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Matthias Brandts Erinnerungen: Willy, ohne zu wählen

Foto: Rolf Vennenbernd/ picture alliance / dpa

Matthias Brandts Geschichten Die Einsamkeit des ersten Kindes

Matthias Brandt, Sohn von Willy Brandt und gerade noch im "Polizeiruf 110" zu sehen, hat sein erstes Buch geschrieben. "Raumpatrouille" ist ein wunderbarer Erzählband über eine Kindheit in der Bonner Republik.

Die Sache ist doch die: Gerade für die Generation, die die Bonner Republik nur noch als Kind miterlebte, ist sie in der Rückschau eine wahnsinnig entschleunigte Angelegenheit. Man bekam im Fernsehen von ihr erzählt, jeden Abend um 8 Uhr in der "Tagesschau", und manchmal las man in der Zeitung von ihr und ihren Protagonisten und von einem Gebäude, das den Namen "Langer Eugen" trug.

Dass Bonn eine Stadt war, wusste man zwar irgendwoher, aber eigentlich war Bonn etwas anderes, nämlich eine Schaltzentrale - weniger der Macht, als der Sicherheit. Die Bonner Republik, so heißt ein lange nach ihrem Ende erschienener, sehr schöner Roman von Jochen Schimmang, war "Das Beste, was wir je hatten". Eigentlich ist das natürlich Unsinn. Man neigt dazu, Vergangenes zu verklären. Die gute Nachricht: Man darf das. Und selbstverständlich darf man ein Buch dazu verwenden, zwei, drei Stunden lang in diese Verklärung einzutauchen.

Matthias Brandt hat also ein Buch geschrieben. Matthias Brandt, der Schauspieler. Aber eben auch: Matthias Brandt, der Sohn Willy Brandts, des vierten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland. Sieben, acht, neun, zehn Jahre alt scheint er in diesem Buch zu sein, und der Horizont des Erlebten bewegt sich im entsprechenden Rahmen.

Um diesen Rahmen wurde aber ein zweiter Rahmen gelegt, der vieles von dem, was andere Kinder erleben mögen, noch einmal filtert: Matthias Brandt, das Kind, ist als Politikersohn besonderen Sicherheitsvorkehrungen ausgesetzt. Er spielt wenig mit den anderen Kindern, ist viel alleine. Auf dem Cover des Buches sehen wir die Illustration eines Jungen, der im Astronautenanzug mit seinem Hund an einem See steht. Die Umgebung, der Himmel, sogar der Hund: All das wirkt eigenartig träge. Ein bisschen so, als hätte jemand alles in Aspik eingelegt.

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Matthias Brandt:
Raumpatrouille

Geschichten.

Kiepenheuer & Witsch; 176 Seiten; 18 Euro.

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In seinen 14 Geschichten bevorzugt Matthias Brandt eine Sprache, die ohne Eruptionen auskommt und stattdessen leise swingt. Ob das nun alles biografisch ist oder die eigene Biografie zum Gedankenspiel genutzt, das Erinnerte ins Fiktionale erweitert wird, bleibt angenehm unklar.

Er berichtet von seinem Verhältnis zu den Wachleuten, die in einem kleinen Häuschen vor der Hauseinfahrt weniger mit Verbrechern als mit den herausspringenden Sicherungen zu kämpfen haben. Er erzählt vom Heimweh, das ihn übermannt, als er einmal ausnahmsweise bei einem Freund übernachten darf, und von seinem Hund, wahrscheinlich dem Hund, dem wir auf dem Umschlag sehen. Herbert Wehner radelt fein beobachtet durch eine Geschichte, bei Heinrich Lübke und seiner Frau Wilhelmine ist der kleine Matthias zum Kakao eingeladen.

Willy Brandt und der Propellermann

Wir lesen natürlich viel von Willy Brandt, wobei: Ganz stimmt das nicht. Eher schwebt der Politiker über diesem Buch, um manchmal ins Geschehen einzutauchen, wie etwa in der letzten Geschichte, in der einer der wenigen wirklich zärtlichen Momente zwischen Vater und Sohn geschildert wird: "Aber dann legte er auf einmal seinen linken Arm um mich und begann vorzulesen. Ich konnte kaum glauben, was geschah. Er las eine Weile, schaute mich an und stellte einige, die Geschichte des Propellermanns betreffende Fragen."

Das zentrale Motiv ist indes eines, das nichts mit der Bonner Republik zu tun hat. Es geht in den meisten Geschichten um die Kindheit als emotionalem Schutzraum, in dem die eigenen Gedanken, die eigenen Fantasien noch alles sind. So findet sich der schmerzvollste Moment des Buches in einer Geschichte, in der dieser Schutzraum aufgebrochen wird.

Zündeln, das ist etwas, das jedes Kind tut. Nur: Das Zündeln führt in dieser Geschichte zum Zimmerbrand, und die Erkenntnis, wie schlimm die Konsequenzen der eigenen Gedanken, der eigenen Neugierde sein können, wird ungemein präzise geschildert: "Bis vor einigen Augenblicken war ich davon überzeugt gewesen, dass alles, was ich mir ausdachte, schon deshalb wirklich war. Und nicht nur vielleicht Wirklichkeit werden konnte. Ich spürte jetzt, ohne dass ich es hätte beschreiben können, wie sich in meiner Seele etwas verschob. So wie im Sturm eine scheinbar sicher vertaute Schiffsladung ins Rutschen gerät und das Schiff am Ende in die Tiefe zieht."

"Raumpatrouille" ist kein singuläres Werk: Parallel zum Buch erscheint "Memory Boy", eine CD des Musikers Jens Thomas, mit dem Brandt schon vielfach zusammenarbeitete. Thomas spielt einen sehr zurückgelehnten, interessant staubigen Kammerpop. Oft akustisch, manchmal ambient, von Jazz und Folk gekitzelt. Die Songs sind Flächen, auf die behutsam Töne getupft werden, die alle Zeit der Welt haben, um wieder zu verhallen.

Gewissermaßen der Soundtrack zum Buch, aber einer, der auch für sich genommen sehr gut funktioniert.

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