Kulturgeschichte der Geschlechterbilder Die Milchstraße besteht aus verspritzter Göttinnenmilch

Wie haben sich unsere Vorstellungen, was Männer und was Frauen ausmacht, festgesetzt? Die Literaturwissenschaftlerin Mineke Schipper spürt dem "Mythos Geschlecht" von der Urzeit in die Gegenwart nach.
Ein Busen auf zwei Beinen? Die "Venus vom Hohle Fels" im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren

Ein Busen auf zwei Beinen? Die "Venus vom Hohle Fels" im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren

Foto: Ernst Wrba/ mauritius images

Die älteste bekannte Darstellung eines Menschen ist weiblich und nackt: sechs Zentimeter groß, geschnitzt aus dem Zahn eines Wollhaarmammuts. Die Brüste ragen überdimensional wie zwei Melonen nach vorne. Die Hüften sind üppig, breiter als die Schultern. Die sogenannte Venus vom Hohle Fels ist mindestens 35.000 Jahre alt, die Oberfläche zerfurcht von Rillen. Zwischen den Beinen aber liegt immer noch deutlich sichtbar das Schamdreieck mit Vulva, drinnen eine eingeschliffene Ritze. Der Kopf fehlt, und wahrscheinlich hatte die Statuette auch nie einen. Am Hals sieht man eine Öse.

Über Interpretationen streiten sich Wissenschaftler bis heute: Die einen halten die Venus für ein Fruchtbarkeitssymbol. Für die anderen grenzt die Figur schon an Pornografie. In einer Sache aber sind sich die meisten einig: Busen, Vulva und Po spielen offenbar eine zentrale Rolle.

Ein Busen auf zwei Beinen, könnte man nun fragen - ist da wirklich noch so viel Deutungsspielraum? In ihrem neuen Buch "Mythos Geschlecht" zeigt Mineke Schipper allerdings, dass Frauenkörper zumindest in frühen Überlieferungen vermutlich noch weit vom stilisierten Sexobjekt entfernt waren.

Noch in antiken Erzählungen werden Frauen demnach zwar primär in ihren Körperfunktionen als das "andere Geschlecht" dargestellt. Genau mit dieser Andersartigkeit werden sie damals aber oft noch bewundert und als Symbol von Fruchtbarkeit verehrt.

Kinder bedeuteten in vielen Kulturen Macht, sicherten die Nachkommenschaft. Schöpfergottheiten waren deshalb in vielen Fällen weiblich. Noch in älteren Mythen aus Mesopotamien und Ägypten strömten aus der Vagina der Erde Leben spendende Flüsse. In kolumbianischen Erzählungen ist zu lesen, wie aus dem Mutterschoß Erde, Pflanzen, Tiere und Menschen kamen. Und sogar am Himmel hat nach der griechischen Mythologie eine Frau körperliche Spuren hinterlassen: Bis heute ist demnach die Milch der Göttin Hera als Milchstraße sichtbar.

Gebärmutterneid

Schipper beschäftigt sich in ihrer Forschung mit dem Mythos im klassischen Sinne, als Erzählgeflecht, das sich über Jahrhunderte entwickelt hat. Ein Fokus liegt bei ihr auf der Erzählung von Geschlechterrollen. Bekannt wurde die niederländische Autorin unter anderem mit ihrem Titel "Eine gute Frau hat keinen Kopf", in dem sie sich mit - zumeist diskriminierenden – europäischen Sprichwörtern über Frauen auseinandersetzt.

Ein paar nennt Schipper auch in ihrem neuen Buch. "Heirate nie eine Frau, deren Füße größer sind als deine eigenen": So zitiert sie aus Afrika. "Eine Frau, die kein Talent hat, hat schon etwas Gutes": ein bis heute bekannter Spruch aus China. Aus den meisten Zitaten spricht eine Mischung aus Herabsetzung und Angst vor dem weiblichen Körper. Das fängt an bei den Kindern.

Wie genau Kinder produziert wurden, war lange Zeit ein Rätsel. In frühen Geschichten war der Mann oft körperlich noch nicht einmal beteiligt. Um Kinder zu bekommen, beteten Frauen in einigen Kulturen zu den Sternen, in anderen pilgerten sie. Nach einer Baniwa-Geschichte aus Brasilien wurde die erste Frau beispielsweise schwanger, indem sie sich einfach einen Zweig gegen die Wange drückte. Männer spielten also beim Thema Fortpflanzung in Erzählungen eine eher untergeordnete Rolle.

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Mineke Schipper

Mythos Geschlecht

Verlag: Klett-Cotta
Seitenzahl: 352
Übersetzerin: Bärbel Jänicke
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Genau hier aber zeigen sich laut Schipper die ersten Schritte zu einer späteren Genderdiskriminierung. Zwischen Mann und Frau entstand demnach in frühen Erzählungen ein Machtgefälle. Damals noch zulasten der Männer. Der Mann drohte, als Erzeuger überflüssig zu werden. Männer, so Schipper, hätten deshalb ein zunehmendes "Kompensationsbedürfnis" entwickelt. Statt Penisneid also: Gebärmutterneid. In monotheistischen Religionen, folgert Schipper, wurden Frauen deshalb als Schöpferinnen allmählich von einem "autonomen, oft männlich vorgestellten Himmelsgott ersetzt".

So ganz ließ sich der körperliche Unterschied offenbar nicht überwinden. Männliche Götter bekamen immer wieder anatomische Extras, in Form von Gebärmüttern und Brüsten. Der Schöpfungsgott Shiva in der indischen Hindu-Kultur etwa trägt auf einer Seite eine pralle Brust. In der Bibel wird Adam nur mit Behelfsmitteln zum Schöpfer: Die Urmutter Eva schneidet er sich aus einer Rippe. Und Bumba, der Gott der kongolesischen Kuba, erbricht die komplette Schöpfung.

Haben Frauen wirklich keine eigenen Erzählungen?

Schipper beschreibt anhand von Textbeispielen unterschiedlicher Kulturen, wie biologisches Geschlecht (um)erzählt wurde - und wie sich so der "kleine Unterschied" weltweit zu einer gesellschaftlichen Ordnung etablieren konnte. Das ist allein deshalb schon spannend, weil sich damit die Perspektive auf die Genderproblematik dreht: Geht es nach Schipper, dann lieferten frühe Körperbilder von Mann und Frau "Argumente" für spätere Rollenbilder von Mann und Frau. Anders gesagt: Wenn Brüste und Vulva nicht mehr primär mit Kinderkriegen assoziiert werden, dann verschiebt sich die Bedeutung. Sex und die Befriedigung des Mannes bekommen Vorrang.

Der Genderkonflikt liest sich damit stellenweise etwas sehr eingedampft auf ein labiles "Gleichgewicht zwischen weiblicher Gebärfähigkeit und männlicher Leistungsfähigkeit". Körperfunktionen und Geschlechterrollen vermischen sich teilweise. Dazu kommt, dass Schipper zwischen Mann und Frau auch ein biologisches Ungleichgewicht in den Raum stellt: "Das unabweisliche Faktum, dass Männer für ihre ersehnten Söhne von Frauen abhängig waren, muss wohl das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern von Anfang an gestört haben."

Zwischen biologischem und gesellschaftlich geprägtem Geschlecht wird zumindest sprachlich oft nicht so recht unterschieden. Genau das aber ist auch das Besondere an dem Buch: Der Autorin geht es um den Mythos als Tradition von Erzählungen. Und damit letztlich um die Frage, wie auch Geschlecht erzählt und kulturell vermittelt wird und wie so etwas wie Gender überhaupt erst entstanden ist.

Zwar fußt die Argumentation auf der These, dass die meisten überlieferten Mythen männliche Sichtweisen wiedergeben. Haben Frauen aber wirklich keine eigenen Erzählungen? Wenn ja: Macht Frau sich also nicht allzu sehr zum Opfer, wenn sie die einfach nur übernimmt? So ohnmächtig ist Frau nicht, wie auch Schipper stellenweise zugibt: "Ohne weiblichen Widerstand wäre die männliche Furcht vor der weiblichen Anatomie und das Verlangen nach ihrer Kontrolle überhaupt nicht notwendig gewesen."

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