Martin Walser und seine Kritiker Ein bisschen hinrichten

Sein Zerwürfnis mit Marcel Reich-Ranicki ist legendär - aber Martin Walser hatte nie ein einfaches Verhältnis zur Literaturkritik. Erinnerungen von Volker Hage zum 90. Geburtstag des Schriftstellers.
Martin Walser

Martin Walser

Foto: Felix K‰stle/ dpa

Es begann mit einem Leserbrief. Er schickte ihn im Februar 1964 von Friedrichshafen nach Hamburg. Das Thema: Marcel Reich-Ranicki, der zuvor im SPIEGEL ordentlich gerupft worden war. Das gefiel dem Schriftsteller, vor allem dass da endlich einmal ein Kritiker kritisiert werde.

Martin Walser konnte damals nicht ahnen, dass er mit Reich-Ranicki zeitlebens zu tun haben würde, selten im Guten, häufig verbunden mit Verdruss und Verärgerung, ja Kränkung. Der Kritiker wurde zu seinem größten Widerpart.

Noch jetzt, in Walsers soeben publiziertem Prosaband "Statt etwas oder Der letzte Rank", taucht der 2013 gestorbene Reich-Ranicki kaum verhüllt als "exemplarischer Feind" auf: "Er tadelte, kritisierte und beschimpfte immer im Namen und Interesse des großen Ganzen." Nicht ohne Folgen für die Psyche des so Kritisierten: "Woher sonst sollte die Tag und Nacht erlebte, die immerwährende Selbstverneinung dann herrühren, wenn nicht von ihm?"

Marcel Reich-Ranicki: "exemplarischer Feind"

Marcel Reich-Ranicki: "exemplarischer Feind"

Foto: DER SPIEGEL/ Monika Zucht

Mit Mitte dreißig, in seinem Leserbrief, war der emporstrebende Schriftsteller kämpferischer gestimmt. "Der blinde, einsträngige Indikativ ist sein bevorzugter Modus", schrieb er dem SPIEGEL: "Urteilen, aburteilen und ein bisschen hinrichten."

Das war Walsers erster Beitrag. Ein Jahr danach, im März 1965, trat er dann selbst als Kritiker auf. Über zwei SPIEGEL-Seiten setzte er sich lobend, keineswegs unkritisch mit einem literarischen Werk von Jean-Paul Sartre auseinander ("Die Wörter"). Fortan war er regelmäßig Gast, zumeist als Zulieferer von Statements und Meinungsbeiträgen.

Über Rudolf Augstein, den er schon 1947 kannte und mit dem er später befreundet war, äußerte Walser sich erstmals 1987 im SPIEGEL. Den "Erfinder eines Hamburger Nachrichtenmagazins" behandelte er nicht ohne Spott ("Immer wieder kriegt er es hin, dass seine Sätze strahlen wie aus dem allerbesten Latein übersetzt"), aber doch voller Bewunderung: "Er hat sich mit keiner Seite, keiner Partei, keiner Machtclique dauerhaft befreundet."

Walser war, als er seinen ersten Leserbrief für den SPIEGEL schrieb, vom Kulturressort längst wahrgenommen worden. Sein Roman "Halbzeit" wurde 1960 in einer Rezension vorgestellt, deren Tenor schon die Überschrift signalisierte: "Unentschieden". Als Kronzeuge wurde der "FAZ"-Literaturchef Friedrich Sieburg zitiert, der Walser zwar "ein Genie der deutschen Sprache" genannt, aber gleichzeitig über den umfänglichen Roman das originelle Urteil gesprochen hatte: "Das Ganze kommt nicht recht vom Fleck, und warum das Buch überhaupt aufhört, habe ich immer noch nicht begriffen."

Walser war mittlerweile zur Chefsache geworden

Von dieser Ambivalenz blieben auch spätere SPIEGEL-Kritiken geprägt. Nahezu Jahr für Jahr galt es, ein neues Theaterstück oder einen neuen Roman des Schriftstellers vom Bodensee vorzustellen. Immer wieder wurde dabei Walsers Sprachkraft bewundert und das künstlerische Ergebnis bemängelt. Walsers auf "Halbzeit" folgender Roman "Das Einhorn", hieß es 1966, sei "so eloquent, dass es kaum noch auszuhalten ist. Der Roman selbst hält es nicht aus." Walser war mittlerweile zur Chefsache geworden, über ihn urteilten (von gelegentlichen Gastbeiträgern wie Peter Wapnewski oder Reinhard Baumgart abgesehen) abwechselnd die Redakteure Rolf Becker und Hellmuth Karasek.

Beide waren es auch, die im Oktober 1990 an den Bodensee reisten, um das erste SPIEGEL-Gespräch mit dem Schriftsteller zu führen. Thema: die deutsche Einheit. Die Begegnung verlief nicht ohne Komplikationen. Am Tag darauf nämlich rief Walser in der Redaktion an und zog das Interview zurück. Er habe nur Unsinn geredet, war seine Begründung. Immerhin bestieg er in Friedrichshafen das nächste Flugzeug und kam nach Hamburg, wo das Gespräch noch einmal geführt wurde, das unbedingt in der nächsten Nummer erscheinen sollte. Mit der neuen Fassung sei er zwar auch nicht zufrieden gewesen, erzählte Walser später einmal, "aber etwas zufriedener".

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Tatsächlich war es ein gründliches, ein grundsätzliches Gespräch über Deutschland und die Rolle der deutschen Intellektuellen - die standen, wie Günter Grass, in jenen Tagen zu einem großen Teil der Wiedervereinigung skeptisch gegenüber. Walser dagegen erklärte, "dass für mich die Entwicklung, die jetzt zur Einigung geführt hat, das schönste Politische ist, was ich in meinem Leben erfahren habe". Gefragt, wie sich das denn mit seiner früheren Annäherung an die DKP vertrage, wiegelte er ab: "Meine engsten Freunde waren da drin, ich bin auf diversen DKP-Kulturkongressen gewesen." Das sollte heißen: Mehr war da nicht.

Sich zur Politik zu äußern, war gerade für jene Nachkriegsautoren, die wie Walser, Günter Grass oder Siegfried Lenz in sehr jungen Jahren noch am Krieg teilgenommen hatten, ein höchst ambivalentes Unterfangen. Einerseits drängte es sie alle mit gutem Grund dazu, sich in der noch jungen Bundesrepublik aktiv an den politischen Debatten zu beteiligen, andererseits sahen sie sich irgendwann in die Rolle von Intellektuellen gedrängt, die von den Medien ständig zur Stellungnahme aufgefordert wurden.

"Ich kenne keinen Schriftsteller, der lieber nach seinen politischen Auftritten beurteilt werden möchte als nach seinen Romanen", sagte er fünf Jahre später zu mir, als ich für den SPIEGEL mit ihm sprach. "Die Forderung, dass bei einem Schriftsteller die Weltveränderungsbotschaft dabei sein müsse, ist eher eine Art von Gesellschaftsspiel."

Treffen an Goethes Geburtstag

Dieses Treffen im August 1995 verdankte sich weniger einem aktuellen Anlass als einer alten Verabredung zwischen uns. Mein erster Besuch in Nußdorf am Bodensee, die erste persönliche Begegnung mit Walser, hatte genau zehn Jahre zuvor stattgefunden, damals noch für das "FAZ-Magazin", mehr oder weniger zufällig an Goethes Geburtstag, am 28. August. Es war ein angenehmer und ergiebiger Besuch gewesen, offenbar für beide Seiten. Jedenfalls hatten wir uns in freundlicher Abschiedsstimmung vorgenommen, fortan alle zehn Jahre genau an diesem Tag ein Gespräch zu führen. So kam es denn auch, zumindest dieses eine Mal.

Ich hatte lange einen großen Bogen um ihn gemacht, auch als Leser. Als er 1964 seinen Brief an den SPIEGEL schickte, war ich 14. Immerhin las ich gegen Ende der Schulzeit "Ehen in Philippsburg", seinen ersten Roman, nicht für den Deutschunterricht, das wäre noch undenkbar gewesen, allein schon einer drastischen Abtreibungsszene wegen, sondern weil der Autor längst einen Namen hatte.

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Walser, Martin

Statt etwas oder Der letzte Rank: Roman

Verlag: Rowohlt Buchverlag
Seitenzahl: 176
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Als Redakteur hatte ich zum ersten Mal 1980 mit Walser zu tun. Damals war in der "FAZ" eine Serie geplant, die den Arbeitstitel "Literarische Fensterblicke" trug. Schriftsteller sollten gebeten werden, die unmittelbare Umgebung ihrer Arbeitsstelle zu beschreiben. Die Serie kam allerdings nie zustande. Walser stand nicht allein mit seiner Absage, die freilich besonders feinsinnig formuliert war: "Entschuldigen Sie bitte, wenn ich meine Straße nicht ausliefere. Es handelt sich um eine von wenigen bewohnte Straße, sie ist, glaube ich, verletzlich."

Als junger Literaturredakteur durfte ich 1976 aus nächster Nähe erleben, wie der "FAZ"-Literaturchef Reich-Ranicki einen Totalverriss von Walsers Roman "Jenseits der Liebe" ins Blatt hob. Die Rezension begann mit den Worten: "Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buchs zu lesen." Das war dermaßen überspitzt formuliert, dass die wenigen Kollegen in der Redaktion, denen das Manuskript vorher zugänglich war, dringend vom Druck abrieten.

Reich-Ranicki war natürlich nicht zu beirren. Vielmehr ließ er uns wissen, im Grunde gehe es ihm gar nicht um den Roman, sondern um die politische Haltung des Autors, um dessen Flirt mit der DKP, der zu nichts Gutem führen könne. Er kenne sich schließlich mit kommunistischen Gewaltsystemen aus. "Es geht mir um das Verhältnis der Intellektuellen zur Bundesrepublik", erläuterte er in kleiner Runde. "Ich habe kein Interesse daran, dass noch einmal eine Demokratie untergeht, weil sich keiner für sie eingesetzt hat."

Für den Romancier war die Wucht dieser Kritikerschelte ein Trauma, das bis in die Gegenwart andauert, auch wenn Walser sich heute zu einem abgeklärten Verhältnis durchzuringen versucht. "Wer immer sich einbildet, mein Feind sein zu müssen, er darf zur Kenntnis nehmen, dass ich nicht mehr einholbar bin", heißt es da in seinem neuesten Werk. Er habe sich in jahrzehntelanger Anstrengung aus der Erreichbarkeit entfernt.

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