Sachbuch-Bestsellerautor Matthias Lohre Donald Trump, erstes Opfer im Weißen Haus

Es verleiht Macht, wenn man sich machtlos gibt: Diese These stellt der Autor Matthias Lohre in seinem neuen Buch auf. Er beobachtet bei Rechten wie Linken Strategien, sich als Opfer zu inszenieren.

Donald Trump verlässt nach einem Auftritt vor Polizisten in Las Vegas den Saal (Archivbild)
Drew Angerer/ Getty Images

Donald Trump verlässt nach einem Auftritt vor Polizisten in Las Vegas den Saal (Archivbild)

Ein Interview von


Zur Person
  • Rene Riis
    Matthias Lohre, geboren 1976, arbeitet als Journalist und Autor in Berlin. Neun Jahre war er Redakteur der "taz", zuletzt als politischer Reporter. Heute ist er u.a. für "Zeit Online" tätig. Er veröffentlichte erfolgreiche Sachbücher über Kriegsenkel und "Milde Kerle", derzeit schreibt er an seinem ersten Roman.

SPIEGEL: Herr Lohre, auf dem Schulhof ist "Du Opfer!" noch immer eine üble Beleidigung, oder?

Matthias Lohre: Ich habe meinen 15-jährigen Neffen gefragt, und der hat mir das bestätigt.

SPIEGEL: In Ihrem Buch "Das Opfer ist der neue Held" entfalten Sie eine provokante These. Demnach verleihe es Macht, sich machtlos zu geben - auf linker wie auch rechter Seite des politischen Spektrums. Wie kommen Sie darauf?

Lohre: Es gab eine ganze Reihe konkreter Anlässe. Ähnlichkeiten zwischen Gruppen, die normalerweise sehr unterschiedlich sind. Einerseits Anhänger von Donald Trump oder der AfD, andererseits Verfechter einer als links verstandenen Identitätspolitik. Ihrer Gemeinsamkeit sind sich beide Gruppen vielleicht nicht einmal bewusst.

SPIEGEL: Welche wäre das?

Lohre: Beide sehen sich als Opfer einer Verschwörung. Rechte verstehen sich als Opfer einer bösartigen und zugleich elitären Minderheit. Linke definieren sich als Opfer einer bösartigen und zugleich unwissenden Mehrheit. Hier gibt es eine Parallele, der ich nachspüren wollte.

SPIEGEL: Sie schreiben von Donald Trump als "erstem Opfer im Weißen Haus". Wie ist das zu verstehen?

Lohre: Er inszeniert sich als Opfer, weil er damit Gefolgschaft generieren kann bei Menschen, die sich ebenfalls als Opfer böser Mächte an der Ost- und an der Westküste sehen: Liberale, Medien, die angeblich nichts anderes im Schilde führen, als dem aufrechten Amerikaner im Mittleren Westen die freie Meinung zu verwehren.

SPIEGEL: Nun ist aber Trump ein Produkt der Ostküstenelite.

Lohre: Das ist das Verrückte. Ausgerechnet einem Milliardär gelingt es, seine eigenen Sorgen gleichzusetzen mit denen der "Abgehängten". Er handelt ähnlich wie Jörg Haider von der FPÖ schon in den Neunzigerjahren: "Sie sind gegen euch, weil ich für euch bin!" Geholfen hat Trump die Ignoranz, mit der ein linksliberales Milieu seiner Klientel begegnet ist und noch begegnet.

SPIEGEL: Hierzulande haben wir auch einen angeblich oder tatsächlich "abgehängten" Osten, als deren Sprecherin sich die AfD präsentiert. Der Partei gelingt es ebenfalls, sich bei jeder Gelegenheit als Opfer zu stilisieren. Verfolgt man den Diskurs, könnte man meinen, man müsste sie allein deshalb wählen, damit sie sich endlich einmal nicht mehr als Opfer sieht.

Lohre: Anhänger und Politiker der AfD werden sich immer als Opfer sehen, das ist gerade das Verheerende. Kritisieren wir ihre Positionen, fühlen sie sich nicht ernst genommen und als Opfer. Sie sehen sich aber auch als Opfer, wenn Menschen auf sie zugehen und damit bestätigen, dass ihre Sorgen real sind: "Endlich wird anerkannt, dass wir Opfer sind!"

SPIEGEL: Nun gibt es auf linker Seite nachweislich Opfer von Diskriminierung und Rassismus. Ist es nicht fahrlässig von Ihnen, rechtsextreme und linksidentitäre Opfermythen parallel zu setzen?

Lohre: Es ist nicht das Gleiche. Und ich möchte keinesfalls Bestrebungen in Frage stellen, die auf die Abschaffung von Diskriminierung oder die Herstellung gleichberechtigter Lebensverhältnisse von Menschen jeder Ethnie oder sexuellen Orientierung zielen.

SPIEGEL: Was stellen Sie dann in Frage?

Lohre: Ich halte manche Strategien auf linker Seite für kontraproduktiv. Wenn sich als links verstehende Menschen ihre Identität daran knüpfen, Opfer zu sein, dann ist etwas schiefgelaufen.

SPIEGEL: Aber wenn sie's doch sind?

Lohre: Wenn man Opfer ist, darf man diesen Status nicht aufgeben. Nur indem und solange ich mich als Opfer darstelle, finde ich Gehör für meine Anliegen in der Öffentlichkeit.

SPIEGEL: Was ist daran falsch?

Lohre: Es ist eine Sackgasse. Sobald dieser Opferstatus zementiert ist, kann es keine Veränderung, geschweige denn Versöhnung geben. Es gibt die Opfer auf der einen Seite und die Täter auf der anderen Seite, und nichts darf sich daran ändern. Eine interessante Wendung sind die Opfervertreter. Wie Populisten von rechts sind Opfervertreter von links oft Menschen, die sehr privilegiert sind. In meinem Buch beschreibe ich einen Fall an der US-Eliteuniversität Yale.

SPIEGEL: Es geht dabei um die Uni als "safe space" und um kulturelle Aneignung.

Lohre: Da ist es jungen Studierenden gelungen, verdiente Wissenschaftler wegen vermeintlich "inkorrekter" Aussagen so sehr unter Druck zu setzen, dass diese Leute ihre Stellen aufgeben mussten.

Preisabfragezeitpunkt:
24.09.2019, 10:48 Uhr
Ohne Gewähr

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Matthias Lohre
Das Opfer ist der neue Held: Warum es heute Macht verleiht, sich machtlos zu geben

Verlag:
Gütersloher Verlagshaus
Seiten:
288
Preis:
EUR 22,00

SPIEGEL: Zeigt das nicht, dass Opfer sich wehren können?

Lohre: Das zeigt, dass diese jungen Menschen keine Opfer sind. Opfer sind per definitionem machtlos. Ein Studienjahr in Yale kostet derzeit ungefähr 73.000 Dollar. Wer sich das leisten kann, ist nicht machtlos.

SPIEGEL: Geld oder Herkunft schließen nicht aus, diskriminierende Erfahrungen gemacht zu haben.

Lohre: Stimmt. Aber wer sich als Opfer definiert und daraus seine ganze Identität als Mensch zusammensetzt, der sieht überall Mobbing und Diskriminierung und Mikroaggressionen. Es ist wie mit dem Satz: "Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel".

SPIEGEL: Aber Nägel gibt es doch. Leute verletzen sich daran, oder?

Lohre: Das stelle ich auch nicht in Abrede. Nur: Wenn ich eine verletzende Erfahrung gemacht habe, kann ich damit umgehen und sie vielleicht überwinden. Wenn ich aber Opfer bin, was bleibt dann noch von mir übrig, wenn ich die Erfahrung überwinde?

SPIEGEL: Ein Held.

Lohre: Tatsächlich ist der Held in Mythen ein Mensch, der seine Wunden und Schwächen an einem bestimmten Punkt erkennt und sich ihnen stellt. Befreit von falschen Annahmen über sich und die Welt, kann er tun, was ihm und seiner Umwelt wirklich hilft. Das Opfer aber will Opfer bleiben.

SPIEGEL: Wenn nun aber jemand bewusst die Rolle des Opfers von Sexismus oder verheerenden Arbeitsverhältnisse in der Paketbranche beibehält und nutzt, um sich eine öffentliche Sprechposition zu erkämpfen - ist das nicht legitim?

Lohre: Ja. Nur ist es in den seltensten Fällen der Paketbote oder der Transsexuelle, der hier Klage führt. Es sind in der Regel nur Opfervertreter, die in diesem Status eigene Interessen verfolgen.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Lohre: Björn Höcke beispielsweise, Jahrgang 1972, aus Westdeutschland, behauptet, für die Menschen im Osten zu sprechen, insbesondere diejenigen, die den Krieg noch als Kinder erlebt haben. Er beansprucht für sich eine Hartherzigkeit, die er gleichzeitig bei anderen beklagt. Das Gefährliche an diesem Status als Opfervertreter ist die Unversöhnlichkeit, mit der gerade die Vertreter die angebliche Sache ihrer Schützlinge verfechten. Wer Opfer sein will, ist blind für Möglichkeiten, wie es denn besser gehen könnte.

SPIEGEL: Was tun, um dieses Dilemma aufzulösen?

Lohre: Es hilft die Psychologie, die Auseinandersetzung auch mit kindlichen Erfahrungen. Wer sich mit verletzenden Erfahrungen auseinandersetzt und die zu überwinden sucht, der definiert sich schon nicht mehr als Opfer - sondern als selbstbestimmtes Individuum, das beispielsweise auch verzeihen kann.

SPIEGEL: Also auf die Couch mit uns?

Lohre: Nötig hätten wir's.



insgesamt 7 Beiträge
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dunnhaupt 30.09.2019
1. Frau Pelosi hatte schon seit Monaten immer wieder gewarnt
… dass sich Trump nach einem Impeachment als Verfolgter inszenieren würde, der sein Immobiliengeschäft aufgab, um seinem Vaterland zu dienen. Auf den Druck ihrer linken Basis gab Frau Pelosi jedoch ihren Widerstand auf, um das Impeachmentverfahren einzuleiten. Man darf gespannt sein, wer am Ende recht hat -- die vorige Frau Pelosi oder die neue Frau Pelosi.
claus7447 30.09.2019
2. Das ist keine Frage....
Zitat von dunnhaupt… dass sich Trump nach einem Impeachment als Verfolgter inszenieren würde, der sein Immobiliengeschäft aufgab, um seinem Vaterland zu dienen. Auf den Druck ihrer linken Basis gab Frau Pelosi jedoch ihren Widerstand auf, um das Impeachmentverfahren einzuleiten. Man darf gespannt sein, wer am Ende recht hat -- die vorige Frau Pelosi oder die neue Frau Pelosi.
... es gibt bei Rechtspopulisten (und das ist Trump auch) nur zwei Aggregatszustände: entweder Gewinner oder Opfer. Das ist bei AfD wie Lega etc. Immer identisch. Warum sollte Trump davon abweichen... ist doch einfach und billig.
dasfred 30.09.2019
3. Finde ich nachvollziehbar
Jeder Satz des Interviews sollte langsam und sorgfältig gelesen werden. Der Autor beschreibt hier Mechanismen, welche uns allen doch sehr bekannt vorkommen. Opfer zu sein als Selbstzweck. Dem Opfer nicht aus seiner Opferrolle zu helfen, sonder sich selbst als Opfer Vertreter über dieses zu definieren. Neben dem erwähnten Hoecke kommt mir dieses Verhalten aber auch bei einigen Frauenrechtlerinnen bekannt vor, die jede Frau, die dich überhaupt ihren Körper definiert uns das zu ihrem Beruf macht zum Opfer erklärt, das vor sich selbst geschützt werden muss. Aber auch Opfer der Umstände, die sich nicht wehren, sondern in ihre Rolle zurückziehen, kennen wir genug. Niemand muss bei uns sein Leben lang Opfer bleiben. Er braucht allerdings Unterstützung, nicht eine Vertretung, um sich aus der Rolle zu befreien.
appenzella 30.09.2019
4. Der Verlierer ist der Gewinner?
Sind wir mit solch einer Sicht der Dinge nicht wieder bei Orwells Zweidenk? Aber die Selbstinszenierung von Trump als ewiger Gewinner, der sich für die Verlierer aufopfert, ist schon bizarr. Da werden Fakten zu fakes, und eine schwach besuchte Versammlung zur größten show, die jemals stattgefunden hat. Wenn dann noch eine Sprecherin wie Kellyann Conway die Geschehnisse umerklärt, ist die Vorstellung im Sinne Trumps perfekt. Denn Majestät haben immer recht - und seine Gegenwart läßt auch das Mickrige ins Unendliche wachsen. der appenzella
rudi_ralala 30.09.2019
5.
Zitat von dunnhaupt… dass sich Trump nach einem Impeachment als Verfolgter inszenieren würde, der sein Immobiliengeschäft aufgab, um seinem Vaterland zu dienen. Auf den Druck ihrer linken Basis gab Frau Pelosi jedoch ihren Widerstand auf, um das Impeachmentverfahren einzuleiten. Man darf gespannt sein, wer am Ende recht hat -- die vorige Frau Pelosi oder die neue Frau Pelosi.
Die Frau Pelosi hätte lieber bei ihrer ursprüngliche Meinung bleiben sollen, das Impeachmentverfahren kann nur zu einem Desaster für die Demokraten werden und Trump wird weiter gestärkt. Man tut eben alles, damit dieser Mann noch eine zweite Amtszeit erleben darf. Den meisten US Amerikanern wird es recht sein.
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