Model-Roman "Closeup" Schön gierig und kaputt

Models hungern nach Erfolg und Geld, die bürgerliche Schickeria feiert sie als Ikonen ihres Lifestyles. In seinem Roman "Closeup" zeichnet der Journalist Jochen Siemens ein bissiges Porträt der Schönen und Reichen.

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Wieso eigentlich gibt es im Fernsehen keine Soap über Models? Sondern nur Heidi Klums Castingshow "Germany’s Next Topmodel"? Und warum finden sich in Buchhandlungen unter dem Schild "Freche Frauen" regalweise Unterhaltungsromane über Frauen, die eben gerade nicht aussehen wie Topmodels? Vermutlich, weil Models zu schön, zu perfekt, zu ideal sind, um als Identifikationsfigur zu taugen. Neid ist kein Antrieb, um den Fernseher einzuschalten oder Bücher zu kaufen.

Autor Siemens: Experte für Models und Stars
Pendragon Verlag

Autor Siemens: Experte für Models und Stars

Wie wenig Grund zum Neid es tatsächlich gibt, darüber hat der Stern-Autor Jochen Siemens jetzt einen Roman geschrieben. In "Closeup" erzählt er die Geschichte des deutschen Models Julia, das für Werbung und redaktionelle Strecken gut gebucht ist, bei den Schauen in Paris läuft, aber es noch nicht in die Liga der Topmodels geschafft hat.

Ihre Mutter hatte sie zu Modelwettbewerben gedrängt, wo sie dann auch entdeckt wurde. Und wie alle aus dem Milieu zieht Julia Energie und Betäubung aus Kokain und Wodka, aus Bewunderung, aus Sex.

Der Anwalt Nicolas sieht in Julia aber mehr als nur die schöne Frau, als er sie zufällig auf einer Party trifft. Vielleicht liegt es daran, dass er gerade erst mit einer Online-Rechtsberatung gescheitert ist und nun, pleite und perspektivlos, auch noch einen Schlussstrich unter seine Ehe mit Carolin gezogen hat, einer Tochter aus besserem Haus, deren Erwartungen er nicht erfüllt. Nicolas lässt sich in seine Phantasien von der großen Liebe zu Julia fallen, macht sie ausfindig, reist ihr nach Paris nach und schafft es, ihr bester Freund und Helfer zu werden. Dass er für sie erst lästig, dann nur nützlich ist, gesteht er sich nicht ein. Er begleitet Julia zu den Modeschauen und wird mitgerissen von der narzisstischen Dauerparty, in der nichts Bedeutung hat außer Drogen und Geld.

Julia sieht ihre große Chance kommen, als ein dubioser Scout ihr anbietet, eine kleine Rolle in einem Hollywoodfilm zu übernehmen. Gemeinsam mit Nicolas fliegt sie nach Los Angeles, um dort zum Star zu werden. Doch das Angebot war nie ernst gemeint, denn der amerikanische Produzent braucht sie lediglich, um deutsche Investoren für sein Filmprojekt "Cäsar" zu gewinnen.

In seinen Reportagen und Porträts hat sich der Hamburger Journalist Siemens mit Models und Hollywoodstars beschäftigt; er weiß, wie bitter das Geschäft ist und aus wie vielen am Ende höchstens ein Starlet wird. Insofern könnte man "Closeup" auch als Aufklärungsliteratur über Heroin- und Magermodels lesen, als Sachbuch über Filmfinanzierungen oder aber als Ratgeber (abends vor dem Hand-Fotoshooting die Hände mit Vaseline einreiben und dann mit Baumwollhandschuhen schlafen).

Die Psychologie der Figuren bleibt ein wenig hinter der Story und der effekthungrigen Beschreibung der Glamourgesellschaft zurück. Aber in seinen Skizzen der Hamburger Schickeria, die sich beim Italiener trifft und dort Pizza mit Kaviar isst, überzeugt Siemens mit Bissigkeit. Er porträtiert eine egomane, eitle Erben-Gesellschaft, in der die Menschen sich untereinander "connecten" und die Frauen zwar studiert haben, aber niemals beabsichtigen, in ihrem Beruf auch tatsächlich zu arbeiten. Sie müssen sich um die noch zu gründende Familie und die Einrichtung der weitläufigen Altbauwohnung mit den üblichen Designklassikern kümmern ("Robert hat endlich eingesehen, dass er uns die Sessel von Barcelona Chair Knoll kaufen sollte").

Der Klappentext weist darauf hin, dass Siemens schon deshalb Experte für Models und Stars sei, weil er Claudia Schiffer kenne und beschrieben habe, seit sie ihre Karriere begann. In dem Roman selbst kommt sie nicht vor, das heißt, sie wird ihm wegen der unvorteilhaften Darstellung der Modewelt kaum böse sein.

In Hamburg sieht die Sache anders aus. Dass Siemens nach der Veröffentlichung von "Closeup" noch viele Freunde im Schnöselviertel Pöseldorf hat, muss man schwer bezweifeln.


Jochen Siemens: "Closeup", Pendragon Verlag, Bielefeld; 320 Seiten; 19,90 Euro



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