Kurzgeschichten über das Straucheln Im richtigen Moment fehlt der Mut

Die eine verheddert sich in einer Beziehung mit einem Besserwisser, die andere zeigt zu wenig Courage: Der englische Autor Chris Power beobachtet Menschen, die sich befreien wollen - und doch in Routinen feststecken.

Autor Chris Power besitzt ein Gespür für Stimmungen
Claudia Burlotti

Autor Chris Power besitzt ein Gespür für Stimmungen


Der deutsche Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre verstand eine gelungene Kurzgeschichte als "ein Stück herausgerissenes Leben". Und die große libanesische Dichterin Etel Adnan definierte sie einmal als "eine ganz eigene, in sich verkappte Welt, als wäre man auf einer kurzen Expedition, bei der man sich mit angehaltenem Atem voranbewegt." Von kleineren oder größeren Expeditionen ins Innere und Äußere handeln auch die zehn kürzlich auf Deutsch erschienenen Erzählungen von Chris Power.

In "Mothers" begegnen wir Menschen, die endlich raus wollen aus den Gefängnissen ihrer sie mehr und mehr lähmenden Routinen. Doch sobald sie einen beherzten Schritt auf neues, ihnen unvertrautes Terrain wagen könnten, geraten sie ins Straucheln - und geben kleinlaut auf.

Preisabfragezeitpunkt:
10.09.2019, 17:15 Uhr
Ohne Gewähr

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Chris Power
Mothers: Erzählungen

Verlag:
Ullstein Hardcover
Seiten:
288
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Bernhard Robben

Exemplarisch demonstriert dies das vielleicht beste Stück der Sammlung, die Erzählung "Die Flussüberquerung", in der zwei Frischverliebte zu einer Wanderung aufbrechen. Denn mit jedem Schritt, den sie sich durch eine unwirtliche britische Hügellandschaft weiter vorankämpfen, begreift Ann, wie dünn das Gefühlsband in Wahrheit ist, das sie mit dem besserwisserischen Jim verbindet. "Als sie ihn auf der Party in Chalk Farm damals in dem großen, heruntergekommenen Haus gesehen hatte, wollte sie gleich mit ihm schlafen. Und sie hatte mit ihm geschlafen, wünschte sich jetzt aber, sie hätte es dabei bewenden lassen."

Powers Charaktere bleiben ihrer Lethargie treu

Der englische Story-Schreiber Power versteht es, die Risse, die sich plötzlich in den Beziehungen seiner Figuren auftun, anzudeuten - und sie im Bestfall in Form von "Fetzen herausgerissenen Lebens" freizulegen. Darin erinnert er von fern an die Meister der amerikanischen Short Story André Dubus, John Cheever oder Tobias Woolf. Denn ähnlich wie sie erzählt Power von Menschen, die sich am Ende in ihre Fantasien flüchten, in denen sie das durchspielen, was ihnen im wahren Leben nicht gelingen will.

Und wenn sie dann doch einmal die Chance hätten, sich den anderen zu öffnen oder über sich selbst zu triumphieren, verfallen sie in Schweigen - oder wenden sich reglos ab. So wie Ann es tut, die am Ende ihrer Tour zu keinen adäquaten Gefühlsregungen mehr fähig ist. Sie muss mitansehen, wie Jim bei dem Versuch, einen Fluss zu überqueren, das Gleichgewicht verliert - und ins Wasser stürzt. "Er wurde unter die Brücke gespült, und Ann sah, wie sein Kopf gegen einen Haufen scharfer Steine prallte. Er lag mit dem Gesicht nach unten im Wasser, wurde aber rasch fortgeschwemmt, um eine Biegung gewirbelt, und war dann weg."

Power, der seit 2007 eine Kolumne für den Londoner "Guardian" über Short Stories schreibt, erweist sich in seinen Geschichten als genauer Beobachter, der um die komplizierte Mechanik der Kleinen Form weiß, sich darüber aber leider allzu oft in den Beschreibungen irgendwelcher Nebensächlichkeiten verliert.

Denn wo eine konsequente Zuspitzung des Handlungsablaufs notwendig gewesen wäre, um jenen Moment einzuleiten, in dem sich das Setting in einen "blitzlichthell erleuchteten Raum" verwandelt, wie Etel Adnan es nennt, in dem sich urplötzlich ganze Lebensläufe infrage gestellt sehen, da verlässt ihn die erzählerische Kraft - oder er weicht unerklärlicher Weise aus.

Das ist insofern schade, als dieser Autor ein ausgeprägtes Gespür für Stimmungen hat, wie er in dem Auftaktstück der Sammlung, "Sommer 1976", beweist. Darin entspinnt er die Geschichte der heranwachsenden Eva, die mit dem Blick einer frühreifen Ethnologin das Partyleben ihrer Eltern beobachtet - und sich darüber in ihren Tagträumen verliert. Bis der kleine, furchtlose Herumtreiber Nisse sie zu faszinieren beginnt. "Er spielte Krieg mit den übrigen Jungen, dachte sich unangenehme Schicksale für Insekten aus, die er in den Blumenbeeten sammelte, und rannte um die Gebäude, wobei er mit Stöcken gegen die Wände schlug."

Tragödie und Hoffnung liegen dicht beieinander

Eva ist fasziniert von den Streichen, die der Junge seiner Umwelt spielt. Doch als sie vor die Entscheidung gestellt wird, für ihn Partei zu ergreifen, wird sie schwach - und verrät ihn. Ein Umstand, der sie noch Jahre später verfolgen wird. "Ich kann sie heute noch fühlen, fünfzig Jahre später, die absolute Einsamkeit, auf jenem Weg, fühle sie jetzt vielleicht noch stärker als damals."

Powers Erzählungen bestechen durch einen sensiblen, sicheren Blick für jene Details und Ereignisse, die den Alltag seiner Figuren charakterisieren. Sie machen ihn zu einer ständigen Gratwanderung, in der Tragödie und die Hoffnung auf eine Zäsur meist nur haarbreit voneinander entfernt sind. Vor der letzten Zuspitzung aber, die seine Stories zu etwas ganz Besonderem machen würden, schreckt er zurück.

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insgesamt 1 Beitrag
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meresi 14.09.2019
1. Spiegelleser
schreiben das letzte Kapitel/oder Ende von short stories. Das wär mal ein Thema...sollte man aufgreifen. Bei Die Flussüberquerung, würde ich sie um die Biegung gehen lassen, ein letzter Versuch herauszufinden wohin ihr Freund verschwunden ist. Sie strauchelt auf der Böschung, beim Sturz bleibt sie mit einem Bein zwischen 2 Steinen hängen und kann sich nicht mehr befreien. Kein Handy ready, nun hat sie Zeit ausführlich über alles nachzudenken.
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