Michail Chodorkowski über seine Haft "Der Mensch pinkelt Blut"

Einblicke in den Polizeistaat: Russlands berühmtester Exhäftling Michail Chodorkowski seziert in "Meine Mitgefangenen" das System der Straflager - und erzählt vom grausamen Schicksal seiner Zellengenossen.

REUTERS

Von Carmen Eller


In der Nacht weckt ihn ein Röcheln. Der Mann, der mehr als zehn Jahre lang Russlands bekanntester Häftling war, fährt in seiner Zelle hoch, reißt die Toilettentür auf. Dahinter baumelt Insasse Artjom von der Decke. Den Strick hat er aus zerrissenen Bettlaken gedreht. Er überlebt. Als Aufseher später die Striemen an seinem Hals entdecken, muss Artjom in den Karzer. "Die Anstaltsleitung hat für Selbstmörder nicht viel übrig. Sie schaden der Statistik." Diese Worte schreibt Michail Chodorkowski - der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Ölkonzerns Jukos und Putin-Kritiker, der 2005 wegen Steuerhinterziehung und Betrugs verurteilt wurde, vielen aber als politischer Häftling galt - noch hinter Gittern. Auf kleinen Zetteln skizziert er Schicksale von Zellengenossen. Auf Russisch hat sie "The New Times" publiziert, eine Moskauer Zeitschrift. Nun erscheint das in der Haft entstandene Buch: "Meine Mitgefangenen".

Gleich im Vorwort bekennt der Ex-Jukos-Chef: Über sein Leben im Gefängnis zu schreiben, dazu habe er heute "überhaupt keine Lust". Chodorkowski sieht sich nicht als Schriftsteller. Vielmehr versteht er sein Buch als Versuch, Einblick in "eine rückständige Welt" zu gewähren. In den 21 kurzen Kapiteln gibt es kaum ein überflüssiges Wort. Chodorkowski verändert Namen, verzichtet auf Details. Erzählt von Kolja, der sich den Bauch aufschlitzt, weil er fälschlicherweise zugeben soll, einer Rentnerin 2000 Rubel geklaut zu haben; vom aidskranken Oleg, an dessen Beinen sich nässende Wunden bilden. Oder von Valentin, der, "bewaffnet mit einem angespitzten Löffel und Büroklammern", den Fernseher in der Zelle repariert. Chodorkowski verfolgt es aufmerksam, denn: "Nachrichten sind für mich Leben."

Porträtiert wird auch ein Bewacher - Pelsche. Seine Ohren leuchten "wie Bremslichter", und er "schlägt zu wie ein Profi: kaum Spuren, der Mensch jedoch jammert eine Woche lang und pinkelt Blut".

"Mein Überlebensrezept"

"Meine Mitgefangenen" enthält jedoch mehr als Geschichten über Männer im Gefängnis. Jedes Kapitel ist auch ein Kommentar - zum Leben jenseits der Gitter. Die Grenzen zwischen Straffälligen und Staatsdienern verschwimmen. Etwa wenn Chodorkowski vom Häftling Sergej erzählt, der als freier Mann im Auftrag von Milizionären Rauschgift verkaufte. Das Gefängnis bildet hier keine Gegenwelt zur russischen Realität. Es erscheint dem Autor manchmal eher "wie ein ins Groteske gesteigertes Modell unseres normalen Lebens jenseits der Mauern".

Chodorkowski erzählt von Kaltblütigkeit und Korruption, vom russischen "Polizeistaat", in dem der einzelne Mensch nicht mehr sei als "eine Ziffer in der Bilanz". Immer wieder wendet er sich direkt an den Leser, richtet sich an Russen, die in Freiheit leben, gleichwohl aber gefangen sind - in einem "seelenlosen System" mit klaren Spielregeln: "Entweder sich fügen und auch ein Stück vom Kuchen abbekommen und sich dabei wie der letzte Dreck fühlen. Oder kämpfen, wohl wissend, dass man von Kopf bis Fuß mit Dreck überzogen werden wird."

In einem seiner Briefe aus dem Gefängnis an die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja erklärte Chodorkowski am 15. Oktober 2008: "Mein Überlebensrezept lautet verstehen und verzeihen lernen." Eine Ahnung davon vermittelt die Begegnung mit Alexander, genannt Sascha. Der junge Häftling leugnet den Holocaust, auf seiner Haut prangt ein Hakenkreuz. "Noch nie habe ich begreifen können", so Chodorkowski, "wie in einem Land, das so viele Menschenleben im Kampf gegen den Nationalsozialismus geopfert hat, Nazismus entstehen konnte." Also fragt er nach. Erzählt dem Nazi von ehemaligen KZ-Insassen, die er persönlich kennt. Und schreibt die erstaunlichen Sätze: "Sascha schweigt. Er tut sich schwer. Ich kann ihn verstehen."

In seinem Buch enthüllt Chodorkowski keine neuen Details über sein eigenes Leben hinter Gittern. Seziert aber in Gefängnisgeschichten eine ganze Gesellschaft. Hätte ein unbekannter Häftling dieses Werk verfasst, es wäre nicht weniger lesenswert. Denn es wirft Fragen auf, die weit über Russland hinausreichen: "Wie definieren wir, was gut ist, und wofür schämen wir uns ein Leben lang? Wann siegt das Gewissen über die Angst und wann die Angst über das Gewissen?"



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
acatwb 18.06.2014
1. Menschenwürde - auch hinter Gittern
Ob das jedem so bewußt ist: in vielen Staaten dieser Erde wird die Menschenwürde hinter Gittern mit Füßen getreten. Offensichtlich kümmert das nur wenige. Es gibt zwar Empfehlungen der UNO, wie auch in Gefängnissen darauf zu achten ist, dass die Menschenwürde gewahrt wird. Aber diese Empfehlungen sind nicht verbindlich. Trotz intensiver Bemühungen versch. NGOs konnten verbindliche Standards für Gefängnisse noch nicht erreicht werden. Es wäre an der Zeit daran zu arbeiten.
vitalik 18.06.2014
2. Standards
Zitat von acatwbOb das jedem so bewußt ist: in vielen Staaten dieser Erde wird die Menschenwürde hinter Gittern mit Füßen getreten. Offensichtlich kümmert das nur wenige. Es gibt zwar Empfehlungen der UNO, wie auch in Gefängnissen darauf zu achten ist, dass die Menschenwürde gewahrt wird. Aber diese Empfehlungen sind nicht verbindlich. Trotz intensiver Bemühungen versch. NGOs konnten verbindliche Standards für Gefängnisse noch nicht erreicht werden. Es wäre an der Zeit daran zu arbeiten.
Wer soll diese Standards kontrollieren? Es bringt ja nichts, wenn man sich auf gemeinsame Verhaltensregeln festlegt, aber im Hintergrund alles genauso weiter geht. Und was macht man, wenn man bei einem Gefängnis eine unmenschliches Verhalten nachweisen kann? Ich glaube kaum, dass man ein Gefängnis in russland schliessen kann, denn es gibt wahrscheinlich keine weiteren. Wenn man sich noch die Dokus zu den Zuständen in den Gefängnissen ansieht, wo in einer Zelle dutzende Menschen hausen, kaum Licht, schlechte Luft, schlechtes Essen und kaum Hygiene, dann liegt es ja am System. Gefängnisse kosten viel Geld und gute Gefängnisse noch mehr. Eine Kostenaufstellung pro Häftling in Russland, Deutschland und den USA wäre mal interessant.
augu1941 18.06.2014
3.
Zitat von sysopREUTERSEinblicke in den Polizeistaat: Russlands berühmtester Ex-Häftling Michail Chodorkowski seziert in "Meine Mitgefangenen" das System der Straflager - und erzählt vom grausamen Schicksal seiner Zellengenossen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/michail-chodorkowski-meine-mitgefangenen-ueber-straflager-in-russland-a-975736.html
Respekt vor der Willensstärke und Selbstdiziplin diese Mannes. Anders hätte er die 10 Jahre unmenschliche Haft nicht überstanden ohne kaputt zu gehen, kaputt an Würde und Selbstachtung. Diese totale Missachtung der Würde eines Einzelnen ist sowjetisches und zaristisches Erbe und bis zu seiner Überwindung werden wohl noch Jahrzehnte vergehen.
thomas_gr 18.06.2014
4.
Es mag Mißstände geben, aber die will ich aus vertrauenswürdiger Quelle. Chodorkowski verfolgt "seine" eigene Agenda und da bin ich mißtrauisch
fragel 18.06.2014
5. Das passt ja
Ich vermisse den Bericht von den Folterungen durch die Vernehmer. Aber nicht nur in russischen Gefängnissen , sondern auch in den amerikanischen Militärgefängnissen. Da vor allem auch die Begründung, warum die Gefangenen auf Cuba gefoltert werden.
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