Buch "Mutterschaft" Keine Kinder wollen

Muttersein oder Nichtsein? Sheila Heti zählt zur Literatur-Avantgarde Amerikas. Nun ist ihr Buch über gewählte Kinderlosigkeit auf Deutsch erschienen - es besticht durch eine gedankliche Freiheit, die sich viele nicht nehmen.
Sheila Heti

Sheila Heti

Foto: Angela Lewis/ Rowohlt

Zum Thema Kinder haben alle was zu sagen. Kaum jemand, der dazu keine persönliche Meinung hat. Kaum jemand, der sich nicht angegriffen fühlt, wenn jemand eine andere Meinung äußert. Umso erstaunlicher ist es, was die kanadische Autorin Sheila Heti mit ihrem Buch "Mutterschaft" geschafft hat. Sie nimmt sich nicht nur einem Aspekt dieses Themas an, der bislang wenig diskutiert wurde: Der Frau, die kein Kind will. Heti tut das vor allem, ohne in Klischees zu verfallen: Keine nervigen Mütter, keine egoistischen Nicht-Mütter. Keine Abhandlung über schmierige Kinderhände und Schlafentzug. Keine einsame Frau ohne Nachwuchs, kein Hass auf Familien.

Natürlich fühlen sich trotzdem einige von Hetis Buch angegriffen. Seitdem es im Mai 2018 in den USA und Kanada erschienen ist, wurde es ausgiebig in der englischsprachigen Presse diskutiert. Unter anderem von Frauen, die betonen, selbst Kinder zu haben und manchmal so säuerlich schreiben, als hätte ihnen Heti ihren gebundenen Roman kurz zuvor mehrfach ins Gesicht geschlagen.

Das mag auch an solchen, vielleicht schmerzenden Gedankengängen von Heti liegen: "Ich weiß, dass ich mehr habe als die meisten Mütter. Aber zugleich habe ich weniger. In gewisser Weise habe ich gar nichts. Doch ich mag das und denke, ich will kein Kind." Dieser Gedanke, dass weniger, ja vielleicht sogar Nichts, so viel mehr sein kann - wie sollte der nicht treffen?

Die Protagonistin, die das denkt, ist zu Beginn des Buches Mitte 30 und am Ende 40 Jahre alt. Sie ist Schriftstellerin, lebt in Toronto, hat einen Freund, der schon ein Kind hat, aber ihr auch eins machen würde - wenn sie denn will. Diese Frage, ob sie ein Kind bekommen sollte, stellt sich aber kaum. Die Protagonistin ist mehr mit ihrem Bedürfnis beschäftigt, kein Kind zu haben. Das ist ein großer Unterschied.

Sheila Heti

Sheila Heti

Foto: Leah Walker

Sheila Heti hat keinen Ratgeber geschrieben. Sie gibt keine Antwort auf die großen Kinder-Fragen und will nicht für alle Frauen sprechen. Ihre Stärke ist es, in einfachen Satzkonstruktionen komplexe Gefühle in die Welt zu lassen. Es geht nicht um das Besser oder Schlechter. Hetis inhaltlicher Ansatz, das Nicht-Interesse ihrer weiblichen Figur an einem eigenen Kind, ist literaturgeschichtlich geradezu revolutionär.

Sie überlässt dabei keiner heroischen Frau das Wort, sondern einer zutiefst ambivalenten. Die sich immer wieder fragt: Ist mein Nein okay? Und wenn ja, warum fällt es dann so schwer? Auch dafür findet Heti einen berührenden Satz: "Es liegt eine Art Traurigkeit darin, etwas nicht zu wollen, was dem Leben so vieler anderer Bedeutung verleiht."

Eine Art Grundschuld

So spürt die Autorin neue große Fragen auf. Sie pult so lange im Fleisch des Gedankenstroms ihrer Protagonistin herum, dass sie selbst tief Verborgenes intellektuell sezieren kann. Ein Kapitel ist allein der Verbindung zur eigenen Mutter gewidmet. Es sei nicht möglich, über Fortpflanzung nachzudenken, ohne die eigene Mutter, die Großmutter und wiederum deren Mutter im Kopf zu haben. "All diese Frauen, die das füreinander getan haben. Diese Familienreihe an Frauen, die man selbst dann beendet."

Doch Hetis Auseinandersetzung hört hier nicht auf. Es ist nicht die bloße Weitergabe der eigenen Gene, die sie an dieser Stelle beschäftigt. Es ist eine Art Grundschuld, weil sie selbst, wie auch ihre Protagonistin, als Jüdin kein Kind bekommt und damit das Fortleben der eigenen Religion beschränkt. Die Großmutter hat den Holocaust überlebt und die Enkelin beendet die Familienreihe - da hat der Wunsch, kein Kind zu bekommen, schon Gewicht.

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Heti, Sheila

Mutterschaft

Verlag: Rowohlt Buchverlag
Seitenzahl: 320
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Wie auch in ihren anderen Geschichten und Essays lässt die Autorin Heti ihre Protagonistin sich selbst sehr nahe kommen. Sie teilen sich den Beruf, den Wohnort, die Art zu leben, das Alter. Heti ist bekannt für ihr autofiktionales Erzählen. Ihre Figuren tatsächlich mit der Schriftstellerin zu verwechseln, sollte man aber nicht. Heti weiß genau, was sie macht. Sie will auch bewusst eine Wirklichkeit schaffen, die es eben noch nicht gibt.

Manchmal ist das erzählerisch sperrig. So befragt die Protagonistin in "Mutterschaft" chinesische Münzen, die mit "ja" oder "nein" antworten, wenn sie selbst nicht mehr weiter weiß. Sie lassen die Hoffnung, eine allgemeingültige, wohldurchdachte Antwort zu finden, bald völlig absurd erscheinen. Die Sehnsucht danach wird aber besonders durch die Wiederholung des Befragungsvorgangs spürbar. Und bisweilen scheint sich die Autorin, die übrigens immer schon gewusst haben will, "dass ich kein Kind bekommen möchte", damit auch über sich selbst lustig zu machen:

"Ich muss fragen, ob ich eine dieser blassen, zerbrechlichen Schriftstellerinnen bin, die nie das Haus verlassen, keine Kinder haben und mich schon von jeher irgendwie faszinieren und erschrecken?

ja

Kann ich irgendetwas tun, um nicht so zu sein?

nein."

"Mutterschaft" ist ein ungewöhnliches Buch, das man gerne zwischendurch mal weglegt, um etwas Netteres zu lesen. Hetis Roman trägt jedoch wirklich scharfsinnige Beobachtungen in sich. Und eine gedankliche Freiheit, die alle gut gebrauchen können.