Messe-Impressionen (IV) Ende mit Schnitzeln

In der Schlussgeraden kehrt die Buchmesse zurück zur Natur: Man isst sich durch die Buffets und grölt in Werner-Manier nach Bier.

Von Daniel-Dylan Böhmer


DPA

Frankfurt am Main - Im Bürgerhaus im Südbahnhof feiert sich der Eichborn-Verlag im gediegenen Charme sozialdemokratischer Stadtteilkultur, was durch das Buffet unterstützt wurde: Schnitzel und Zaubereien der Frankfurter Küche, deren Allzweck-Rezept seit dem Frühmittelalter unangetastet ist - man zertrümmere ein Schwein und werfe die Bruchstücke in kochendes Wasser.

So sorgfältig der Verlag mit der Fliege die Requisiten für sein Proleten-Image drapiert hatte, das edle Publikum kam doch: Das Suhrkamp-Lektorat war mit einfacher Mehrheit vertreten, Literaturagentin Karin Graf bewies, das auch eine Admiralin der Seelenverkäufer-Zunft ausgelassen zu ,Smoky' zappeln kann. Alban Nikolai Herbst und Burkhard Spinnen trugen ihren Streit um den ersten Zug einer Fernschach-Partie quer über die Tanzfläche aus. Sie wetteiferten darin, John Dowlands Madrigal "Now Is the Month of Maying when Merry Lads Are Playing" in Kontratenor-Lage zu interpretieren. Arglistig zögerte Herbsts legendär schöne Gefährtin Kavita Chohan ihren Richterspruch mit vorgetäuschter Harthörigkeit hinaus.

In vollkommener Eintracht und ohne Angst vor dem eigenen Klischee übten Werner-Vater Brösel und ein Rudel seiner Freunde ihre Kehlen mit "Bier her!"-Gebrüll, das sogar die Becks-Stimme Joe Cocker übergrölte. Das Personal spurte geradezu geschmeichelt nach einer Woche feinziselierter Mineralwasser-Bestellungen.

Julia Franck, die sich am Nebentisch einen Stuhl mit ihrem Freund und beider zukünftigem Kind teilte, ertrug das Schauspiel allerdings nur eine halbe Stunde lang und verabschiedete sich danach in ihre frohe Erwartung.

Besseres Essen und gepflegtere Konversation gab es gleichzeitig bei dem Frankfurter Professoren-Ehepaar Reichert, dessen Messe-Fest wie jedes Jahr eine Quintessenz der erhabensten Angereisten und Ansässigen bildete: Walther Boehlich, Silvia Bovensichen und Oskar Pastior haben hier ihre geliebte zwischenzeitliche Heimat. Cees Notebooms Brille ging zu Bruch, Urs Widmer sah zu. Die Verlagsspitzen von dtv und Ammann schwelgten in Erinnerungen an erste Leseerfahrungen. Weiters bewies das Fest, daß Prominente furchtbar angenehm sind, wenn sie unter sich sind.

An üppigen Buffets labten sich die letzten Agenten und Verlags-Funktionäre beim Goldmann- und beim Cannongate Empfang, letzterer füllte die alte Oper mit Motown- und Flower-Power-Klängen. Die, die diese Musik 1970 als Teenager gehört hatten, fanden das abgeschmackt. Die, die sie 1990 als Teenager gehört hatten, fanden es retrocool.

Im Frankfurter Hof stand um 4 Uhr früh ein Mann im weinroten Samtanzug, der nicht Rainald Goetz war. Er stand vor dem Lift und versuchte mit stark russisch gefärbtem Akzent seinen italienischen Agenten und einen weiteren Freund zu bewegen, noch einen Drink auf dem Zimmer zu nehmen. Der Agent, stocksauer, wand ein, "sie" sei doch jetzt sowieso schon wieder weg. Einige Minuten später stiegen die anderen beiden ohne den Italiener in den Aufzug. Messe-Ende ist, wenn man sich alles bis hin zum Spesenkonto teilen muss.



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