Korsika-Roman "Nach seinem Bilde" Wo man fürs Unbeteiligtsein bestraft wird

Zwischen korsischen Nationalisten und jugoslawischen Soldaten: Im Roman "Nach seinem Bilde" erzählt Jérôme Ferrari von einer Fotografin in Zeiten des Krieges. Erschütternd, im besten Sinne.

Totenmesse auf Korsika: Die Rituale gliedern den Roman
Gerard Fouet/ AFP

Totenmesse auf Korsika: Die Rituale gliedern den Roman

Von Elke Schmitter


Der korsische Autor Jérôme Ferrari, 51, ist einer, der aufs Ganze geht. Herrlichkeit und Krieg, Gewissen und Verzweiflung: Wer schön, aber folgenarm unterhalten sein will, wird an seinen Büchern keine Freude haben. Allen anderen kann man ihn nur wieder und wieder empfehlen.

Seinen sechsten Roman widmet Ferrari - wie immer in Form einer klassischen, spannungsgeladenen Erzählung - zwei erschöpften kulturellen Praktiken, der katholischen Religion und der Fotografie.

Letztere allerdings nicht als Instagram-Futter oder als Lebensbegleiter im Selfieformat (die Romanhandlung endet 1993, also lange vor der gegenwärtigen Bilderflut). Sondern als eine Kunst der Konzentration, bei der dem Zufall gleichwohl eine wesentliche Rolle zukommt: Eine der beiden Protagonisten in "Nach seinem Bilde" ist die Korsin Antonia, der ihr Patenonkel - die zweite Hauptfigur - eine Kamera schenkt.

Die Schülerin, deren enges, familiär geprägtes Leben auf der Insel wenig Anregung bietet, verfällt dieser Beschäftigung geradezu. Sie probiert herum, doch sie "musste sich eingestehen, dass der Großteil aller Momente es kaum verdiente, dem Verfall auf wundersame Weise entzogen zu werden. Erst als der August des Jahres 1979 anbrach, schoss sie, beinahe ohne es zu wollen, das erste Foto, das aufzubewahren sie für würdig hielt."

Preisabfragezeitpunkt:
16.09.2019, 16:51 Uhr
Ohne Gewähr

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Jérôme Ferrari
Nach seinem Bilde: Roman

Verlag:
Secession Verlag für Literatur
Seiten:
208
Preis:
EUR 20,00
Übersetzt von:
Christian Ruzicska

Auf diesem Bild sieht man ihre älteren Freunde vor einem Café am Strand, während von links eine Familie mit Kindern - Touristen - auftaucht. "Sie gingen lächelnd ihres Weges, als gäbe es die außergewöhnlich feindselige Welt gar nicht, die sie umgab." Eine unabsichtliche Rempelei führt im nächsten Moment zu einem kurzen Exzess von Brutalität - den Antonia allerdings nicht fotografiert. "Die Erniedrigung eines Mannes, der vor den Augen seiner Kinder verdroschen wird, sein Entsetzen und seine Schwäche, und dann auch noch der widerwärtige kollektive Lustschauer, der die Zuschauer durchlaufen hatte, dies alles musste für immer in den Abgründen der Vergangenheit verschwinden." Der Augenblick vor dem Ereignis hält eine Situation fest, bevor sie gewalttätig wird; noch ist ein anderer Fortgang möglich.

Jérôme Ferrari
Mathias Bothor

Jérôme Ferrari

Der Kontrast zwischen persönlicher Unschuld oder Ahnungslosigkeit und einer Umgebung, die dieses Unbeteiligtsein - des Touristen oder auch des Zivilisten in kriegerischen Regionen, aber auch des Naturwissenschaftlers im Zeitalter der Massenvernichtung (wie im Roman "Das Prinzip" über den Atomphysiker Werner Heisenberg) - zerstört und gewissermaßen bestraft, macht die wesentliche Dynamik in Ferraris Werk aus.

Die Konflikte, in die seine Figuren geraten, resultieren immer wieder daraus, dass sie eine Grenze überschreiten, ohne es zu merken, dass sie naiv oder auch willkürlich ins Risiko gehen. Auch Antonia sucht als Erwachsene die Gefahr; sie verlässt Korsika, als Einzige ihrer Schulkameraden, und geht nach Belgrad, als der Krieg in Jugoslawien beginnt - ohne Sprachkenntnisse und ohne weitere Vorbereitung, auf der Suche nach einem existenziellen Ernst, der zu Hause nur im Untergrund wütet: Die nationalistische Bewegung, der viele ihrer Freunde angehören, verübt Attentate, verhält sich aber politisch klandestin. Ein offener, von militärischen Einheiten geführter Krieg, wie die serbischen Nationalisten ihn provozieren, ist dort allenfalls in dilettantischer, parolenhafter Vorbereitung. Ihre Zeit in Jugoslawien hält Antonia buchstäblich vor Augen, was aus den männerbündischen Terroraktionen in ihrer Heimat werden kann.

Ferraris Heldin stirbt noch als junge Frau. Die Totenmesse hält ihr Onkel, inzwischen zum Priester geweiht. Die Rituale der Zeremonie, vom Requiem aeternam bis zum abschließenden Totengebet, teilen den Roman in seine Abschnitte, in Rückblicke auf das Leben der Fotografin und ihres Paten wie in Meditationen über das Schicksal der Fotografen Gaston Chérau und Rista Marjanovic.

Wie stets in den Büchern von Jérôme Ferrari ist die Erschütterung im besten Sinne mit einer Belehrung verbunden - in diesem Fall über die Gabe, den Krieg zu dokumentieren und dabei den Verstand nicht zu verlieren.



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