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Einziger Auftritt in Deutschland Auf eine Zigarette mit Michel Houellebecq

Islam, Rechtsextreme, die Krise Frankreichs: Bei seinem ersten großen öffentlichen Auftritt nach den Terroranschlägen in Paris ist Michel Houellebecq als Weltendeuter gefragt - doch er zündet sich lieber eine an.

Wenn es Parallelgesellschaften ganz offensichtlich irgendwo gibt, dann in Köln-Mülheim. Nur gut hundert Meter entfernt von der Keupstraße mit ihren Dönerläden und türkischen Fachgeschäften, 2004 Schauplatz eines verheerenden NSU-Attentats, liegt in einem ehemaligen Industrieareal die Ausweichspielstätte des Kölner Schauspielhauses.

Hinter den rund um das Areal wie Mauern aufgestellten Schiffscontainern scheint sich das Kulturbürgertum regelrecht verschanzt zu haben. In breitflächig aufgestellten Kisten sorgen selbst im Januar Küchenkräuter und Radieschen für ein wenig neu-biedermeierliche Behaglichkeit. An der Theke wird, dazu passend, Tannenzäpfle-Bier gereicht. Fast nichts lässt in all dieser betonten Harmlosigkeit darauf schließen, dass hier am Montagabend der Schriftsteller seinen Auftritt hat, über den derzeit diskutiert wird, wie über keinen anderen: Michel Houellebecq, Inbegriff des unbotmäßigen, provokant auftretenden französischen Intellektuellen.

Hinge nicht an einem der Schiffscontainer ein aus irgendeiner Theaterrequisite übrig gebliebenes Schild mit dem Spruch "Bück dich". Der würde sich auch als Kurzfassung von Houellebecqs neuem Roman "Unterwerfung" eignen - in sexueller wie in politischer Hinsicht. Geht es bei Houellebecq doch auch um Sex und um Politik, um einen 2022 neu gewählten muslimischen Präsidenten Frankreichs und um einen muslimischen Gelehrten, der den "Shades of Grey"-Vorläufer "Die Geschichte der O." ebenso begeistert liest wie den Koran.

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Houellebecq in Köln: Islamophob oder nicht?

Foto: WOLFGANG RATTAY/ REUTERS

Nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" ist die Lesung in Köln, veranstaltet von der Lit.Cologne, Houellebecqs erster großer Auftritt in der Öffentlichkeit. Der Auflauf der Medien ist gewaltig, im ausverkauften Saal selbst ist davon die Rede, unter den 600 Zuschauern seien - neben etlichen Größen des Literaturbetriebs, so Alfred Neven DuMont oder Helge Malchow, Chef von Kiepenheuer & Witsch - 100 Journalisten und Fernsehleute.

Das mag übertrieben sein. Sicher ist dagegen, dass unter den Zuschauern überhaupt gar keine muslimischen Demonstranten oder Fundamentalisten sind, die es darauf abgesehen hätten, gegen Houellebecqs mitunter verächtliche Äußerungen über den Islam zu protestieren. In Frankreich hatte Houellebecq alle Lesungen abgesagt, wohl auch um sich zu schützen. In Köln ist nicht einmal ein größeres Polizeiaufgebot zu sehen - die von einigen Besuchern befürchtete Konfrontation zwischen Islamfeinden und Islamisten findet nicht statt.

"Ich hätte fast gewollt, dass mein Buch islamophob ist"

Drinnen auf der Bühne wirkt Houellebecq, wie fast immer bei öffentlichen Auftritten gekleidet in die Houellebecq-Uniform aus Parka, Gesundheitsschuhen und Schlabberhose (dazu trägt er diesmal eine Art Jeanshemd), wie seine eigene Karikatur: ein heruntergekommener Weiser aus dem Abendland, der auf dem Titelblatt des letzten "Charlie Hebdo" vor dem Terrorangriff zu sehen war.

Zu Beginn verliest er eine kurze Erklärung: Sein Roman sei nicht islamophob. Selbstverständlich aber habe man das Recht, ein islamophobes Buch zu schreiben. Nuschelnd, verschnupft, leise sprechend, schiebt er etwas nach, das sich anhört wie: "Ich hätte fast gewollt, dass mein Buch islamophob ist." Eine klassische Houellebecq-Provokation, das für ihn typische Spiel mit dem politisch Nicht-Schicklichen.

Daraus hätte sich eine interessante Diskussion entwickeln können. Doch der Moderator, Nils Minkmar vom Feuilleton der "FAZ", geht nicht darauf ein. Und als er Houellebecq dann ausgiebig zur politischen Lage in Frankreich befragt, zeigt sich, dass der Schriftsteller, anders als es die so hellsichtig wirkende Konstruktion seines neuen Romans nahelegt, nicht unbedingt zum Weltendeuter taugt.

"Gute Frage. Ich würde gern eine Zigarette rauchen"

Houellebecq ist schwer greifbar, gefällt sich in der Kunst des Halb-, Beinahe- oder Gar-nicht-Antwortens, beschwört die Krise Frankreichs, ohne sie recht zu erklären. Als Minkmar wissen möchte, was den rechtsextremen Front National für viele Franzosen so attraktiv mache, antwortet Houellebecq nach gewissem Schweigen: "Gute Frage. Ich würde gern eine Zigarette rauchen."

Das den restlichen Abend über so zurückhaltende Publikum applaudiert fast schon begeistert. Spätestens jetzt ist die Gesprächsrunde nahe an der Parodie der beliebten "Zeit"-Interviewreihe mit Helmut Schmidt und Giovanni di Lorenzo: Auf eine Zigarette mit Michel Houellebecq.

Es wäre falsch, den Schriftsteller dafür zu kritisieren. Houellebecqs Kunst ist das Uneindeutige, Anspielungsreiche, mitunter bösartig ironisch Codierte, der kalkulierte Verstoß gegen die Sprachregelungen des linken Kulturbetriebs - dem kommt man eher auf die Spur, wenn man seine Romane liest, als wenn man so vorsichtig und wohlwollend mit ihm diskutiert, wie es an diesem Abend in Köln der Fall ist.

Wohl aus Sicherheitsgründen gibt Houellebecq nach der gut 90-minütigen Diskussion und Lesung keine Autogramme. Zwei schwarz gekleidete junge Damen geleiten ihn schnell von der Bühne. Da scheint ihm ein Lächeln übers Gesicht zu huschen. Weibliches Securitypersonal, anscheinend bewaffnet - eine Szene, inszeniert wie in einem seiner Bücher.