"Miami Punk" nach der Katastrophe Counter-Strike gegen Hoffnungslosigkeit

In Juan S. Guses großartigem zweiten Roman "Miami Punk" sitzt eine Gesellschaft plötzlich auf dem Trockenen. Da helfen nur noch Videospiele - und Kuscheln.

Hier ist der Strand noch da: Miami Beach
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Hier ist der Strand noch da: Miami Beach


Mal angenommen, der Atlantische Ozean vor Miamis Küste wäre plötzlich verschwunden und mit ihm die kitschigen Sonnenuntergänge vor türkisblauem Meer. Dann blieben die Touristenströme aus und viele Unternehmen würden abwandern. Mit einem Mal wäre Miami das neue New Orleans, nur umgekehrt.

Mit dieser hypothetischen Annahme beginnt Juan S. Guses neuer Roman "Miami Punk", der seinen Protagonisten eine Wüsten- und Gebirgslandschaft vor die Nase setzt, die bis an die Bahamas reicht und zu chaotischen Zuständen in der Stadt führt. Ein Großteil der Bewohner verliert seine Arbeit, die Kriminalitätsrate ist hoch. Darüber hinaus leiden viele an Depressionen, Schwindel und Orientierungsverlust, wodurch es zu schrecklichen Unfällen kommt.

Während es in Guses 2015 erschienenem Debüt "Lärm und Wälder" noch darum ging, wie sich eine Gated Community vor dem Unheil der Welt abschottet, ist die Katastrophe in seinem zweiten, 640 Seiten starken Roman längst eingetreten. Guses Faible für literarische Milieustudien kommt nicht von ungefähr. Nach einem Studium am Literaturinstitut Hildesheim arbeitet der 30-Jährige heute als Doktorand am Institut für Soziologie in Hannover.

Nun hat der Preisträger des Open Mike und Stipendiat der Villa Aurora einen Roman geschrieben, der ein wenig an David Foster Wallace' "Unendlicher Spaß" erinnert. Wobei Guses Erzählung nicht von der totalen Kommerzialisierung handelt, sondern davon, was passiert, wenn eine kapitalistische Gesellschaft zusammenbricht.

Vorbild Hannover

Die Überlebensstrategien in "Miami Punk" sind vielfältig. Da ist ein Hafenarbeiter, der seinen Job nach Schließung der Docks einfach simuliert. Oder seine Tochter, die als Teil einer Bürgerwehr in knallbunten Ganzkörperanzügen gegen herumstreunende Alligatoren kämpft. Wieder andere verkriechen sich in Bullshitjobs oder pilgern in Hoffnung auf ein besseres Leben in die Wüste.

Und dann gibt es den zivilgesellschaftlichen Kongress, der mithilfe von Verschwörungstheorien nach Lösungen sucht. Er tagt in einem heruntergekommenen Wohnkomplex namens Rowdy Yates, dessen Vorbild ein brutalistischer Bau namens Ihme-Zentrum aus Guses Wohnort Hannover ist. Miami selbst hat der Autor übrigens nie besucht, sämtliches Wissen stammt aus Filmen und dem Internet.

Juan S. Guse
Jörg Steinmetz

Juan S. Guse

Wie im wirklichen Leben fliehen auch die Protagonisten des Romans in die virtuelle Welt der Videospiele. Eine semiprofessionelle Counter-Strike-Delegation reist von Wuppertal nach Miami, um an einem Wettkampf in dem fast schon vergessenen Ego-Shooter-Game teilzunehmen. Davon zeugen seitenlange, sperrige Spielberichte, von denen die eigentliche Handlung unterbrochen wird. Dabei fällt auf: Selbst ein Ego-Shooter wie Counter-Strike wirkt weniger brutal und sinnlos als die fiktive Wirklichkeit.

Videospielen mit Pierre Bourdieu

Gleichzeitig programmiert eine Indie-Game-Entwicklerin ein Rollenspiel, das auf die Biografien seiner Benutzer zugreifen und sich mithilfe von künstlicher Intelligenz fortschreiben soll. Sein bedrückender Titel "Das Elend der Welt" ist Pierre Bourdieus soziologischer Studie über die Pariser Banlieues entlehnt. Außerdem passt er zur Gemütslage der Protagonistin, die von Robotern großgezogen wurde und sich mit Hassnachrichten misogyner Computernerds herumschlägt.

Preisabfragezeitpunkt:
20.05.2019, 12:50 Uhr
Ohne Gewähr

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Juan S. Guse
Miami Punk: Roman

Verlag:
S. FISCHER
Seiten:
640
Preis:
EUR 26,00

Neben einem Ich-Erzähler berichten mehrere personale Erzähler in ihrem jeweils eigenen Sound, der mal nüchtern, mal ironisch ausfällt. Dazwischen stehen Drehbuchpassagen, Tagebucheinträge und Behördendokumente. Wer sich länger mit dem Roman beschäftigt, findet heraus, dass er selbst Spielcharakter besitzt. Im Text sind Links und ein Passwort eingebaut, mit deren Hilfe man auf die Homepage des angeblich wahren Urhebers der Geschichte gelangt. Außerdem postet bei Twitter seit einiger Zeit ein gewisser Karl-Heinz Sommer über Videospiele, der ebenfalls zum Projekt gehört. Ein Gag, der nur noch mal verdeutlicht, wie nah diese Story trotz ihrer fantastischen Elemente an unserer Realität ist.

Im Buch gibt es zahlreiche Anspielungen auf intellektuelle Vorbilder. Fernando Pessoa und José Saramago werden genannt, aber auch Ernst Bloch und "Das Prinzip Hoffnung". Und tatsächlich ist die Geschichte nur vordergründig dystopisch. Trotz des Grauens sind ihre Figuren menschlich geblieben, beschützen und solidarisieren sich.

Und wer weiß, vielleicht steckt in der Katastrophe ja sogar die Chance auf ein neues Gesellschaftsmodell, das aus weniger Leistungsdruck und mehr sozialer Gerechtigkeit besteht. "Miami Punk" ist ein ebenso größenwahnsinniger wie genialer Roman, der die Frage nach dem Zustand unserer Lebens- und Arbeitswelt neu stellt.

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Seite 1
DrStrang3love 12.03.2019
1.
---Zitat--- Im Text sind Links und ein Passwort eingebaut, mit deren Hilfe man auf die Homepage des angeblich wahren Urhebers der Geschichte gelangt. Außerdem postet bei Twitter seit einiger Zeit ein gewisser Karl-Heinz Sommer über Videospiele, der ebenfalls zum Projekt gehört. Ein Gag, der nur noch mal verdeutlicht, wie nah diese Story trotz ihrer fantastischen Elemente an unserer Realität ist. ---Zitatende--- Der "Gag" (und die CounterStrike-Referenzen) macht das ganze zunächst einmal schlicht kurzlebig. Wer weiß schon, ob in fünf, zehn Jahren die Webseite oder die Tweets (oder Twitter an sich) überhaupt noch existieren.
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