Ilma Rakusa Ich schreibe, also bin ich!

Während sich das gesellschaftliche Dasein zunehmend ins Virtuelle verlagert, verspricht uns die Literatur das Echte und Wahre. Das zeigt auch Ilma Rakusas Roman "Mein Alphabet".

Mit jedem Buchstaben streift Ilma Rakusa wichtige Elemente ihres Lebens und Denkens
Getty Images

Mit jedem Buchstaben streift Ilma Rakusa wichtige Elemente ihres Lebens und Denkens


Ich. Das Wort, mit dem jede Wahrnehmung und Erkenntnis beginnt. Ich, dieser innerste Kern, den wir manchmal ein Leben lang suchen - ihn haben die Schriftsteller der letzten Jahre ins Zentrum gerückt. Sowohl in Thomas Melles, David Wagners oder Ruth Schweikerts wirkungsstarken Protokollen einer Krankheit als auch den poetischen Bewusstseinsströmen einer Friederike Mayröcker und Angela Krauß tritt das Autobiografische zutage. Schonungslos geben die Schriftsteller der Gegenwart unentwegt Einblicke in die intimsten Räume von Seele, Geist und Körper.

Ilma Rakusa
Giorgio von Arb/ Droschl

Ilma Rakusa

Was steckt hinter dieser Entwicklung? Reiner Narzißmus? Oder vielleicht bloß eine von der Filmindustrie inspirierte Vermarktungsmasche, die in "wahren Begebenheiten" einen Verkaufsknüller wittert?

Wahrscheinlich weder das eine, noch das andere. Vielmehr haben wir es mit einer zeitgemäßen Sehnsucht nach dem Authentischen zu tun. Während sich das gesellschaftliche Dasein zunehmend ins Virtuelle verlagert, verspricht uns die Literatur das Echte und Wahre. Ganz aktuell lässt sich diese Orientierung an Ilma Rakusas neuem Band "Mein Alphabet" ablesen.

Das Ich erhält sein Profil im Formulieren

Mit jedem Buchstaben streift sie wichtige Elemente ihres Lebens und Denkens. Sie reflektiert die Bedeutungen von Träumen, stimmt Loblieder auf Berge und Wüsten an, macht sich genauso Gedanken über Freundschaft und Geduld wie über Granatäpfel und Pantoffeln. Gewichtiges gesellt sich zu Leichtem. Was die Autorin in ihren Abbreviaturen präsentiert, liest sich vergnüglich, bisweilen geistreich. Neben Erinnerungsskizzen aus der Kindheit oder von Reisen gibt es Philosophie in kleinen Häppchen, etwa über die Kunst des richtigen Verlierens oder die Einsamkeit als "Nische des Nicht-Trubels". Dass man dabei immer wieder über Phrasen wie "Flanieren ist ein Abenteuer", "Die Jahre vergehen" oder "Kühlen Kopf bewahren" stolpert, darf man einer der sprachbewusstesten deutschsprachigen Poetinnen gern verzeihen.

Preisabfragezeitpunkt:
23.08.2019, 13:08 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Ilma Rakusa
Mein Alphabet

Verlag:
Droschl, M
Seiten:
312
Preis:
EUR 23,00

Überhaupt besticht "Mein Alphabet", das vornehmlich essayistische Notate und Selbstgespräche vereint, weniger durch seine besondere künstlerische Machart, als durch die Passagen, in denen Rakusa über ihr eigenes Schreiben nachdenkt. "Scribo, ergo sum" ("Ich schreibe, also bin ich") lautet das programmatische, frei an Descartes angelehnte Credo. Das Ich erhält sein Profil also erst im Tun, im Formulieren. Bücher zu verfassen, gleicht keiner Elfenbeinturmexistenz, sondern unterliegt dem hehren Anspruch, "das Gute, Wahre und Schöne" zu finden. Denn "sie bilden für mich eine unverbrüchliche Einheit", so die 1946 geborene Autorin. Dem Ich kommt in diesem Kontext die Funktion eines Ankers zu. Während die Globalisierung und Virtualisierung sämtlicher Daseinsbereiche einstmalige Konstanten wie Heimat und kulturelle Identität infrage stellen, steht es für Gewissheit und Erdung in der Wirklichkeit.

Ganz bei sich

Selbstverständlich ist das nicht. Denn insbesondere mit dem Beginn der Moderne Mitte des 19. Jahrhunderts gerät das Subjekt unter enormen Druck. In der industriellen Revolution wird es zum kleinen Rädchen im Maschinengetriebe. Zudem rütteln Freuds Psychoanalyse und Nietzsches Religionsbashing an den Grundfesten des abendländischen Menschenbildes. Ich zu sagen, entspricht in dieser Epoche bloßem Selbstbetrug.

Nachdem uns ebenso die Postmoderne mit gebrochenen und zerrissenen Helden und Autoren konfrontiert hat, zeugt die aktuelle Literatur endlich von einer erfrischenden Ich-Souveränität. Sie glaubt wieder an das Individuum, das sich gerade in Krisen zu behaupten weiß und nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt.

"Mein Alphabet" versteht sich als eine Ermunterung: zur Lektüre als meditativer Praxis. Was manch einem nach verschwurbelter Esoterik klingt, basiert im Wesentlichen auf einer geschärften Konzentration. Sie lässt weder eine Idealisierung, noch Abwertung des Ich zu. Stattdessen versucht sie es zu begreifen - in seiner natürlichen Vielschichtigkeit. Rakusas Text plädiert daher für eine aufrichtige Selbstwahrnehmung und vor allem den Mut, in Zeiten schnell aufkommender und vergehender Moden ganz bei sich zu sein.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.