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10. Dezember 2015, 15:30 Uhr

Meg Wolitzers "Die Stellung"

Auch unsere Eltern haben Sex

Die Amerikanerin Meg Wolitzer porträtiert in ihrem zarten und spannenden Roman "Die Stellung" die auf erotische Entfesselung angelegten Siebzigerjahre.

Das Buch steht ganz oben im Regal in Fernsehzimmern, zwischen Ernährungsratgebern und Handwerkerfibeln. Also dort, wo man als Kind eigentlich nicht so gerne wühlt. Und doch: Das Buch strahlt auf alle vier Kinder der Familie Mellow aus und bestimmt ihr Leben über die nächsten 30 Jahre. Titel des Werks: "Pleasuring. Die Reise eines Paares zur Erfüllung". Ein Sexratgeber, geschrieben von den Eltern, illustriert mit Zeichnungen der beiden in äußerst expliziten Posen.

Es ist der Moment, der jeden Teenager auf eine Probe stellt: der Augenblick der Erkenntnis, dass die eigenen Eltern sexuelle Wesen sind. Was muss da erst die Erkenntnis anrichten, dass die eigenen Eltern sexuelle Superwesen sind.

Denn als solche kommen Ma und Pa Mellow in ihrem Anfang der Siebzigerjahre veröffentlichten Bestseller daher. Keine Körperöffnung, die sie nicht erkunden, keine athletische Verrenkung, die ihnen zu kompliziert ist. Und das auf erotische Entzäunung gepolte amerikanische Vorstadtpublikum der Siebziger feiert sie dafür als Helden.

Mit ihrem unerwarteten Bestseller "Die Interessanten" aus dem Jahr 2013 zeichnete Meg Wolitzer ein Freundschaftspanorama über drei Jahrzehnte. In "Die Stellung", in den USA erstmals 2005 erschienen und aufgrund des großen Erfolgs der "Interessanten" in diesem Jahr endlich auch hierzulande veröffentlicht, zeichnet sie die Entwicklung der Familie Mellow über einen ebenso langen Zeitraum nach: Eines der Kinder stürzt sich in Drogen, ein anderes leidet am eigenen Körper, ein weiteres leugnet aus Scham über lange Jahre die eigene Homosexualität. Die Besessenheit der Mellow-Eltern am eigenen Körper ist hier eine Analogie für die Selbstbezüglichkeit der Alten, die der Entfaltung der Kinder immer wieder in die Quere kommt.

Damit kein Missverständnis aufkommt: "Die Stellung" ist keine gramvolle Abrechnung mit der sexuellen Befreiung der Siebzigerjahre, dazu schreibt Wolitzer mit zu viel Sympathie und zu viel zartem Witz über den menschlichen Körper und seinen spaßversprechenden Möglichkeiten. Der Roman ist vielmehr eine mal fröstelnd machende, mal empathische Studie darüber, wie die Befreiung der Alten die Unterdrückung der Jungen bedeuten kann. Ein spannendes, ein nützliches Buch. Darf nach dem Lesen gerne wie das Sex-Kompendium der Mellow-Eltern zwischen Ernährungsratgebern und Handwerkerfibeln einsortiert werden.

cbu

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