Nachkriegsautor Anthony Powell gestorben

Der Schriftsteller starb am Dienstag in seinem Haus in der englischen Grafschaft Somerset im Alter von 94 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.


Powell, dessen Ironie und Witz als "typisch englisch" galten, zählte zu den wichtigsten Nachkriegsautoren Großbritanniens. Der "Daily Telegraph" würdigte ihn am Mittwoch als den letzten Vertreter einer Literatur-Generation, die Graham Greene, George Orwell und Evelyn Waugh einschloss.

Powell schrieb mehr als 20 Romane. Sein Hauptwerk, der autobiografisch angelegte Zyklus "Ein Tanz zur Musik der Zeit", entstand zwischen 1951 und 1976. Es erschien Ende der achtziger Jahre in deutscher Ausgabe. In den zwölf Bänden wird aus der Sicht der britischen Oberklasse, ein Panorama der Zeit zwischen den Kriegen, des Zweiten Weltkriegs und der Jahrzehnte danach, vermittelt. Die Serie wurde von dem TV-Sender Channel 4 verfilmt.

Die "Tänzer der Musik der Zeit" sind Künstler und Professoren, Geschäftsleute und Soldaten, Politiker und Schwärmer. Das breit angelehnte Erzählwerk gibt Einblick in die Denk- und Verhaltensweisen des Establishments, wobei auch schrullige Absonderlichkeiten nicht zu kurz kommen. Ein deutscher Kritiker nannte die Romanserie 1986 "eine der anmutigsten und gescheitesten Zyklen in diesem Jahrhundert", die durch Geist, Ironie und Witz gekennzeichnet sei. Aber Powell wurde häufig auch als "altmodischer Snob" und "typischer Vertreter einer gelangweilten Oberklasse" kritisiert.

Der Autor, Jahrgang 1905, war Sohn eines hohen Offiziers aus einer Familie von Gutsbesitzern. In den Elite-Bildungsstätten Eton und Oxford begegnete er in den zwanziger Jahren Graham Greene und Evelyn Waugh. Powell nahm aktiv am Zweiten Weltkrieg teil. Neben seinen schriftstellerischen Aktivitäten machte er sich nach Kriegsende als Literatur-und Kunstkritiker einen Namen.

Der aus Trinidad stammende Schriftsteller Sir V.S. Naipul nannte Powell am Mittwoch eine "überragende Figur der englischen Literatur." Powell sei "häufig missverstanden" worden. "Es ist schade, dass ihm das Klassenetikett angehängt wurde. Powell war ein Mann von enormer Sensibilität und Großzügigkeit", sagte Naipul.



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