Massenerfolg Poetry Slam Dichter dran am Kommerz

Freibier, Fans und Fahrtgeld - das war der Lohn, für den Poetry Slammer lange auftraten. Doch mit zunehmender Popularität verdienen viele Hobbydichter ordentlich Geld. Die einstige Subkultur ist auf dem besten Weg, zur gewöhnlichen Stand-up-Comedy zu mutieren.
Von Constantin Alexander

"Sebastian 23" erzählt Geschichten, das Publikum gibt ihm dafür Punkte. Hat er seine Zuhörer überzeugt und die meisten Punkte bekommen, gewinnt er eine goldfarben besprühte Bierflasche, oder auch mal ein Buch. Auf jeden Fall Applaus und anerkennende Schulterklopfer. Denn beim Poetry Slam geht es nicht um den Sieg allein, sondern darum, ein Publikum für lebendig vorgetragene Literatur zu begeistern.

In vielen Städten finden regelmäßig Slams statt, in Workshops lernen Jugendliche in wenigen Stunden, eigene Texte zu performen, Lehrbücher bereiten das Thema für den Schulunterricht auf. Die Slammer, wie sich die Dichter selbst nennen, haben sogar den Sprung ins Fernsehen geschafft. Der Pay-TV-Sender "Sat.1 Comedy" widmete dem Format im vergangenen Jahr eine eigene Reihe, moderiert von Sarah Kuttner.

"Sebastian 23" ist spätestens seit dem Gewinn der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften 2008 in Zürich vor insgesamt mehr als zehntausend Zuschauern einer der Stars der Szene. Drei- bis viermal pro Woche tritt er auf einem Slam auf und bei Stefan Raabs "TV Total" war er auch schon. Der Erfolg des ehemaligen Philosophiestudenten aus Bochum zeigt: Die einstige Subkultur Poetry Slam ist auf dem besten Wege, sich zu einem gängigen Unterhaltungsformat zu entwickeln.

Im Grenzbereichstatt der Kommerzialisierung

"Poetry Slam wird immer größer und dadurch stärker wahrgenommen. Die Szene bewegt sich inzwischen im Grenzbereich zur totalen Kommerzialisierung", fasst "Sebastian 23" die Entwicklung der vergangenen Jahre zusammen. "Die meisten Slammer sind Hobbydichter, doch die Gelegenheit, für einen Auftritt Gage zu bekommen, gibt es inzwischen immer öfter." Traten die Wettkampfdichter einst noch für Fahrtgeld, ein paar Freibier und einen Schlafplatz auf dem Sofa des Veranstalters auf, werden heute für einige Wenige Künstlergagen gezahlt. Das weckt Begehrlichkeiten.

"Poetry Slam ist kein Underground mehr, es ist normale Abendunterhaltung", sagt auch Wolf Hogekamp, der als einer der ersten den Dichterwettstreit in Deutschland etabliert hat. "Es ist inzwischen völlig normal, dass sich Hunderte Zuschauer an einem Abend einen Slam anschauen. Das zieht natürlich auch viele an, die schnell bekannt werden wollen." Poetry-Slam-Organisator Thomas Geyer bestätigt die Einschätzung seines Kollegen: "Poetry Slam ist zu einer Art Durchlauferhitzer geworden. Viele machen nur noch mit, weil sie denken, dadurch kommen sie leicht in die Zeitung oder ins Fernsehen."

Geyer organisiert Poetry Slams in Konstanz und Stuttgart und betreibt mit dem Sprechstation-Verlag eines der Aushängeschilder der Szene. Sein Verlag hat nicht nur "Sebastian 23" unter Vertrag, sondern auch den Basler Gabriel Vetters, der von der "Schweizer Illustrierten" zu den hundert wichtigsten Schweizern gewählt wurde.

Nur mit Lachern zum Sieg

"Als ich anfing, war es egal, wer gewinnt. Die Punktewertung bei einem Slam war eher so eine Parodie der ernsten Literaturwettbewerbe", sagt Geyer. Doch heute gebe es viele Slammer, die ihre Texte so schreiben, dass sie gewinnen. Und in der Regel gewinnt der Text mit den meisten Lachern. Viele Poetry Slams entwickeln sich deshalb immer mehr zu Stand-up-Comedy-Bühnen. Ernste Themen, früher einmal zentral bei Slams, suche man oft vergebens.

Diesen Trend sieht auch Xóchil, die wohl bekannteste Slammerin Deutschlands: "Es ist inzwischen einfacher, Slams zu gewinnen, wenn man etwas Lustiges schreibt." Das hat sie beherzigt, so einige Slams gewonnen - aber sich dabei "sehr schnell begrenzt gefühlt", sagt sie. "Ich habe mich auch ein wenig vor mir selbst geekelt." Inzwischen distanziert sie sich von der Slam-Szene und konzentriert sich auf ihre Solo-Shows, bei denen sie Gedichte mit Musik verbindet.

So wie Xóchil geht es inzwischen vielen Slammern, die seit Jahren dabei sind. Die hohe Fluktuation von Teilnehmern, die die Bühne nutzen, um schlechte Pointen aneinanderzureihen, ein Publikum, das allein darauf aus ist, unterhalten zu werden und die Aussicht, wochenlang auf Tour zu gehen, ohne Geld zu verdienen, ermüden auch den größten Literaturbegeisterten. Wer länger als ein Jahr von einem Slam zum nächsten tingelt, gehört schon fast zu den alten Hasen der Szene.

"Wenn man viel unterwegs ist, bekommt man wenig Möglichkeiten, sich wirklich mit den Menschen und seinen eigenen Texten auseinanderzusetzen", erzählt Jan Sedelies, der in der Szene Egge genannt wird. Sedelies gehört zu den Veranstaltern des Poetry Slams in Hannover. Er selbst tritt kaum noch auf. "Ich habe gemerkt, dass es nichts bringt, einen Text im Zug auf dem Weg zu einem Slam schnell fertigzuschreiben, den abends auszuprobieren, um dann am nächsten Tag wieder irgendwo anders auf einer Bühne zu stehen - da fehlt die Zeit für klassische Textarbeit - und das merkt man den meisten Slamtexten leider auch an."

Die Szene rückt in den Hintergrund

"Durch den Erfolg von Poetry Slam, aber auch die Weiterentwicklung der Slammer in Richtung Solo-Programm, rückt die Szene an sich in den Hintergrund. Der einzelne Künstler wird wichtiger", beschreibt Sedelis einen Trend. "Poetry Slams sind eigentlich zweitranging und gerade die Künstler, die Literatur mit anderen Medien wie Musik und Videos vermischen, sind momentan sehr erfolgreich."

Die meisten Slam-Poeten können dennoch nicht allein von ihren Auftritten leben, sagt Sedelis. Auch er verdiene sein Geld, wie die meisten seiner Slam-Kollegen, mit Workshops, Solo-Lesungen und Literaturprojekten.

Anders Bas Böttcher: Seit mehreren Jahren bestreitet der Berliner seinen Lebensunterhalt mit seiner Kunst, tritt rund 110-mal im Jahr auf, reiste für das Goethe-Institut unter anderem nach China, Abu Dhabi, Brasilien und in die USA. Sein erfolgreichstes Projekt war die Textbox - ein Kasten, in dem Poeten ihre Texte vortragen, die dann von außen über Kopfhörer zu hören sind. Die Texte werden in die jeweilige Landessprache übersetzt und mit Bildern und Musik begleitet - die Lesung wird so zur multimedialen Erfahrung.

Die Talente verlassen das Nest

In den Anfangsjahren des Poetry Slam wurde noch wütend gegen die großen Printverlage und Literaturhäuser gewettert, sie würden die Szene und die Slams als neue Form der Literatur ignorieren. Heute haben die Slammer ein neues Selbstbewusstsein entdeckt: "Die etablierten Literaturbetriebe müssen sich uns und den neuen Zeiten anpassen, sonst verlieren sie eine ganze Generation Literaturbegeisterter, die mit Slams aufgewachsen ist und diese Lebendigkeit liebt."

Das dies bereits geschieht, beweist nicht nur Böttchers Beitrag zu einem Reclam-Büchlein, in dem Poetry Slam für den Schulunterricht aufbereitet wird. Auch zahlreiche seiner Kollegen kommen nach und nach bei den etablierten Verlagen unter: Lydia Daher wurde für ihre CD, die bei Trikont erschienen ist, von der Presse gelobt, Mischa-Sarim Verollet veröffentlichte seinen Erzählband beim Carlsen Verlag und Xóchil neue CD erscheint im Frühjahr beim Musiklabel Edel.

"Große Verlage und Literaturhäuser schauen sich inzwischen sehr genau an, was im Slam passiert. Es ist gut, wenn viele Menschen aus ihrem Hobby Slam einen richtigen Job machen können", sagt Geyer. Gleichzeitig beschleunigt diese Entwicklung den Ausverkauf der Szene: "Mit dem Erfolg distanzieren sich viele Künstler und wollen nicht mehr mit Poetry Slam in Verbindung gebracht werden. Das ist so wie bei jeder Subkultur: Sobald die Talente gereift sind, verlassen sie das Nest und schauen sich nach etwas Größerem um."