Neuer Roman von Tom Perrotta Von Denkfesseln befreit

Er lieferte einst die Vorlage zur HBO-Serie "The Leftovers". Nun hat US-Autor Tom Perrotta eine Heldin geschaffen, die die eigene Sexualität neu erfindet - und so auch sich selbst. Hinreißend!

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Tom Perrottas 2011 erschienener Roman "The Leftovers" lieferte dem HBO-Produzenten David Lindelof Plot für insgesamt 28 Folgen Erfolgsserie: In dem Buch verschwinden im Oktober 2011 plötzlich zwei Prozent der Weltbevölkerung spurlos - das stürzt den großen Rest in eine Denk-und Fühlkrise von so nie dagewesenem Ausmaß.

Seither gilt der 1961 in New Jersey geborene Tom Perrotta als feste Größe im amerikanischen Seriengeschäft. Fast zwangsläufig geht auch sein 2017 in den USA erschienener, sehr lustiger und nun auf Deutsch vorliegender Roman "Mrs Fletcher" in Serie - deren Ausstrahlung im US-Fernsehen ist für den kommenden Herbst geplant. Und man darf gespannt sein, wie sich der kunstvoll zu einem multi-perspektivisch angeordneten Erzählfilm montierte Reigen aus Amerikas klimatisierter Mittelstandshölle auf der Mattscheibe macht.

Tom Perrotta: feste Größe im amerikanischen Serien-Geschäft
Mark Ostow/ dtv

Tom Perrotta: feste Größe im amerikanischen Serien-Geschäft

Das Ganze mag sich für Perrotta, der bei der Serien-Adaption auch als Executive Producer fungiert, finanziell auszahlen. Bei den Lesern und Leserinnen seiner großartigen Romane erzeugt es aber wiederkehrend das leicht irritierende und angesichts der besonderen Talente dieses Schriftstellers auch unangemessene Gefühl, bloß romanhafte Nachschriften zu den von ihm zuvor inspirierten Serien in Händen zu halten.

Ganz genau betrachtet aber ist hier ein Schreiber am Werk, der nicht nur wiederkehrend originelle Erzählstoffe zu generieren vermag, sondern zudem über eine Sprache verfügt, die in wenigen, punktgenauen Wendungen ganze Menschenleben zu umreißen vermag. Darin erinnert Perrotta an die großen Short-Story-Schreiber der Achtzigerjahre, etwa an Raymond Carver. Kein Wunder, hat Perrotta sich seinen Feinschliff doch bei einem anderen Großen jener Dekade, bei Tobias Wolff, am berühmten Iowa-Writers Workshop geholt.

Wie eine vollendete Short Story

Wolff, dessen Romanvorlage "This Boys Life" Michael Caton-Jones 1993 mit Robert de Niro, Ellen Barkin und dem blutjungen Leonardo DiCaprio in den Hauptrollen zu einem unheilvollen Gefühlsunwetter verdichtete, schärfte Perrottas Stil und seinen besonderen Blick für das scheinbar unbedeutende, aber sprechende Detail. Und genauso liest sich "Mrs Fletcher" denn auch: kurzweilig wie eine vollendete Short Story.

Im Zentrum die wunderbare Eve Fletcher, die als Geschäftsführerin eines Seniorenheims infolge einer gescheiterten Ehe nach einer neuen weiblichen und sexuellen Identität sucht: Zunächst hofft sie, ihr Glück bei Tinder zu finden, entdeckt aber eines Tages, zunächst zögerlich und von Schamgefühlen begleitet, dann aber wildentschlossen, die Vorzüge der Internet-Pornografie: "Sucht war ein düsteres Wort, durch und durch negativ. Vielleicht war daher Angewohnheit der bessere Begriff. Leute waren süchtig nach Heroin. Aber ihren Morgenkaffee tranken sie aus Gewohnheit. Ich habe eine Porno-Angewohnheit, dachte Eve, probierte das Wort aus. Ein paar Vorteile hatte die Sache definitiv. Sie hatte viel mehr Orgasmen als zuvor."

Preisabfragezeitpunkt:
27.05.2019, 07:30 Uhr
Ohne Gewähr

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Tom Perrotta
Mrs Fletcher: Roman

Verlag:
dtv Verlagsgesellschaft
Seiten:
416
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Johann Christoph Maass

So macht Perrotta uns im Folgenden zu staunenden Zeugen von Eves Persönlichkeitswandlung und ihrer Befreiung - weg von konservativen Denkmustern hin zu neuen Vorstellungsmodellen und damit verbundenen, bislang ungenutzten sexuellen Möglichkeiten.

Doch Eve arbeitet nicht nur an einer Neuausrichtung ihres Denkens und Fühlens, sondern beginnt auch, ihre Mitmenschen aus einer neuen Perspektive wahrzunehmen: etwa ihre Mitarbeiterin Amanda, mit der sie sich plötzlich eine Affäre vorstellen kann. Oder die faszinierende schwarze Transe Margot, die das Schreibseminar zum Thema "Gender und Gesellschaft: Ein Überblick" leitet, das Eve am örtlichen Community College belegt hat. Und auch Julian, den ehemaligen Mitschüler ihres Sohnes, dem sie in dem Seminar über den Weg läuft - und dem sie irgendwann Nacktfotos von sich schickt.

Grandiose menschlichen Komödie

Schließlich legt sie sich sogar einen neuen Namen zu, Ursula, der für ihren Aufbruch in ihr neues, von den alten Denkfesseln befreites Leben stehen soll. "Und wie ist diese Ursula so?", fragt ihre Mitarbeiterin sie einmal. "Mutiger als ich" antwortet Eve. "Sie macht was sie will. Kümmert sich nicht mehr so darum, was die anderen denken. Nimmt sich, was ihr zusteht. Sie will einfach leben und aufregende Dinge tun."

Zwar erleben wir Eve doch irgendwann im Brautkleid vor dem Eintritt in eine neue Ehe. Doch Perrotta, der Schöpfer dieser grandiosen menschlichen Komödie um Gender-Fragen, sexuelle Selbstbefreiung und Neuausrichtung lässt keinen Zweifel daran, dass Eve nicht schon morgen wieder zu Ursula werden könnte, wenn ihr Innerstes danach verlangt.

Was bleibt, ist ein ehrfürchtiges Niederknien vor soviel Lebensklugheit, wie sie der Teufelskerl Perrotta hier in Person seiner hinreißenden Eve demonstriert. Denn wie bemerken Eves Wegbegleiter Justin und Amanda, nachdem sie mit ihr, der deutlich Älteren, eine gemeinsame sexuelle Erfahrung gemacht haben: "Nichts gegen Eve!" versicherte Julian. "Sie ist echt nett." Und weiter: "Eve ist super", pflichtete Amanda ihm bei. "Alle lieben Eve."



insgesamt 3 Beiträge
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conscastenstine 27.04.2019
1. In gebührender Kürze:
Diese Romanbesprechung ist zu dürr. Ein einziger diffuser Hinweis zur Sprache, keine Beispiele und keine nachvollziehbare Begründung, was den – möglicherweise tatsächlich tollen – Roman so toll macht. Was bleibt, ist ein ratloses Kopfschütteln vor soviel Unfähigkeit, wie sie der Kritiker hier demonstriert.
Ernst Biedermann 27.04.2019
2. Viel heiße Luft
Der Roman "The Leftovers" erschien in den USA im Jahr 2011 und nicht im Jahr 2017 (wie es der Artikel fälschlicherweise behauptet). Auch ansonsten ist der Artikel wenig präzise. Es wird sehr viel heiße Luft produziert, die am Ende sogar zu einem "ehrfürchtigen Niederknien" des Autors führt, aber leider nicht zu überzeugen vermag.
Hans Bitterman 27.04.2019
3. Eine Frau wird sexy und der Kritiker flippt aus
Der Roman wird als "kunstvoll zu einem multi-perspektivisch angeordneten Erzählfilm montierte(r) Reigen" bezeichnet. Und das soll man verstehen? Welche verschiedenen "Perspektiven" der Roman einnimmt, wird auch im weiteren Verlauf der Besprechung nicht ersichtlich. Die Perspektiven und Emotionen des Kritikers jedoch schon: er findet den Roman "sehr lustig" (ohne auf auch nur eine einzige "sehr lustige" Passage Bezug zu nehmen). Eve ist "wunderbar" und der Roman eine "grandiose menschliche Komödie" (schon wieder). Den Hintergrund des Romans bilde "Amerikas klimatisierter Mittelstandshölle". Aha. In Amerika gibt es also eine Mittelstandshölle. Der Kritiker muss es ja wissen. Aber taucht sie im Roman auch auf? Die Kritik bietet dafür keinen Anhaltspunkt. Und am Ende angekommen stellt sich der Leser die Frage, was den Kritiker nun eigentlich begeistert habe: die literarische Kunst des "Teufelskerls" Tom Perrotta oder vielleicht einfach nur die Tatsache, dass eine nicht mehr ganz so junge Frau plötzlich den Sex für sich entdeckt? Reicht eine solche Geschichte schon aus, um dem "Teufelskerl" Perrotta "soviel Lebensklugheit" zu bescheinigen?
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