SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

04. April 2012, 16:58 Uhr

Historiker Wolffsohn über Grass-Gedicht

"Der Mann ist die Summe seiner Vorurteile"

Verbreitet Günter Grass rechtsextreme Ideen? Eindeutig, sagt Michael Wolffsohn. Mit dem Gedicht "Was gesagt werden muss" stehe er klar in dieser Tradition, stellt der Historiker fest. Er wirft dem Nobelpreisträger vor, keine Ahnung von dem Thema zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie gefällt Ihnen das Gedicht von Günter Grass?

Wolffsohn: In der "National-Zeitung" wäre es gut platziert gewesen - und das meine ich ohne Wenn und Aber. Grass macht in dem Gedicht die Opfer zu Tätern, und auch sonst steht so ziemlich jedes antisemitische Klischee darin, das man aus der rechtsextremen Ecke kennt. Und das obendrein ohne jegliche sprachliche Verfeinerung!

SPIEGEL ONLINE: Die israelische Botschaft hat darauf hingewiesen, dass das Gedicht unmittelbar vor dem Pessach-Fest erschienen ist.

Wolffsohn: Das ist mir auch aufgestoßen - er stellt sich damit in eine üble Tradition. Seit jeher ist die Zeit um Pessach die Zeit der Pogrome, in der Ritualmord-Legenden über Juden verbreitet werden.

SPIEGEL ONLINE: Grass unterstellt Israel, ein "Recht auf den Erstschlag" zu beanspruchen, der "das iranische Volk auslöschen könnte". Sie meinen also tatsächlich, er stellt sich damit in diese antisemitische Tradition?

Wolffsohn: Jedenfalls hätte ich diese Ahnungslosigkeit gegenüber der Tatsache, dass es in dieser Zeit Spannung zwischen den Religionen gibt, von einem ehemals aktiv praktizierenden Katholiken wie Grass nicht erwartet. Ganz abgesehen davon ist das mit dem "Erstschlag" vollkommener Unsinn.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Wolffsohn: Israel hat nie mit einem atomaren Erstschlag gedroht. Die U-Boote, von denen im Gedicht die Rede ist, sind Waffen für den Zweitschlag. Wenn das eigene Territorium durch einen atomaren Angriff verwüstet ist, versetzen U-Boote eine Nation in die Lage, auf den Angriff zu reagieren. Das weiß jeder, der sich schon mal mit Militärstrategie beschäftigt hat. Grass hat ganz offensichtlich keine Ahnung von dem Thema.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin nennt Grass den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad einen "Maulhelden", der sein Volk "unterjocht".

Wolffsohn: Das macht die Sache nicht besser. Mit dem "Maulhelden" verniedlicht er die Nuklearisierung Irans. Die Juden haben aber aus der Geschichte gelernt, dass Drohungen mehr sind als Spinnereien - dank Hitler, für den Grass gekämpft hat.

SPIEGEL ONLINE: Grass ist bei Kriegsende als Teenager zur Waffen-SS eingezogen worden - gegen seinen Willen, wie er in seinem autobiografischen Buch "Beim Häuten der Zwiebel" erklärt hat.

Wolffsohn: Zufällig habe ich gerade das Buch gelesen und war erschüttert darüber, wie er das beschönigt. Als 17-Jähriger hat man sehr wohl ein politisches Bewusstsein. Grass ist einfach nicht zur Selbstkritik fähig. Außerdem schreibt er in seinem "Zwiebel"-Buch selbst, er habe sich freiwillig zur Marine gemeldet und sei mit Panzern auch zufrieden gewesen. Seine Eltern nicht.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie ihm denn, dass er sich mit dem Land Israel "verbunden" fühlt, wie er in seinem Gedicht schreibt?

Wolffsohn: Das habe ich ihm noch nie geglaubt. Er war nie ein Freund des jüdischen Volkes, das ist eine selbstgestrickte Legende. Schon bei seinem allerersten Israel-Besuch anlässlich der ersten deutsch-israelischen Kulturwoche 1971 ist er aufgetreten wie der Elefant im Porzellanladen und hat die israelischen Zuhörer historisch und moralisch belehrt.

SPIEGEL ONLINE: Grass schreibt, er sei zum Schweigen verurteilt, weil ihn sonst der Vorwurf des Antisemitismus träfe.

Wolffsohn: Das ist in Deutschland eine weitverbreitete Position: Laut einer Allensbach-Umfrage sind 52 Prozent der Deutschen der Meinung, dass man mit dem Themenkomplex Israel und Juden zu leicht auf die Nase fallen kann. Ich bin sehr zurückhaltend bei dieser Vokabel - aber das, was Grass geschrieben hat, ist ein in Scheinlyrik gepresstes, antisemitisches Pamphlet. Im Übrigen wird die Möglichkeit eines iranischen Angriffs auf Israel ausführlich in der Öffentlichkeit debattiert. Auch die Frage einer nichtnuklearen Bombardierung Irans durch Israel. Grass lebt in einer Traumwelt, wenn er so tut, als gäbe es da ein Tabu. Ein weiteres Indiz dafür, dass der Mann nur auf seinen Bauchnabel schaut.

SPIEGEL ONLINE: Günter Grass ist 84 Jahre alt - darf man zu seiner Entlastung nicht ein wenig Altersstarrsinn oder -verwirrtheit ins Spiel bringen?

Wolffsohn: Nein. Ich kenne das Gesamtwerk von Grass - er ist sprachlich wirklich gewaltig. Und diese unbestreitbare Sprachgewalt ist bei ihm grundsätzlich von moralischer und gedanklicher Brutalität geprägt. Er erhebt sich zum Richter. Der Mann ist die Summe seiner Vorurteile. Ganz abgesehen davon haben wir großartige Werke von Autoren ähnlichen Alters - denken Sie an das Spätwerk Goethes.

Das Interview führte Christoph Twickel

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung