunst, auch wenn Walser mit ziemlicher Sicherheit weder Antisemit noch rechts ist. Aber um das zu verstehen, müsste man ihn ja lesen. Wie anstrengend! Da sind rasche Urteile doch viel leichter gebildet.
hw7370 20.11.2019
4. Unsinn
Martin Walser ist weder ein alter noch ein neuer "Rechter",sondern ein hoechst tiefsinniger Literat, wie wir ihn kaum noch finden. Die wenigen Saetze, die hier zitiert werden, zeugen von einem Tiefgang, der in der "bunten" Gesellschaft natuerlich auf Gegenwind stoesst, weil dazu ein Wissen gehoert, der heutzutage verpoent ist. Ich zitiere: "Die Sprache führt ganz von selbst zur Erschaffung von so etwas wie Gott... Das höchste Wesen, das wir haben, ist also aus Sprache". Und so lesen wir, die denn lesen koennen, und nicht politische Propagande als Leserbrief tarnen, im Johannes-Evangelium aus dem Schoepfungsbericht "Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott". Martin Walser naehert sich der absoluten Erkenntnis. Dafuer sei ihm gedankt. Merke: Gute, aussagekraeftige Literatur findet sich eher in "schmalen Baendchen", denn in dicken feministisch-links-gruenen Agitorop-Machwerken. Da ich Martin Walser kenne, weiss ich, dass ihm die Sprache schon immer wichtiger war, als politisch korrektes Schreiben was erwartet und befohlen wird. Ich freue mich endlich etwas neues von ihm lesen zu duerfen.
wgschmidt 20.11.2019
5. "Anoxeria mentalis et nervosa"
Vermutlich ist eine Anorexia gemeint, nämlich eine Magersucht. Ich bin mal gespannt, ob die Redaktion den sachlichen Fehler korrigiert.
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