Mitternachtsmesse (4) Angriff der Killerameisen

Panik auf der Buchmesse - Publikum kommt. Die Stimmung auf den Parties verdüstert sich. Die letzten Verlage werden verscheuert. Nur die Gefräßigsten überleben.


Von Daniel-Dylan Böhmer

Das vorzeitige Ende der Buchmesse nimmt so berechenbar den immer selben Verlauf, daß er wie ein Naturschauspiel anmutet. Zum Beispiel wie die Eroberung eines Ameisenbaus durch Raubameisen: Noch in der Freitagnacht ist die Messe ein Real-Time-Forum des geistigen Fortschritts (oder Schwachsinns). Doch genau in dem Moment am Morgen des Samstags, des ersten Publikumstages, wo der erste offzielle Nicht-Fachbesucher das Messegelände betritt, verbreitet sich der Alarm unter den emsigen Arbeiterinnen in den Gängen des Baus und Absetzbewegungen beginnen. Natürlich werden zunächst die Königinnen in Sicherheit gebracht: Die Verlagsleiter fliehen in die Besprechungszimmer der Hotels und die Professorenvillen der Stadt, dann weiter nach Hamburg, Berlin, Wien und Köln. Eilig tragen Soldatinnen die Puppen fort, die Pressedamen begleiten die Autoren der Schwerpunkttitel zum Flughafen. Die wichtigeren Lektoren stürzen noch einen Gin-Tonic runter und setzen sich dann in den Zug. Das große Gemetzel überläßt man dem Fußvolk. Eigentlich ist der großartige Bau dann nur noch eine tote Hülle, durchwuselt von Eindringlingen mit riesigen Rucksäcken und den immergleichen Autogrammwünschen.

Anders gesagt: Am Samstagabend ist das Schiff geentert und sinkt zugleich, nur der Bug ragt noch aus den Fluten. Und die Kapelle, die genau dann anfängt zu spielen, wird für gewöhnlich vom Verlag Kiepenheuer & Witsch bezahlt. Das ,Home of Pop' unter den herstellenden Buchhändlern Deutschlands feiert üblicherweise Samstags in einer Frankfurter Discothek. Bisweilen legen Autoren auf. Die einzigen parallelen Parties von Bedeutung sind (neben der von Eichborn) jene des britischen Cannongate-Verlags und der amerikanischen Underground-Institution Grove Press. Bei Grove legte letztes Jahr noch der Verleger Jamie Bing selbst auf, funky stuff, gut getimt und mit der perfekten Dosis Anzüglichkeit, die lettische Rechtehändlerinnen in Fahrt bringt. Das war letztes Jahr und die Disco war etwas cooler als die von KiWi. Und was passiert, wenn die coolsten sich zusammentun? Es wird ein etwas unterkühlter Abend. KiWi, Cannongate und Grove mieteten gemeinsam die U-Bar 60311, einen ehemaligen U-Bahn-Tunnel, in dem am Messe-Mittwoch Suhrkamp-Autoren rocken und während des restlichen Jahres 17- bis 25-jährige House-Fans über der Kloschüssel hängen. Die Musik von Jamie Bing wirkte seltsam digitalisiert und die Lektoren der Dreikaiserschlacht hatten sich wenig zuzubrüllen. Nur Feridun Zaimoglu war mal wieder da, und auch er langweilte sich sichtlich. Fazit: Wenn drei groovige Labels sich zusammentun, dann schmieren sie gnadenlos gegen Suhrkamp ab. Die Strafe: Auch die Party wurde ab 0.30 Uhr von Raubameisen überrannt.

Die Königinnen, in diesem Fall zum Beispiel die Grove-Chefs und ein guter Teil des KiWi-Lektorats, saßen derweil schon im Frankfurter Hof, weil sie ihre eigene Party offenbar auch nicht spannender fanden als Feridun. In der Bar war die Stimmung zwar noch öder, aber immerhin sind die Drinks hier wesentlich teurer. Und in sachlicher Athmosphäre ließen sich endlich ein paar Nachrichten der Art in Erfahrung bringen, wie sie seit Messebeginn gefehlt hatten: der erfolgreiche Verlag Eichborn schluckt den kleinen Literaturverlag Pendo. Der erfolgreiche Verlag Klett-Cotta schluckt die feinen Österreichischen Staatsverlage, unter anderem den Residenz-Verlag. Und für die Deutsche Verlagsanstalt bahnt sich eine solidarische Gemeinschaftslösung verantwortungsvoller (und erfolgreicher) Verleger an. Guten Appetit.



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