Fluchtroman Wenn das Wasser steigt

Die Apokalypse erreicht London - und Frau, Baby, Mann ergreifen die Flucht. Megan Hunters Debüt "Vom Ende an" ist ein hochpolitischer Roman: Klimaflüchtlinge, das sind hier nicht die anderen.

Überschwemmung (Illustration)
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Überschwemmung (Illustration)

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Himmel, Erde, Wasser, damit fing mal alles an. In der Ursuppe steckte Verheißung. Wenn heute Wasser zu viel Raum zwischen Himmel und Erde einnimmt, wenn Tsunamis die Küsten überrollen, Flüsse über die Ufer treten, der Regen kein Regen scheint, sondern unaufhörlich strömt wie aus einem geplatzten Wasserrohr, denken alle ans Ende.

Das Wasser steigt. Und die Fruchtblase platzt. Mit dieser Gleichzeitigkeit von Apokalypse und Neubeginn setzt Megan Hunters unfassbarer Debütroman "Vom Ende her" ein - mit einer genialen doppelten, gegenläufigen Wellenbewegung, die die Geschichte schaukelnd durchzieht. London überflutet; das Krankenhaus, in dem die Erzählerin entbindet, eine "Arche"; das Baby wird "Z" genannt, ausgerechnet ein Ende für den Anfang aller Anfänge: Für Hunter, selbst im Jahr der Atomkatastrophe von Tschernobyl geboren, fallen Genesis und Naturkatastrophe in eins.

Jenseits aller Definitionen

Allein diese Nuancen deuten an, dass dies einer jener Romane ist, für die man sofort neue Genres gründen will, weil man ähnliches noch nie las, "Zeitgenössischer Futurismus" etwa, oder "Poetische Dystopie" oder ähnliches Blabla, nur um festzustellen, dass er am besten jenseits aller Definitionen aufgehoben ist.

Jede Orientierung reißt ein, als die Erzählerin mit Mann und Neugeborenem erst zu den Schwiegereltern aufs Land, dann immer weiter flieht. Mit der Infrastruktur und dem Mobilfunknetz verschwindet auch jedes konkrete Raumgefühl im Text, als Kontrollposten zu passieren sind, Menschen in Fetzen vorbeiziehen, R verschwindet und nur noch die kargen Wortbrocken "Rangelei, Zank, Gemetzel" den Gesellschaftszustand beschreiben.

Autorin Megan Hunter
Alex Clark

Autorin Megan Hunter

Die britische Autorin evoziert damit Kriegsfluchtszenen des 20. Jahrhunderts ebenso wie jenen Bilderstrom von Flüchtenden, die nun seit Jahren über die Kontinente ziehen, sich aufs Mittelmeer wagen in größter Not, in einem "March of Hope" erschöpft gen Norden aufbrechen. Und Hunter versetzt das ins skizzenhafte Hier und Jetzt von Großbritannien, was für eine hochpolitische Aussage: Klimaflüchtlinge sind Realität. Und: Es sind nicht "die anderen", es ist ein großes "Wir".

Natürlich gibt es ein Genre, in das man das Buch einsortieren kann: "Eco Fiction" nennt man es auf Englisch; unübersetzbar, weil das deutsche "Umweltromane" leider sofort nach dem Muff von Bioläden riecht und damit am gesamtgesellschaftlichen Anspruch vorbeischrammt. Und natürlich gibt es Referenzen aus dem Literaturkanon, die bei Hunters Geschichte sofort in den Sinn kommen, von Margaret Atwoods "Das Jahr der Flut" über Timothy Findleys "Die letzte Flut" oder, am deutlichsten, das Klimadisaster, von dem J.G. Ballard in seinem 1962 erschienenen Sci-Fi-Klassiker "The Drowned World" im London des Jahres 2145 erzählt. Allesamt großartige, ja revolutionäre Romane.

Wo Chaos ist, will der Mensch erklären

Doch Hunters Text geht darüber hinaus. Sie schafft, dass ihre Geschichte auch eine übers Geschichtenerzählen selbst ist. Und somit über das Anthropozän, die Welt, von Menschenhand gemacht. Sie nimmt den Zustand, in dem alles verschwimmt, als Urmasse: Wo Chaos ist, will der Mensch erklären, Sinn stiften, wandelt Natur in Kultur. Und so baut Hunter kleine Absätze aus allen Mythologien über die Weltschöpfung in den Text, als sanfte Kommentare: Es war in Endzeitmomenten, in denen Geschichten entstanden.

Diese Verweise lässt sie in ihre Story tröpfeln: Da sind die Leerstellen, in denen alles unbestimmt und "es" bleibt, nahe am "Nichts, an der Leere, dem schwarzen, plätschernden Schlund des Meeres und dem schwarzen gewölbten Rücken des Himmels." Da sind Momente, in denen Begriffe nur wie "Lotteriekugeln" nebeneinander stoßen. Da sind ihre Figuren, die nur Initialen tragen, sie sind R und N und C, parabelhaft allgemeingültig wie Kafkas "K". Und da ist ihre Sprache, deren Brillanz in der Übersetzung erhalten blieb, Momente nur, ein, zwei Zeilen, Absatz, Leerzeile, neuer Gedanke. Ein lyrisches Schreiben, das man von Christoph Ransmayr kennt. Hier bewirkt es, dass die Erzählerin erschöpft klingt; Energie kann Porridge ohne Milch kaum liefern.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:42 Uhr
Ohne Gewähr

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Megan Hunter
Vom Ende an

Verlag:
C.H.Beck
Seiten:
160
Preis:
EUR 16,00

Gerade in diesem Kondensat treten die Welten, die Megan Hunter umspannt, umso brillanter hervor: Prähistorisches verbindet sich mit dem Bürgerkriegszustand der Erzählzeit, wenn die Erzählerin Einschusslöcher sieht und an Fossilien denkt. Mikro- und Makroperspektive zoomen in eins, als sie auf die Maserung des Holzfußbodens starrt und feststellt: "Er hat genau die Farbe der Dämmerung, und die Wirbel schweben wie kleine dunkle Planeten durch seinen Glanz." Aber irgendwann ist der Horizont zurück: "Der Himmel hat sich vom Meer getrennt und dazwischen ist nur ein pfirsichfarbener Streif, ein berührbarer Bogen aus Licht."

Ein Jahr vergeht, am Ende sind sie am Anfang. "Unsere Stadt ist hier, irgendwo. Aber wir nicht", heißt es. Sie seien entwurzelt, "losgerissen, frei schwebend, umhertreibend, alles zugleich." In der Wohnung finden sie ein Wandbild aus Schimmel, "geäderte Wasserpfade als Aufzeichnung all der Tage, die wir nicht erlebt haben." Als seien es die Höhlen von Lascaux, die Epochen fallen in eins.

Und dann, wie ein Ausbruch aus dieser Kreisbewegung, fängt Z an zu laufen. Seine Vertikale verbindet Himmel und Erde: Er findet das Gleichgewicht, die Balance zwischen den Elementen. Manchmal reicht das schon als Ausdruck von Hoffnung.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
gekreuzigt 24.05.2017
1. Kein Umweltroman.
Eher Ökogeschrammel. Danke für die Warnung.
stefzeri 24.05.2017
2. Oh je...
wenn das Buch genauso schwurbelt, wie die Rezension, werde ich es sicher nicht lesen.
j1958 24.05.2017
3. Faktenfrei
Ich bin schon etwas älter und habe schon verschiedene Apokalypsen hinter mir, die sich hinterher aufgelöst haben. Weder sind die Rohstoffe verbraucht, noch ist der Wald verschwunden und es leben weit weniger Menschen auf er Erde als vom Club of Rome seinerzeit vorausgesagt. Glaubt jemand ernsthaft, dass in dem Moment wo die Meeresspiegel steigen, die Menschen am Rand des Wassers stehen werden und zuschauen wie sich ihre Kultur und milliardenschwere Besitztümer im Wasser auflösen?
spon-facebook-1716829589 24.05.2017
4. Porridge ohne Milch?
Das vorgestellte Buch klingt ja wirklich interessant, aber: "Energie kann Porridge ohne Milch kaum liefern." Was macht denn dieser, mit Verlaub, dumme Satz da? Der stimmt auch gar nicht. Porridge ist ein Brei aus Haferflocken oder Hafermehl. Das enthält reichlich Kohlenhydrate. Zudem ist mir der Zusammenhang hier völlig unklar.
David Lonsdale 24.05.2017
5. Ich kann es nicht mehr hören/lesen...
Dieses permanente Apokalypse-an-die-Wand-Geklatsche ist nur noch extrem ärgerlich und nervig. Du meine Güte, bei aller berechtigten Kritik und Verbesserungsbedarf bei vielen Entwicklungen - aber keines der Untergangsszenarien der vergangenen vier Dekaden ist auch nur ansatzweise eingetreten. Die Menschheit wird immer gesünder immer älter, Armut und Nicht-Bildung weiter zurück gedrängt, der Hunger immer erfolgreicher bekämpft, aber wir im Westen übertreffen uns ständig in Beschwören des jetzt-aber-wirklich-bevorstehenden Armageddons - wer bietet mehr?? Es muss ja nicht gleich der unreflektierte Technologiewahn des 19/20. Jhdts. sein - aber wenigstens wieder ein paar Nummern kleiner in Sachen Weltuntergang wären schon mal ein Anfang...
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