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17. Oktober 2018, 11:23 Uhr

Nach Bestseller-Erfolg "Altes Land"

Dörte Hansen sucht Neuland

Von Stephan Lohr

Mehr als eine halbe Million Bücher wurden von Dörte Hansens "Altes Land" verkauft. Nun ist der Nachfolgeroman da: Auch "Mittagsstunde" führt in die norddeutsche Tiefebene. Kann er an den Erfolg anknüpfen?

Die norddeutsche Tiefebene zwischen Hamburg und Küste hat eine literarische Stimme, die die Leserinnen und Leser zu Hunderttausenden begeistert. Dörte Hansens Debüt "Altes Land" wurde 2015 zum überraschenden Bestseller.

Diese genau beobachtete Milieustudie in der Hamburger Mütter-Schickeria, verwoben mit der Geschichte eines alten Hauses und seiner Bewohnerinnen im Alten Land, fesselte die Menschen durch feine Ironie und klare, gut lesbare Sprache. Hansens neuer Roman "Mittagsstunde" wird den Erfolg des ersten - bisher mehr als eine halbe Million verkaufter Exemplare - toppen.

"Mittagsstunde" konzentriert sich auf ein fiktives Geestdorf: Brinkebüll muss man sich nahe Husum vorstellen; eine Gegend, die die Autorin kennt, weil sie hier aufgewachsen ist. Wohl auch deswegen klingt der neue Roman noch norddeutscher, zumal viele Dialoge auf platt geführt werden.

Dabei entpuppt sich die Geschichte, die als Heimatroman daherzukommen scheint, als ein Geschehen, das auch in anderen ländlichen Gegenden Deutschlands, Frankreichs, Italiens oder der Schweiz so oder ähnlich erzählt werden könnte. Kein Heimatroman also, sondern ein europäisches Narrativ, wunderbar beschrieben aus der Sichtweise der von der Landschaft geprägten Menschen.

Jedem ruft Marret es hinterher: "De Welt geiht ünner", die 17-jährige, ein bisschen abgedrehte und leicht verrückte Tochter des Gastwirts und Kleinbauern Sönke Feddersen. Marret aber wird von einem der drei Ingenieure, die da die Flurbereinigung planen und aus kleinen Äckern große Flächen und aus Sandwegen Asphaltstraßen werden lassen, geschwängert.

"Die alte bäuerliche Welt, die da verschwindet, ist niemals heil oder idyllisch gewesen", betont Dörte Hansen, "aber da geht ein Zeitalter zu Ende." Diesem Strukturwandel ländlicher Gegenden spürt die Autorin akribisch, liebevoll, ohne Pathos und mit Humor nach, weil sie eben jene Menschen zu Wort kommen lässt, die sturmerprobt über Generationen die Traditionen weitergelebt haben und deren Welt nun tatsächlich zerfällt: "Das Dorf ist der Mikrokosmos, den ich unter meine Lupe nehme."

Altertumsforscher als Fortschrittsrepräsentant

Marrets Sohn Ingwer wird der Protagonist dieses Romans. Er erlebt die Erosion der kleinbäuerlichen Kultur zugunsten der großflächigen Agrarindustrie aus der Perspektive des Dr. Feddersen, der dem engen Milieu Brinkebülls entrinnen konnte und nun als Dozent für Archäologie an der Uni im 100 km entfernten Kiel arbeitet.

So wird ausgerechnet der Altertumsforscher zum Repräsentanten des Fortschritts. Zugleich bleibt Ingwer seiner Herkunft treu. Großgezogen von den Großeltern, hat er die Brinkebüller Schule bei Lehrer Steensen, der neun Jahrgänge in einer Klasse in Heimatkunde und auf Hochdeutsch unterrichtet, besucht. Zuhause verrichtet er Arbeiten im Stall, auf dem Feld und vor allem in der Gastwirtschaft mit ihren wochenendlichen Festivitäten: Hochzeiten, Geburtstage, Leichenschmaus.

Doch Ingwer kann von Brinkebüll nicht lassen, kommt freitags von Kiel nach Hause, hilft den Großeltern, nimmt schließlich ein Sabbatical, um seine Alten zu pflegen. Zu den bewegendsten Szenen des Romans gehören die Beschreibungen der Demenz von Oma Feddersen, die Ingwer nach wie vor "Mudder" nennt. Sie belegen die Meisterschaft Hansens. Weil sie so genau wie humorvoll auch den Peinlichkeiten des hohen Alters Raum gibt.

Waren im "Alten Land" Hamburger Stadtteile wie Eppendorf oder Ottensen das spöttisch beobachtete Milieu der Gegenwart, beschränkt sich Dörte Hansen in "Mittagsstunde" auf Kiel als Szene zeitgenössischer Lebensweise. Eine für Ingwer in seiner Kindheit unvorstellbaren: Lebt er hier doch seit 25 Jahren in einer WG. Mit der Architektin Ragnhild, der "schluffigen" Diplomatentochter, die Visitenkarten aus Beton an ihre Bauherrn verteilt, verbindet ihn eine unklare Beziehung, die er mit dem Lebenskünstler Claudius - "Poseidon in der Helly-Hansen-Jacke" - teilt.

Ein kleines bisschen also erinnert die Struktur in "Mittagsstunde" an Hansens Debüt "Altes Land". Mehr nicht. Dörte Hansens neuer Roman ist ein literarisches Ereignis, ihre Leserinnen und Leser werden zu Recht begeistert sein. Und auf den dritten Roman warten, in dem die so oft wolkenverhangene norddeutsche Tiefebene wieder zur Kulisse für großen Lesegenuss gerät.

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