Matthias Polityckis Männerfreundschaftsroman Schmäh auf dem Kilimandscharo

Auf dem Dach Afrikas lernen sich ein Hamburger Schriftsteller und ein Aids-kranker Ur-Bayer kennen: In "Das kann uns keiner nehmen" verarbeitet Matthias Politycki eigene dramatische Tansania-Erinnerungen.
Der Kilimandscharo, vom Amboseli-Nationalpark in Kenia aus gesehen

Der Kilimandscharo, vom Amboseli-Nationalpark in Kenia aus gesehen

Foto: Mohamad Hasan/ EyeEm/ Getty Images

Zwei Männer erzählen einander von der großen Liebe ihres Lebens. Der großen unglücklichen Liebe ihres Lebens. So ließe sich knapp der Inhalt von Matthias Polityckis neuem Roman "Das kann uns keiner nehmen" umreißen. Fügt man aber ergänzend die Schlagworte "Kilimandscharo", "Blutvergiftung" und "Aids" hinzu, um die das Buch in entscheidenden Momenten kreist, so erahnt man jene faszinierende Mehrdimensionalität, die die 13. Prosaarbeit des 1955 in Karlsruhe geborenen Erzählers zu einer seiner zweifellos besten macht.

Wo dieser Autor in früheren Arbeiten auf weitausholendes, bisweilen allzu panoramatisches Erzählen setzte, da erweist er sich hier als geradezu kurzgeschichtenerzählerhafter Verknapper. Dadurch setzt er seinen in Form kurzer Kapitel getakteten Roman immer neu gekonnt unter Strom.

Matthias Politycki

Matthias Politycki

Foto: Mathias Bothor/ Mathias Bothor/ photoselection/ Hoffmann & Campe

Im Zentrum des sich unmittelbar vor der atemberaubenden Kulisse des Kilimandscharo entrollenden Romans stehen die beiden, einander am Berg begegnenden Männer Hansi und Tscharli; zwei, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten - und die doch in den entscheidenden Momenten der Erzählung gerade daraus den größtmöglichen Erkenntnisgewinn beziehen.

Hansi, der in Hamburg lebende Schriftsteller, versucht auf dem Kilimandscharo, dem Dach Afrikas, endlich mit seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen - einer Liebesgeschichte, die ihn eben dort 25 Jahre zuvor fast das Leben gekostet hätte. Ihm gegenüber der immerzu Sprüche klopfende, Afrika-erprobte Ur-Bayer Tscharli, der aidskrank im Endstadium seine letzten Kapriolen am Fuße des Kilimandscharo schlägt - und darüber Hansi zum Begleiter seiner Reise in Tod werden lässt.

Die befreiende Kraft der literarischen Beichte

"Gutgut, lenkte der Tscharli beflissen ein: Eine Woche Abschiedstour mit meinem Freund, Hansi, abgemacht! Und am nächsten Samstag dann die Fahrt zurück nach Moshi, ich gleich weiter zum Flughafen, er ins Krankenhaus." Gemeinsam treten sie eine Reise ins 500 Kilometer südöstlich des Kilimandscharo gelegene Daressalam an, und es wird für beide eine Reise in die Vergangenheit - und in den Schmerz.

Tscharli enthüllt Hansi nach und nach die Liebes- und Sterbegeschichte seiner großen Liebe Kiki, während Hansi ihm im Gegenzug von Mara, seiner einstigen großen Liebe und Begleiterin auf seiner ersten Kilimandscharo-Reise erzählt, die ihn rettete - und anschließend verließ. "Ich hatte diese Geschichte noch nie erzählt, warum sollte ich sie ausgerechnet ihm erzählen? Ich hatte sie heute den ganzen Tag lang vergessen - wie ich jetzt erst bemerkte, da ich daran erinnert wurde. War es nicht besser, sie auch morgen und übermorgen und den Rest meines Lebens zu vergessen?

Der passionierte Fern-Reisende Politycki legt ein atmosphärisch dichtes Buch vor, das seine überzeugende Kraft vor allem aus einer kaum verschleierten, vor einem Vierteljahrhundert eigens gemachten Reise-Erfahrung bezieht, über die es im Leseexemplar für Presse und Buchhandel in einer Vorbemerkung heißt: "Um ein Haar hätte dieses Buch nie geschrieben werden können. Denn vor fast 26 Jahren wurde ich während einer Reise in Zentralafrika krank; wäre ich am 21. Dezember 1993 nicht ausgeflogen und, kaum in München gelandet, sofort in den OP-Saal gebracht worden, ich wäre gestorben. Es hat lange gedauert, bis ich dieses für mich so einschneidende Ereignis im Rahmen eines Romans verarbeitet habe."

26 Jahre später nun also ein Buch der rückwirkenden Selbstbefragung und des Zweifels an den besten menschlichen Substanzen, nämlich den Gefühlen, den Gedanken und der Fähigkeit zur Vernunft - geknüpft an die Frage, wie weit die Liebe zu einem anderen gehen kann? Und wie viel sie auszuhalten vermag, ohne letztlich an den äußeren Umständen zu zerbrechen?

Matthias Polityckis neuer Roman ist aber auch ein Buch über die befreiende, ja, erlösende Kraft des Erzählens, der literarischen Beichte. Ein packender Deutschland-Roman - erzählt vor afrikanischer Kulisse. "Ganz genau, die Mara-Geschichte. Das wäre vielleicht mal ein Roman, den er lesen würde", heißt es über den Tscharli.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Himmelsrichtung, in der Daressalam vom Kilimandscharo aus gelegen ist, korrigiert.