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Gestorben Joan Didion, 87

aus DER SPIEGEL 1/2022
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Ohne sie wären mehrere Generationen amerikanischer und auch einiger deutscher Autoren kaum denkbar gewesen. Vor allem ihre beiden Essaysammlungen »Slouching Towards Bethlehem« von 1968 und »The White Album« von 1979 lieferten die Vorlage für eine modernisierte Version des seit den frühen Sechzigerjahren in den USA kursierenden New Journalism.

Didion erweiterte die ohnehin subjektiv geprägte Textform um eine psychologische und emotionale Ebene, mit einem röntgenhaften Blick fürs Detail, vor allem für das kompromittierende. Sie war in fünfter Generation Kalifornierin, wie sie stets betonte, und darin lag auch ihre weltanschauliche Erdung. Das goldene amerikanische Versprechen – kein Ort stand dafür so wie Kalifornien. Es hieß, dort könnten Träume wahr werden, und viele wurden es in Hollywood ja auch. Für einige der Filme schrieb Didion zusammen mit ihrem Mann John Gregory Dunne die Drehbücher.

Andererseits verwies Didion immer wieder auf die Risse, die das Bild durchzogen, sah das Chaos und den Verfall, war skeptisch gegenüber Hippies oder der Frauenbewegung. So schien sie den Konservativen manchmal näher als den Beatniks, und bis zu ihrem Tod reklamierten die entgegengesetzten ideologischen Lager Didion als eine der ihren. Später rückten in Büchern wie »Das Jahr des magischen Denkens« Verlust und Älterwerden ins Zentrum ihrer teils schmerzvollen Betrachtungen. Joan Didion starb am 23. Dezember in New York.

oeh
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