Neuer Roman von Martin Mosebach Klischees in erlauchtem Duktus

Martin Mosebach, Haus- und Hofkatholik der deutschen Literatur, schickt einen Banker in das magische Mogador und entwirft einen aufgeblähten Pseudo-Interkulturalität-Verständnis-Roman.

Martin Mosebach
Susanne Schleyer

Martin Mosebach


Alles beginnt in einem Dampfbad: Nebel verschränkt die Sicht, die Menschen verlieren ihre Konturen, die Körper werden leicht und durchlässig. Für den Ich-Erzähler in Martin Mosebachs neuem Roman "Mogador" ist dies der Ort der Verwandlung. Reinigend soll aus einem alten ein neues Ich hervorgehen. Und wo sollte solch ein Wunder eher zu finden sein, als in einer orientalisch anmutenden Hammam-Welt? Reichlich klischiert, es fehlen in diesem Buch tatsächlich nur noch Scheherazade, Ali Baba und Aladin mit der Wunderlampe, um sämtliche Mythen des Morgenlandes zu bedienen.

Die Magie der titelgebenden, marokkanischen Stadt zieht einen dekadenten Investmentbanker in ihren Bann. Nachdem Patrick Elff, ein "sportliche[r], moderne[r], mit nicht zu viel Virilität ausgestattete[r] Männertypus", aufgrund einer Veruntreuung in seiner Abteilung die Flucht gen Süden antritt, sollen ihm Geister und Wahrsagerei aus seiner Lebenskrise befreien. Erwartet wird der Holzschnittbursche der Finanzindustrie und "moralische Bankrotteur" von skurrilen Therapeuten, etwa einem Guru, dem dritte Zähne gewachsen sind, oder der mirakulöse Khadija. Neben Brotberufen wie Kupplerin und Geldverleiherin ist die von einem Dämon Besessene noch Kartenlegerin. Mehr noch: Sie ist der einzige Glutkern in einer ansonsten blutleeren Geschichte.

Der Schleier des perdue

Man tritt in diesem Roman auf der Stelle, umkreist das Immergleiche. Die alte Story um Identitätsverlust und geradezu klassisch-antike Selbstfindung dümpelt in der Ferne vor sich hin. Bis in kleinste Details verliert sich dieser aufgeblähte Pseudo-Interkulturalität-Verständnis-Roman. So ergeht er sich etwa in ausschweifenden Schilderungen der Stadtbettler. Generöse, vom Leben gezeichnete und groteske Abbilder ihrer selbst finden sich unter diesen geheimen Wächtern der Gasse.

Es menschelt gewaltig bei Mosebach, dem Haus- und Hofkatholiken der deutschsprachigen Literatur, der sich in seinem Text stets bemüht, das Lamento auf den Glanz der vergangenen Zeit anzustimmen. Erkenntnisse, dass wir uns in einem Zeitalter befinden, wo das Papier seine Bedeutung und Banker ihre Ehrlichkeit verloren hätten und das Mogador der Zwanzigerjahre ohnehin wie verschüttet erschiene, legen über den Roman den Schleier des perdue - so würde es der Autor wohl auch in seinem erlauchten Duktus ausdrücken.

Wie aus der Zeit gefallen, stimmt der kulturkritische poeta laureatus einen geschwollenen Manierismus an. Da liest man Sätze, nein (wohlgemerkt ironiefreie!) Ergüsse wie "Sein Schweiß war offenbar günstig komponiert", oder man fühlt sich "als Teil eines gesellschaftlichen Organismus", kann "die Stadt als Symphonie erleben, als Zusammenklang vieler Melodien über einem Basso ostinato". An diesem Ort wird alles auf fein getrimmt, selbst Haarspitzen sind mit der "Schnittstelle einer Glasfiber vergleichbar, in einem winzigen Mondlichtpünktchen". Wie herzallerliebst!

Jenseits dieser Verrenkungen, Überspitzungen und Entgleisungen gibt die Form dieser Prosa kaum Nennenswertes her. Durch und durch ist der Plot, der als Idee den gleitenden Übergang von der Realität in einen spirituellen Raum verfolgt, altherrenhaft erzählt. Wir zirkulieren um Figuren und deren geistige Erweckungen, bis sich am Ende doch alles viel zu rasch wieder auflöst. Nachdem Patrick ohne wirklich ersichtlichen Grund geläutert wurde, kehrt er in die Börsenmetropole zurück, wo ihn seine Frau sehnsüchtig empfängt.

Mag das Ende allzu überstürzt und geradezu bedeutungslos sein - was bleibt, sind die durchaus typischen Konstanten der Werke des Büchnerpreisträgers: Falsche Geschäftsleute, der Reiz an fernen Ländern, Kulturpessimismus in Reinform, der Versuch, ein bisschen wie Thomas Mann schreiben zu wollen. Und nicht zuletzt biederer Sprachschmuck, der beim genauen Hinsehen lediglich eine falsche Patina preisgibt.

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insgesamt 8 Beiträge
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mam71 22.08.2016
1.
So, so, "erlauchter Duktus" und dann auch noch ein katholischer Autor, nein, das geht natürlich gar nicht, der selbsternannte deutsche Intellektuelle liest nämlich nur, was seinem Weltbild entspricht und entspringt und nennt das dann _kritisch_. Dann weiterhin viel Vergnügen mit spätpubertärer prekärberliner Gossengeschreibsel...
hwdtrier 22.08.2016
2. Nach dieser Rezension
die ich nicht anders erwartet habe; ein sicher lesenswerte Buch
mikefromffm 22.08.2016
3. Dem selbsternannten ....
.... Kommentarschreiber #1 ist wohl entgangen, dass der Autor des Artikels das Buch gelesen hat. Was seinen Kommentar .... sinnlos oder gar überflüssig macht? Da retten auch die abschließenden Beleidigungen den Kommentar nicht mehr.
volker_morales 22.08.2016
4. Herr Hayer
kann Herrn Mosebach nicht ausstehen, weil er katholisch ist und versucht, wie Thomas Mann zu schreiben? Schön wäre es gewesen, das Buch erst einmal inhaltlich vorzustellen, bevor es dann bewertet wird. Da es aber ohnehin offenbar nur darum geht, einen Veriss zu platzieren, kann man eine etwas sorgfältigere Würdigung des Titels wohl nicht erwarten.
theon greyjoy 22.08.2016
5. Man weiß ja
Dass genau solche Rezensionen immer ein lesenswertes Buch oder sehenswerten Film versprechen. Und wenn ich mir dann ansehe was hier so gehypet und schön geschrieben wird (Extremfall: Ghostbusters) kann ich mich auf dieses "Gesetz" verlassen. Oft geht es in solchen Rezensionen eher um ideologische Weltbilder, jemand der Banker negativ dastehen lässt kommt hier grundsätzlich schonmal eher schlecht weg. Sowas mögen die neuen (Pseudo-)Intellektuellen der Berliner Schule nicht.
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