Schmetterlinge "Wir müssen los, der Windenschwärmer fliegt!"

Faszination Falter: Der Autor Peter Henning hat mit "Mein Schmetterlingsjahr" fast ein Sachbuch vorgelegt. Ein Gespräch über Glücksmomente, Ewigkeitsgefühle und Ekstase der Beobachtung.
Peter Henning

Peter Henning

Foto: Marie Rauch

Ein freundlicher Märztag in Köln: Schmetterlingswetter. Peter Henning, Jahrgang 1959, Romanautor (und Literaturkritiker, auch für SPIEGEL ONLINE), will in die Südstadt, zu seinem Stamm-Italiener, wo man ihn wie einen Freund begrüßt. Wir sitzen neben der Durchreiche zur Küche. Das Interview wird durch Bestellungen anderer Gäste unterbrochen - Spaghetti alle Vongole, Bolognese und Salmone.

SPIEGEL ONLINE: Herr Henning, bisher haben Sie Romane geschrieben, jetzt schreiben Sie über Schmetterlinge. Warum?

Peter Henning: Ich wuchs bei meiner Großmutter auf, und sie hatte einen polnischen Geliebten, der durch alle meine Bücher geistert. Er war eine Art Ziehvater für mich, der hat mir die ersten Schmetterlinge gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Die Szene ist im Buch: Er hält ein Pfauenauge in der hohlen Hand und fordert Sie auf, zu lauschen.

Henning: Ja, genau, lauschen und nicht schauen! Denn beim Öffnen und Schließen der Flügel entsteht ein bestimmtes, unverwechselbares Geräusch.

SPIEGEL ONLINE: Das hat Sie zum Schmetterlings-Fan gemacht?

Henning: Es war der Anfang, ein geteiltes Geheimnis. Er hat mit mir später auch Fangnetze und Sammelkästen gebaut. Gemeinsam haben wir zahlreiche Exkursionen durch ganz Europa unternommen. Er war sehr unkonventionell. Da konnte es vorkommen, dass er vor der Schule stand und sagte: Komm Kleiner, wir müssen los, der Windenschwärmer fliegt! Und dann sind wir nach Rijeka gefahren, obwohl ich Schule hatte. Regeln und solche Sachen sagten ihm nichts. Ich habe mit diesem melancholischen Sonderling die schönsten Stunden meines Lebens erlebt.

Henning ist ein schneller Sprecher mit einer sonoren Stimme, man hört ihm gern zu. Seine Erzählung flattert durch Zeiten und Themen, mal zitiert er, mal schwelgt er in Erinnerungen, mal doziert er regelrecht: Seine Augen glänzen, wenn er von den Tieren spricht, über die er nun geschrieben hat. Weil sie ihn an Dinge erinnern, an Menschen und Orte. Man findet das alles auch im Buch.

Oleanderschwärmer

Oleanderschwärmer

Foto: akg-images/ Gilles Mermet

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden Schriftsteller. Was wurde in der Zwischenzeit aus den Schmetterlingen?

Henning: Die haben mich nie losgelassen. In all meinen Büchern flattert es irgendwo. Der Titel meines ersten Romans, "Tod eines Eisvogels", ist zweideutig: Er bezeichnet sowohl den kleinen Rackenvogel als auch den schönen Edelfalter.

SPIEGEL ONLINE: Sie kommen ins Schwärmen.

Henning: Schmetterlinge schenken Glücksmomente. Wenn ich in einer Wiese unter seltenen Schmetterlingen stehe und ihre Schönheit sehe, denke ich immer neu: Ja, das ist es! Vladimir Nabokov, der ja nicht nur Literat, sondern auch ein richtiger Schmetterlingsforscher war, hat diese Augenblicke einmal als ein Vakuum bezeichnet, in das alles einströme, was er liebe. Mir geht es genauso.

SPIEGEL ONLINE: Versuchen Sie mal, uns Noch-Nicht-Infizierten dieses Gefühl zu vermitteln!

Henning: Es ist die Ruhe und die Konzentration der Suche. Ich meine diese besonderen Momente zwischen mir und dem Falter, in denen etwas entsteht, das ich Ewigkeitsgefühl nenne.

Er erzählt im Buch davon: Wie er auf der griechischen Insel Samos Statuen-still auf einer sonnigen Frühlingswiese steht. Sich nicht bewegt oder wenn, dann sehr, sehr langsam. Weil das wunderschöne Insekt, das er sucht, von nervöser Natur ist. Der sich bewegende Schatten des Suchers würde reichen, das Objekt seiner Sehnsucht zu verscheuchen.

Großes Nachtpfauenauge

Großes Nachtpfauenauge

Foto: akg-images/ Gilles Mermet

Henning: Dazu kommt die unglaubliche Metamorphose! Die Verwandlung der Stecknadelkopf-großen Eier in Räupchen, die rasant wachsen, sich viermal häuten und schließlich verpuppen. Ich kenne nichts Vergleichbares!

SPIEGEL ONLINE: Seltsame Wesen!

Henning: Wissen Sie, dass sie sich in einem frühen Puppenstadium regelrecht auflösen? Wenn Sie so eine Puppe aufschneiden, ist da zeitweilig nur eine grüne Flüssigkeit drin! Und dann wird diese Hülle acht Wochen später von innen heraus aufgesprengt und es kommen zwei Fühler und ein fertiges, völlig anderes Wesen heraus und man denkt: Das ist ein Wunder! Und wissen Sie, was das verrückteste daran ist?

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie es mir.

Henning: Dieses irrwitzige Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag! Manche Schmetterlinge leben gerade mal zwei Tage, benötigen aber, bis es soweit ist, manchmal eine Entwicklungszeit von bis zu einem Jahr und länger! So etwa das Kleine Nachtpfauenauge: Nach dem Schlupf entlässt das Weibchen Duftstoffe in die Luft, die die Männchen selbst in 25 Kilometern Entfernung noch wahrnehmen. So finden die Falter zusammen, begatten sich, die Weibchen legen Eier - und fallen tot ins Gras.

Henning erzählt, sein Essen wird kalt. Es ist die Erzählung eines Liebhabers: Viel Sachkenntnis, viel Leben, viel Gefühl. Es prägt auch das Buch. Es erinnert an die Berichte von Entdeckungsreisenden aus dem 19. Jahrhundert. Da gehörte neben dem eigentlichen Sachthema immer auch die Schilderung der Reise, die Geschichte des Landes, Begegnungen mit Menschen dazu.

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Peter Henning

Mein Schmetterlingsjahr: Ein Reisebericht

Verlag: Theiss, Konrad
Seitenzahl: 228
Für 11,36 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

02.06.2023 06.26 Uhr

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SPIEGEL ONLINE: Mit Schmetterlingen verbinden wir alle ja eigentlich nur Positives. Ist das überall so?

Henning: In den meisten Kulturen. Eine Ausnahme ist da wohl der Monarchfalter, der weite Reisen unternimmt. Wenn er am Tag der Toten in riesigen Schwärmen in die mexikanische Sierra einfällt, glauben die Leute dort: Da kommen die Seelen der Toten zurück!

SPIEGEL ONLINE: Sammeln Schmetterlings-Liebhaber noch immer tote Tiere?

Henning: Also, ich hatte natürlich mal eine Sammlung. Aber irgendwann konnte ich das nicht mehr sehen und hab das alles verschenkt. Ich habe dann begonnen, intensiv Raupen zu suchen und selbst Schmetterlinge zu züchten. In der eigenen Wohnung.

SPIEGEL ONLINE: Und was machen Sie mit denen?

Henning: Nun, ich lasse sie frei. Die müssen doch überleben!

Zwei Tage nach dem Interview sehe ich im eigenen Garten den ersten Zitronenfalter. Dass der so plötzlich auftauchen kann, liegt daran, dass er als fertiger Schmetterling überwintert. Er erwacht, wenn es warm genug ist, und beginnt seinen Flug. Hab ich gelesen.

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