Karine Tuils Gesellschaftsroman "Menschliche Dinge" Die, die das Recht beugen wollen

Die Französin Karine Tuil bringt in ihren Romanen die gehobene Pariser Gesellschaft zu Fall. Ihr neuestes Buch, "Menschliche Dinge", enttarnt fatale Lebenslügen in einem Politthriller mit realem Hintergrund.
Autorin Karine Tuil

Autorin Karine Tuil

Foto: Joel Saget / AFP

Der Filmemacher Claude Chabrol hätte zweifellos seine Freude an diesem Roman gehabt. Der 2010 verstorbene Ironiker mit seinen bitter-galligen Arbeiten fühlte dem französischen Bürgertum jahrzehntelang den Puls, mit erschreckenden Diagnosen.

Meist ging es dem Filmemacher um Dinge, die seinen Protagonisten fundamentale soziale Verwerfungen bescherten: dumme Zufälle und winzige, zahnradartige Details, die plötzlich haken und den Dienst im System versagen, worauf die Räderwerke blockieren - und auf Lüge und Verstellung basierende Lebensläufe kollabieren lassen.

Solche Biografien sind es, auf die auch der neue, nunmehr fünfte ins Deutsche übertragene Roman der 1972 in Paris geborenen Schriftstellerin Karine Tuil abzielt. Kleine menschliche Dinge entwickeln dann fatale Wirkungsmacht.

Tuil, die studierte Rechtswissenschaftlerin, umkreist in ihren mitreißenden Gesellschaftspanoramen regelmäßig und ziemlich unerbittlich soziale, politische, juristische und ethische Fragestellungen. Das liest sich dann so, als hätten Yasmina Reza und Jonathan Franzen gemeinsame Sache gemacht.

So erzählte Tuil in ihrem Roman "Die Gierigen" (auf Deutsch 2014 erschienen) die Geschichte eines New Yorker Staranwalts, dessen gesellschaftlicher Aufstieg auf dem Umstand beruht, sich kaltschnäuzig der jüdischen Identität eines Freundes bemächtigt zu haben, um seine arabische Herkunft zu verschleiern. Drei Jahre später folgte "Die Zeit der Ruhelosen", in dem der Suizid seiner Frau die glänzende Fassade eines Topmanagers in Stücke riss – und darüber einmal mehr die kalte Grammatik der Macht samt ihrer Schattenseiten offenbarte.

Tuil, die ähnlich wie Chabrol ein ausgeprägtes Faible fürs Doppelbödige hat, entwirft in all ihren Büchern Figuren, die nicht die sind, die sie nach außen hin zu sein scheinen; brillant und unanfechtbar auftretende Wesen, deren gesellschaftlicher Aufstieg in Wahrheit auf Schwindel, Tricksereien und einem unstillbaren, im Bedarfsfall sämtliche moralische Regeln außer Kraft setzenden Hunger nach Macht und Selbsterhaltung beruht.

Auch die zu Beginn im Zentrum ihres neuen Romans "Menschliche Dinge" stehenden Farels sind aus diesem Holz gemacht: zwei Repräsentanten der gehobenen Pariser Gesellschaft, deren Lügen und privaten Abgründe Tuil mit ihren messerscharfen Sätzen allmählich seziert. Denn Jean, der als TV-Moderator die Grande Nation allabendlich mit pseudoinvestigativen Politikergesprächen beglückt, führt seit Jahren ebenso ein Doppelleben wie seine Frau Claire, die sich als landesweit bekannte Magazinjournalistin feministisch engagiert.

Als sich Kräfte gegen den Mann zu formieren beginnen, die ihn ins gesellschaftliche Abseits zu drängen versuchen, heißt seine Maxime: "Durchhalten – so lautete das Verb, das die ganze Lebenseinstellung von Jean Farel auf den Punkt brachte: bei seiner Frau bleiben, sich die Gesundheit erhalten, lange leben, aus dem Sender so spät wie möglich ausscheiden."

Das einzige, was die Ehe der Farels zusammenhält, ist der gemeinsame Sohn Alexandre, der an einer amerikanischen Eliteuniversität studiert. Auch sein Weg ins Establishment scheint unaufhaltsam vorgezeichnet, bis er sich nach einer Partynacht in Paris mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert sieht und verhaftet wird.

Die Presse treibt die Farels vor sich her: "Es war der schwärzeste Augenblick ihres Lebens, und sie wussten es beide. Tiefer konnten sie nicht mehr fallen, sie waren ganz unten angekommen. Jetzt konnten sie sich nur noch nach oben treiben lassen. Vielleicht blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich dem ewigen Kreislauf aus Untergang, Ertrinken, Reanimation auszuliefern und leblos auf den Wellen dahin zu schaukeln." Hier wandelt sich Tuils tiefenscharfes Doppelporträt zweier vom Ringen um ihr gesellschaftliches Standing Getriebener in einen veritablen Politthriller.

Vorlage der Geschichte war ein Fall im Jahr 2016, in welchem ein Student der Eliteuni Stanford wegen Vergewaltigung angeklagt war. Die Empörung über das milde Urteil - sechs Monate Haft, davon drei ohne Bewährung -, ließ Karine Tuil nicht los, sodass sie sich dazu entschloss, die Geschichte aus ihrer Sicht zu erzählen und in das ihr vertraute Pariser Umfeld zu verlegen.

Das Resultat ist ein packendes Stück Literatur dieser Jahre – verfasst von einer unerschrockenen Exorzistin, die klug genug ist, sich am Ende vor Parteinahme zu hüten; vielmehr illustriert sie am Beispiel der Farels auf beklemmende Weise die Strippenziehereien einer bestimmten Gesellschaftsschicht, die nach wie vor glaubt, das Recht im eigenen Interesse beugen zu können.

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