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Literaturnobelpreisträgerin Lessing: Kritisch, feministisch, preisgekrönt

Foto: KIERAN DOHERTY/ REUTERS

Nachruf auf Doris Lessing "Es wird mir gefallen, tot zu sein"

Doris Lessing hielt nichts von Sentimentalität, aber viel von Engagement. Die Schriftstellerin war dem antikolonialen Kampf und der Frauenbewegung verbunden, ließ sich aber nie vereinnahmen. Sie selbst hielt sich einfach für "einen Teil des Zeitgeistes".

Es gibt da diese eine Szene, im Oktober 2007, als Doris Lessing, damals 88, mit dem Taxi vom Einkaufen kommt und ihr Haus in London von der Weltpresse belagert wird: "Fotografieren Sie hier irgendwen?" - "Wir fotografieren Sie!", antwortet ein Reporter: "Haben Sie die Nachricht gehört?" - "Nein." - "Sie haben den Nobelpreis für Literatur gewonnen!" Darauf Lessing: "Oh, Christ…", was man notdürftig mit "Ach, herrje …" übersetzen könnte. Dann winkt sie ab und wankt zum Taxi zurück, um erst einmal den Fahrer zu bezahlen.

Anschließend bedauert sie, gerade keine "erhebende Erklärung" parat zu haben. Diese Erklärung folgte kurz darauf: "Den Nobelpreis kann man niemandem verleihen, der tot ist, also haben sie sich wahrscheinlich gedacht, die geben ihn mir, bevor ich abkratze."

In seiner Begründung ehrte das Komitee Doris Lessing als "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat." Lessing: "Oh Gott, haben sie das über mich gesagt?"

Für diese resolute "No bullshit!"-Haltung wurde Doris Lessing als öffentliche Person ebenso geehrt wie gefürchtet. Ehrungen lehnte sie ab, Schmeicheleien mochte sie nicht: "Ich war nur Teil des Zeitgeistes." Umarmungen, ganz gleich von welcher Seite, entzog sie sich stets mit freundlicher Bestimmtheit. "Sentimentalität ist inakzeptabel", sagte sie einmal, "weil es ein falsches Gefühl ist", ein "kränkliches Sehnen".

In ihrem Herzen muss etwas gesteckt haben, wovon Graham Greene einmal sagte, dass es jeder echte Schriftsteller haben müsse - ein Splitter aus Eis. Aus dessen Herkunft hat sie nie einen Hehl gemacht.

Geboren wurde sie 1919 als Doris May Taylor in Iran, wo ihr Vater als kleiner Kolonialbeamter bei einer Bank arbeitete, bevor die Familie nach Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe übersiedelte. Im Ersten Weltkrieg hatte er ein Bein verloren, nun erzählte er seinen Kindern unablässig vom Grauen in den Schützengräben von Flandern, die der jungen Doris "immer präsenter waren als die echte Welt um mich herum". Aber auch ihre Mutter, im Krieg Krankenschwester, war versehrt, nicht zuletzt vom harten Leben als Maisfarmerin in Afrika. Oft rief sie ihre Kinder zu sich und klagte ihr Leid, über die Härte des Lebens "unter den Wilden", die lieblose Ehe - wofür ihre Tochter sie bald hassen, woraus sie sich bald selbst befreien sollte. Und nicht nur sich.

Ansichten zu Afrika waren ihrer Zeit weit voraus

Noch in Afrika heiratete sie 1945, es war ihre zweite Ehe, den deutsche Emigranten und Kommunisten Gottfried Lessing (dessen Schwester Irene die Mutter von Gregor Gysi sein würde), den sie in einem linksgerichteten Buchclub kennengelernt hatte. Bei der Trennung 1949 ließ sie zwei ihrer Kinder zurück und zog mit einem Sohn nach London, im Gepäck das Manuskript von "The Grass Is Singing" ("Afrikanische Tragödie"), noch geschult an Tolstoi oder Dostojewski. Darin erzählt sie die Geschichte einer verarmten Farmersfrau, die sich in einen schwarzen Bediensteten verliebt. Ein damals skandalöser Plot, skandalöser noch als die klassenkämpferischen Unterströmungen dieser postkolonialen Geschichte und ihres Werkes überhaupt.

Den Kampf gegen die Apartheid in Südafrika und für einen Boykott des Landes führte sie in erster Reihe. Auch im Alter blieb ihr Blick auf den Kontinent, den sie immer wieder besuchte, von modischen Auffassungen ungetrübt. So erklärte sie schon 1993 in einem SPIEGEL-Interview alle Bemühungen von IWF und Weltbank für obsolet und war damit der öffentlichen Meinung um Jahrzehnte voraus: "Ihr Ansatz ist falsch, sie geben riesige Geldbeträge aus, wo kleine Summen bessere Wirkung erzielen würden. Die Verhältnisse vor Ort nehmen sie oft gar nicht zur Kenntnis (…) Überall in der Dritten Welt sind es Frauen, die hart arbeiten. Wer in Simbabwe etwas erledigen lassen will, wendet sich an eine Frau. Sie sind eindrucksvoll: sehr stark, sehr optimistisch, tüchtig und außerdem auch noch sehr fröhlich."

Als ihr Hauptwerk gilt heute "Das goldene Notizbuch", das wohlwollende Experten gerne in einem Atemzug mit "Die Wellen" von Virginia Woolf einen Klassiker der literarischen Moderne nennen. Ein Klassiker der feministischen Literatur ist der experimentelle, stark fragmentierte Roman auf jeden Fall, beschreibt er doch unter anderem weibliche Erfahrungen erstmals aus radikal weiblicher Perspektive. In Deutschland und Frankreich erschien "Das goldene Notizbuch" erst 1978; da war es im Original längst zu einer "Bibel" der Frauenbewegung geworden, obwohl sich Lessing bereits 1972 in einem Vorwort von dieser Bewegung - wie zuvor schon vom "süßen Traum" des Stalinismus - deutlich distanziert hatte. Ihre Ablehnung der Vereinnahmung durch Feministinnen begründete sie so: "Wollen sie wirklich, dass man allzu vereinfachende Aussagen über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen macht? Genau das wollen sie. Mit großem Bedauern bin ich zu diesem Schluss gelangt."

Starke Meinungen bis zu zuletzt

Das hinderte Lessing nicht daran, das Verhältnis der Geschlechter immer wieder zu thematisieren - zuletzt im märchenhaften Roman "Die Kluft" von 2007, wo in einer zunächst idyllischen Welt voller Frauen mit der Geburt des ersten Knaben der moderne Geschlechterkampf losbricht. In den "Memoiren einer Überlebenden" (1974) lösen sich nicht nur familiäre Bindungen auf, sondern ganze Gesellschaften.

Als ihr eigentliches Hauptwerk aber betrachtete sie den weit ausholenden Zyklus "Canopus im Argos", der von der Kritik dem Science-Fiction-Genre zugerechnet wurde und, ausgehend von Lessings Interesse an Tiefenpsychologie und der Mystik des Sufismus, ganze Äonen umfasst. Da man, so Lessing, aus der Geschichte nichts lernen kann, schuf sie hier eine Utopie als Tableau, auf dem die Menschheit noch einmal auftreten konnte. Bevor sie im nuklearen Feuer untergeht.

Weniger wohlwollende Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki nahmen von diesen Grenzüberschreitungen der Vielschreiberin kaum mehr Notiz. Als sie den Nobelpreis bekam, erklärte Reich-Ranicki gereizt, er habe "vielleicht drei" ihrer Bücher gelesen, und "nichts hat mich wirklich beeindruckt". 2008 schließlich schloss sie mit "Alfred und Emily" einen weiten Kreis. Das Buch erzählt eine versöhnliche Biografie ihrer Mutter, wie sie hätte verlaufen können, wäre der Erste Weltkrieg niemals ausgebrochen. Danach schrieb sie kein weiteres Buch, insgesamt umfasst ihr Werk mehr als 50.

Zuletzt lebte sie mit ihrem Sohn Peter und ihrer Katze Yum-Yum in London und gab nur noch hin und wieder in Interviews Kostproben ihrer starken Meinungen - so etwa zum 11. September, den sie "schrecklich", verglichen "mit der Geschichte der IRA" aber auch "nicht allzu schrecklich" fand. In einem letzten Interview mit dem britischen "Telegraph" äußerte sie den Wunsch, eines Tages über ihre Katze zu stolpern und so zu sterben: "Es wird mir gefallen, tot zu sein. Es wird mich davon erlösen, mich wegen all dieser Kriege zu sorgen."

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