Martin Suter über Schweizer Banken Das Finanzsystem ins Wanken bringen

Verschwörungstheoretiker werden an Martin Suters "Montecristo" ihre Freude haben: Ein Journalist deckt einen Bankenskandal auf - und gerät selbst ins Visier mächtiger Hintermänner.
Bank in Zürich: Wie hängt das alles zusammen?

Bank in Zürich: Wie hängt das alles zusammen?

Foto: epa Keystone Della Bella/ picture-alliance/ dpa

Die Welt der Finanzen und der Politik ist eine große Verschwörung. Alles hängt mit allem zusammen, Betrügereien und Skandale werden vertuscht und gedeckt, jeder spielt seine Rolle in diesem geschlossenen System, sei es als kleines oder großes Zahnrad. Wer anfängt, in diesem System herumzustochern oder gar Enthüllungen wagt, wird um die Ecke gebracht.

Das ist die Quintessenz von Martin Suters Roman "Montecristo". Anhänger von Verschwörungstheorien werden an diesem Buch ihre Freude haben. Aber auch als unvoreingenommener Leser fühlt man sich zunächst recht gut aufgehoben in dem neuen Thriller des Unterhaltungs-Routiniers.

Dieses Mal also kein neuer Krimi aus Martin Suters "Allmen"-Reihe, in der ein kultivierter, etwas lahmer Feingeist ermittelt. Während sich der Dandy-Detektiv Allmen ungern die Hände schmutzig macht, ist die Hauptfigur von "Montecristo" ein durchaus zupackender Held. Jonas Brand, Ende 30, arbeitet als freier Videojournalist in Zürich, vor allem für ein Lifestyle-Magazin.

Mord oder Selbstmord?

Die Berichte über Partys, Prominenz und Charity-Events befriedigen seine journalistische Neugier jedoch nur bedingt. Nebenher träumt er von einem Filmprojekt, das das Zeug zu einem Blockbuster haben könnte: "Montecristo", eine moderne Version des Klassikers "Der Graf von Monte Christo". Nur leider fehlt der Geldgeber.

Durch einen Zufall wird der Journalist dann plötzlich in eine Sache hineingezogen, die eine ganz andere Tragweite hat als seine harmlosen Lifestyle-Beiträge. Während er im Intercity nach Basel sitzt, wird der Zug in einem Tunnel gewaltsam zum Halten gebracht. Bald stellt sich heraus, dass draußen ein Toter liegt. Mord oder Selbstmord? Jonas Brand filmt die Szenerie und die Fahrgäste, nur das Bündel Mensch, das im Tunnel liegt, spart er aus, er gehört nicht zu den Abgebrühten seiner Zunft.

Wenig später passieren eine Reihe weiterer unschöner Dinge. Brand entdeckt zufällig, dass er im Besitz von zwei Hundert-Frankenscheinen mit derselben Seriennummer ist. Beide echt, wie ihm seine Bank bestätigt.

Brands ungewöhnliche Entdeckung bleibt nicht folgenlos: Seine Wohnung wird aufgebrochen und durchwühlt, er selbst auf offener Straße überfallen und ausgeraubt. Wie hängt das alles zusammen?

Schlimmer als die Finanzkrise

Jonas Brand recherchiert und hat bald Material in der Hand, das nicht nur eine große Schweizer Bank in den Ruin treiben, sondern das gesamte Finanzsystem ins Wanken bringen könnte. Eine Katastrophe, die weitaus schlimmer wäre als die Finanzkrise, die 2007 mit dem Platzen der amerikanischen Immobilienblase begann.

Für einige Schlüsselfiguren aus der Finanzwelt ist klar, dass Brand aus dem Verkehr gezogen werden muss. Er selbst weiß, dass er in einem Wettlauf mit der Zeit recherchiert. Marina, seine neue Freundin, die bei einer Eventagentur arbeitet, hat Angst um ihn, und Jonas vertraut ihr vorbehaltlos.

Bis zu diesem Punkt gelingt es Martin Suter glänzend, den Plot auf die Spitze zu treiben und sich als Spannungs-Profi zu zeigen. Auch wie er die Handlung von Brands Filmprojekt, das plötzlich doch realisiert werden kann, in die Finanzmarkt-Story einbindet, ist äußerst trickreich. Dazu gibt es, wie so oft bei Suter, viel Staffage aus der Welt der Reichen und Mächtigen, die der Autor genüsslich in zahlreichen Details vorführt, vom exquisiten Essen ("Gekühlter bretonischer Hummer in Gelee mit frischen Mandeln") bis zum Luxushotel, dem Mandarin Oriental in Bangkok.

Seinem eleganten Stil mit geschliffenen Dialogen (manchmal etwas artifiziell, aber nett zu lesen) bleibt der Autor auch in "Montecristo" treu. Hübsch sind ebenfalls einige Randbemerkungen, etwa wenn er eines der ersten Rendezvous zwischen Jonas und Marina kommentiert: "Marina erzählte ihm ihr Leben, als bewerbe sie sich um eine Stelle in seinem. Sie beantwortete auch seine Zwischenfragen gewissenhaft, auch die, die er nicht stellte."

Das Ende des Romans ist dann recht überraschend. Suter führt uns vor, dass wir alle in einer "großen Seifenblase" der Illusionen leben, von der niemand will, dass sie platzt. Weil sie dazu dient, das System aufrechtzuerhalten. Das hat zwar eine gewisse Logik - und trotzdem: Wir sind hier im Thriller. Die vom Autor raffiniert aufgebaute Spannung verpufft sehr plötzlich. Und Jonas, der etwas blass geratene Ermittler, darf nun wieder privatisieren.

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Martin Suter
Montecristo

Diogenes; 320 Seiten; 23,90 Euro.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.